Wie bauen wir für die Zukunft? 5 Lösungen aus Bremen und Bremerhaven

Audio vom 7. November 2021
Ein Transparent mit der Aufschrift "Waller Mitte" vor einem Haus mit Baugerüst vom Projekt "Waller Mitte".
Bild: Radio Bremen | Martin von Minden
Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Der Wohnungsmarkt ist seit Jahren angespannt. Die Gründe dafür sind vielfältig, hohe Miet- und Kaufpreise das Ergebnis. Dass es auch anders geht, zeigen diese Bauprojekte.

Mitten in Walle liegt ein Platz, der früher mal ein Sportplatz war. Heute ist er die "Waller Mitte". Am Rand des großzügigen Areals stehen Reihen- und Mietshäuser. An einer Seite auch jede Menge Baugerüste, Kräne – und drei fast fertige Häuser. Fünf Baugruppen bauen hier gemeinsam.

Die neuen Wohnungen bieten demnächst Platz für rund 120 Menschen – und viele Ideen, wie Wohnen und Bauen anders gestaltet werden können als bisher. Außerdem entstehen gemeinsame Flächen, die auch andere Menschen aus dem Stadtteil nutzen können, unter anderem eine Kindertagesstätte, eine Fahrrad-Werkstatt und ein Repair-Café.

Verschiedene Konzepte für alternatives Wohnen

Alle Baugruppen wollen neue Lösungen finden, wie Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zusammen wohnen können – und das möglichst abseits von der traditionellen Kleinfamilie im Eigenheim. Wie genau das aussehen kann, ist unterschiedlich gestaltet. Seit rund sechs Jahren arbeiten die Gruppen daran, ihre Ideen zu verwirklichen.

In der Initiative "Hafen*Haus" haben sich zehn lesbische Frauen zusammengetan. Die Wohnungen in ihrem Projekt sind mit 38 bis 42 Quadratmetern bewusst eher klein gehalten. So haben die Frauen mehr Platz für einen geräumigen Wohn-Flur, den alle gemeinsam nutzen können. Brigitte Kühn war von Anfang an beim Projekt dabei und freut sich auf das gemeinsame Wohnen. Sie sagt: "Wir haben da was Schönes zu Wege gebracht!" Ihr ist wichtig, dass sie ihre Nachbarinnen kennt und ihre Miete nicht so stark steigen wird wie in anderen deutschen Großstädten. Die Baugruppe sei aber auch viel Arbeit, erzählt sie. Vieles entstehe in Eigenleistung, auch die Verwaltung übernehmen die Bewohnerinnen selbst.

Der Verein "Wallerleben" setzt auf ein WG-Konzept. Zehn große und (bisher) fünf kleinere Menschen werden sich hier zwei große Küchen teilen, zwei Wohnzimmer und die Bäder. Jede Familie hat außerdem eigene Zimmer. Viele der Beteiligten leben auch jetzt schon zusammen – und wechseln sich damit ab, die Kinder von der Kita zu holen oder sie nachmittags zu betreuen. "Wir haben alle unterschiedliche Motivationen, bei dem Projekt mitzumachen", sagt Lina Bahr-Benhöfer über die Baugruppe. Für sie sei es ein gutes Konzept, denn nur mit ihrer Kernfamilie zusammen zu leben, erschien ihr immer zu eng.

Neue Häuser, aber kein Eigentum

Wichtig für alle Beteiligten aber ist, dass "ihre Häuser" eben genau das nicht sind. Denn mit den Neubauten schaffen sie kein privates Eigentum. Einige sind im so genannten "Mietshäuser Syndikat" organisiert, andere haben mit einer Genossenschaft dafür gesorgt, dass es an den Häusern kein Besitzrecht gibt. Nur wer dort wohnt, darf auch mitentscheiden. Ein Verkauf ist nicht möglich. So wird sichergestellt, dass der Wohnraum, der gerade in Walle neu entsteht, auch in der Zukunft bezahlbar bleibt.

Vermögen bringt den Egoismus in den Menschen raus. Wer etwas besitzt, hat etwas zu verteidigen. Dann schauen alle nur, wie es für sie selbst gut ist. Nicht, was für die Gesellschaft am besten ist.

Brigitte Kühn, Baugruppe Hafen*Haus

Ein sinnvolles Konstrukt, findet Daniel Fuhrhop. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und an der Uni Oldenburg an einem Forschungsprojekt zur Stadtentwicklung beteiligt. "Das Mietshäuser Syndikat hat ein gutes Modell geschaffen, um Spekulationen zu unterbinden", sagt Fuhrhop. Die Organisation stamme zwar aus der Hausbesetzer-Szene der 1980er-Jahre, sei inzwischen aber sehr pragmatisch und bodenständig.

