So wurde Bremen zu Deutschlands Impf-Meister

Menschen stehen im Bremer Viertel in einer Schlange vor einem mobilen Impfzentrum.
Bremen ist Spitzenreiter, wenn es um Sachen Corona-Impfung geht. Ein Erfolgsfaktor hierfür: die mobilen Impf-Einsätze, wie hier im Bremer Viertel. Bild: Radio Bremen | Robert Otto-Moog

Fast 80 Prozent aller Menschen im Land Bremen sind gegen das Coronavirus geimpft. Was hat Bremen besser gemacht als die anderen Bundesländer?

Auf dem Ziegenmarkt im Bremer Steintor-Viertel staut sich der Verkehr. Dort, wo die Menschen sonst für Obst, Blumen oder Käse anstehen, warten sie jetzt auf eine Spritze. 140 Bremerinnen und Bremer haben sich an diesem Herbsttag im Impfmobil des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gegen Corona impfen lassen, wenige Stunden später werden es deutlich mehr als 200 sein. Eine Woche nachdem im größten Impfzentrum Deutschlands auf dem Messegelände die letzte von rund 470.000 Spritzen verabreicht worden ist, wird in Bremen nahezu pausenlos weitergeimpft. Im Schnitt wurden zuletzt jeden Werktag mehr als 1.000 Dosen verabreicht – die niedergelassenen Ärzte nicht mitgerechnet. Schließlich will der Zwei-Städte-Staat in den kommenden Wochen die 80-Prozent-Impfquote erreichen.

Eine Frau bekommt nach ihrer Impfung ein Pflaster auf ihren Oberarm geklebt.
Nach dem Pieks gibt es ein Pflaster auf den Arm. Bild: Radio Bremen | Robert Otto-Moog

Im Land Bremen sind dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge inzwischen 78,6 Prozent aller Menschen vollständig geimpft – bundesweit der absolute Spitzenwert. In Hamburg liegt die Quote bei 72,3, in Niedersachsen bei 68,9 Prozent. Beide Länder befinden sich damit sogar über dem Bundesschnitt (67,0). Wie hat es ausgerechnet das kleine Bremen geschafft, so viel mehr seiner Einwohnerinnen und Einwohner zu impfen, als alle anderen?

Viele Infektionen in armen Stadtteilen

"Es scheint eine Kombination von mehreren Faktoren zu sein", sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Wichtig sei aber vor allem gewesen, dass Bremen schnell erkannt habe, dass es vor allem um die richtige Ansprache in strukturschwachen Stadtteilen gehe. "Neben dem Aufbau und Betrieb von gut funktionierenden Impfzentren."

Tatsächlich hat Bremen früh untersucht, in welchen Stadtteilen besonders viele Infektionen auftraten – laut Senat als erste Großstadt in Deutschland. Das Ergebnis: Dort, wo die Armut groß und der Migrationsanteil hoch ist, steckten sich besonders viele Menschen an. In Bremen und Bremerhaven gibt es zahlreiche solcher Viertel. Und genau dort ist die Skepsis gegenüber dem Staat oft besonders groß.

"Darauf haben wir uns eingestellt", sagt Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). "Wir sind schwerpunktmäßig in genau diese Stadtteile gegangen, haben dort geimpft. Das ist auf jeden Fall einer unserer Erfolgsfaktoren gewesen." Hinzu komme die enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Hilfsorganisationen und den Verantwortlichen vor Ort: Quartiersmanagement, Ortsämter, Vereine, Glaubensgemeinschaften, Stadtteilinitiativen.

Impfungen an Stadion und Freimarkt

Ein Mann schaut in die Kamera. Hinter ihm stehen Menschen in der Schlange an einem mobilen Impf-Bus.
Jörg Rolfs vom Deutschen Roten Kreuz ist für die Logistik vor Ort zuständig. Bild: Radio Bremen | Robert Otto-Moog

"Die Verantwortlichen vor Ort treiben das voran", sagt auch Jörg Rolfs, beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Bremen für die Logistik zuständig. Und damit auch für die beiden Impftrucks des DRK. Fast jeden Tag sind die Fahrzeuge unterwegs und impfen Menschen praktisch vor ihrer Haustür. Rund 200 sind es jedes Mal, egal ob vor dem Weserstadion, am Freimarkt oder vor den Hochhäusern in Osterholz-Tenever. "Wir sind da, wo die Menschen sind", sagt Rolfs, der im Steintor zufrieden auf die Wartenden blickt. Einen Steinwurf entfernt liegt das Bremer Rotlichtviertel, in die andere Richtung ein autonomes Jugendzentrum.

Das Publikum hier ist bunt gemischt; das DRK verteilt Erst-, Zweit- und Drittimpfungen. Viele kommen gezielt, andere spontan, die Einkaufstaschen noch in der Hand. Laufkundschaft ist nicht selten. Neben den beiden Trucks, die das DRK bereits im April auf eigene Initiative geplant hat, gibt es noch je einen Impfbus in Bremen und Bremerhaven. In Spitzenzeiten waren zudem bis zu 20 mobile Teams zeitgleich im Einsatz. Rund 100.000 Impfdosen wurden laut Gesundheitsressort mobil verabreicht. "Impfmobile gehören zu den wichtigsten Bestandteilen einer erfolgreichen Impfkampagne wie in Bremen", sagt Epidemiologe Zeeb. Auch nach dem Ende des großen Impfzentrums sollen lokale und mobile Möglichkeiten bleiben.

Kurze Wege vereinfachen Impfungen

Auf der Suche nach dem Bremer Erfolgsrezept erscheint auch immer wieder das Bild der "kurzen Wege" – sowohl sprich- als auch wortwörtlich. "Es wurde den Bremern einfach gemacht, sich impfen zu lassen", sagt der Virologe Andreas Dotzauer von der Universität Bremen. Und das nicht nur im Vergleich zum zersiedelten Nachbarn Niedersachsen: "Die Stadt ist übersichtlich", sagt Dotzauer. "Die beiden anderen Stadtstaaten Hamburg und Berlin haben es da mit ganz anderen Größen zu tun."

Senatorin Bernhard glaubt dennoch, dass das Bremer Modell zumindest in Teilen auch anderswo funktioniert hätte. "Viele unserer Entscheidungen hätten auch in anderen Ländern oder Kommunen getroffen werden können", sagt sie. Die direkte Ansprache der Menschen etwa. Gesundheit sei eine soziale Frage. "Gesundheitsangebote, Aufklärung, Informationen müssen dorthin, wo die Menschen sind und nicht nur in die Stadtteile oder Gegenden, in denen es sowieso schon viele Arztpraxen und einen guten Zugang zu Informationen und Versorgung gibt", sagt sie.

Die Mitarbeiter des Bremer DRK machen in jedem Fall weiter, nicht nur im Steintor. Aktuell kümmern sich die Helfer sich darum, die Trucks winterfest zu machen. Bei 80 Prozent Impfquote muss schließlich noch nicht Schluss sein. "An uns", sagt DRK-Mann Rolfs, "wird es nicht scheitern."

Das hält der Bremer Virologe Dotzauer von Booster-Impfungen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. November 2021, 19:30 Uhr