Projekte wie die Waller Mitte würden helfen, die Mieten in Neubauten geringer zu halten. Denn: "Ein Neubau ist immer teuer", sagt Fuhrhop. Gleichzeitig passe der Bestand an alten Wohnungen oft nicht mehr zu dem, wie Menschen heute leben. Da seien schlaue Lösungen gefragt. Grundsätzlich sei es meist besser, vorhandene Wohnungen und Häuser umzubauen, als neu zu bauen und damit neue Flächen zu versiegeln. Doch Fuhrhop sieht in Bremen und Bremerhaven trotzdem weitere Bau- und Wohnprojekte, die auch als Neubauten zukunftsweisend seien.

Ein Neubau ist nur sinnvoll, wenn er etwas Lebendiges schafft. Meistens ist es ökologischer, ein altes Haus zu modernisieren und besser zu nutzen, als ein neues Haus zu bauen.

Daniel Fuhrhop, forscht an der Uni Oldenburg zu Stadtentwicklung

Die Bremerhavener Wohnungsbau-Gesellschaft Stäwog und die Bremer Gewoba haben mit Neubauten älteren Menschen das Angebot gemacht, sich zu verkleinern. Im Gegenzug bekommen sie barrierefreie, moderne Wohnungen und können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Der Umzug nach "gegenüber" sei besonders in Bremerhaven im Wohngebiet "Im Engenmoor" geglückt und bei den "Bremer Punkt" Projekten der Gewoba, so Fuhrhop. Auch weitere Projekte zur Nachverdichtung im Stadtgebiet seien sinnvoll. Neben der Waller Mitte seien das in Bremen unter anderem der "Ellener Hof" und das Projekt "Neues Hulsberg-Viertel". Wichtig bei den neuen Quartieren findet er, dass es gemeinsame Räume und eine unterschiedliche Nutzung gebe. So werde ein Viertel lebendig.

Die Bauprojekte in Steckbriefen - Klicken zum Vergrößern

Foto zeigt das Gebäude Bremer Punkt
Bild: Gewoba/Nikolai Wolff
Grafik zeigt das geplante Quartier im Engenmoor
Bild: Stäwog/Bernd Perlbach
Grafik zeigt Gebäude des Ellener Hofs
Bild: Bremer Heimstiftung/Martin Rospek
Bild zeigt die Grafik für das geplante Hulsberg-Viertel
Bild: Sorgenfrei GbR

Forderung: Mehr Hilfe für Baugruppen

Bei allem Idealismus gab es innerhalb der Baugruppen auch viele Diskussionen: Die Entscheidungsfindungen seien schon oft "schrecklich" sagt Lina Bahr-Benhöfer – doch sie lacht dabei. Wer schon einmal versucht hat, sich mit seiner Partnerin oder seinem Partner auf die Farbe der Fliesen im Bad zu einigen, weiß bestimmt, was sie meint: Man muss sich nur vorstellen, diese Entscheidung nicht zu zweit, sondern mit zehn Erwachsenen zu treffen – und das auch noch im Konsensprinzip. Das heißt, am Ende müssen alle einverstanden sein.

Auch Brigitte Kühn erinnert sich an schwierige Entscheidungen, schließlich würden alle am liebsten unter dem Dach mit Blick Richtung Süden wohnen. Sie sagt: "Konsens war immer: Wir wollen zusammen wohnen. Einfach war das gar nicht, aber wir haben es ohne große Schmerzen hingekriegt." Sie wünscht sich von der Politik mehr Unterstützung für Baugruppen. Das Engagement über sechs Jahre aufrecht zu erhalten, sei schwierig – und zeitintensiv: "Um an so einem Projekt über Jahre zu arbeiten, muss man flexibel arbeiten können", sagt Kühn. Das schließe viele Menschen von vornherein von solchen Projekten aus, das sei schade und auch unfair.

Die Stadt Bremen unterstützt Baugruppen mittlerweile durch eine Koordinierungsstelle. Baugruppen sollen sich dort informieren und beraten lassen können. Finanziell gefördert werden Baugruppen, wenn sie sich als Genossenschaften organisieren. Weitere Fördermöglichkeiten seien im Rahmen des Wohnraum-Förderprogramms möglich, heißt es aus dem Bauressort.

Einzug im Frühjahr 2022

Nachdem sie diese Strapazen und Entscheidungsprozesse hinter sich gelassen haben, freuen sich die neuen Bewohnerinnen und Bewohner jetzt sehr auf ihre Häuser. Wann sie einziehen können, ist noch nicht ganz klar. Die optimistischen unter ihnen rechnen mit Februar 2022 – und falls es dann ein paar Wochen länger dauert, ist das vermutlich auch keine Katastrophe. Schließlich hat ihr Enthusiasmus sie schon sechs Jahre lang getragen.

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. November 2021, 6:30 Uhr