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Weltkonferenz der Seemannsmission: So leiden Seeleute in Krisenzeiten

Mehrere Menschen mit Helmen, Warnwesten und Ausrüstung laufen neben einem Schiff.
Ein mobiles Impfteam des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und das Team der Bremer Seemannsmission verlassen nach der Impfung eines indischen Seemanns auf dem Schiff „Dubai Knight“ das Hafengelände. Das Team impft Seeleute im Bremer Hafen gegen das Coronavirus.

Weltkonferenz der Seemannsmission: So leiden Seeleute in Krisenzeiten

Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

Seeleute tragen psychisch und körperlich oft große Lasten – gerade in Krisenzeiten. Hilfe kommt von der Seemannsmission, die sich nun bei Bremerhaven zu ihrer Weltkonferenz trifft.

Monatelang von zu Hause weg sein, harte Arbeit, kaum Privatsphäre: Das Leben von Seeleuten ist weit weniger romantisch, als es sich viele vorstellen. Eine wichtige Unterstützung sind darum Organisationen wie die Deutsche Seemannsmission (DSM). Sie bietet in 30 Häfen weltweit Treffpunkte an, wo Seelsorger und Ehrenamtliche ein offenes Ohr haben für die Sorgen und Nöte der Seeleute. Nun trifft sich die Seemannsmission zu einer Weltkonferenz – und zwar im beschaulichen Bad Bederkesa bei Bremerhaven.

Ein Mann mit Maske sitzt auf einem Stuhl.
Matthias Ristau ist seit März DSM-Generalsekretär, zuvor war er jahrelang Seemannspastor für die seelsorgerliche Begleitung von Seeleuten. Bild: DPA | Christian Charisius
Was heißt das genau, "Weltkonferenz" der Seemannsmission?
Das heißt, dass rund 50 Mitarbeitende der Seemannsmission aus aller Welt nach Norddeutschland kommen, um sich auszutauschen. Nach dem Auftakt in Hamburg gastieren die Teilnehmenden für mehrere Tage in Bad Bederkesa. Dabei sind Abgesandte aus Hongkong, Griechenland, Brasilien, Ägypten und natürlich auch aus Deutschland, etwa Hamburg, Bremen oder Bremerhaven. Das Ziel dieser Weltkonferenz ist es, zu besprechen, wie die Seeleute in diesen schwierigen Zeiten weiter unterstützt werden können. Denn die Corona-Pandemie hat sich massiv auf die Seeleute ausgewirkt.
Welche Folgen hat die Pandemie für die Seemannsmission und ihre Arbeit?
Zum Teil hingen Seeleute lange Zeit in Häfen oder auf Schiffen fest, wegen strenger Einreise- oder Hygienevorschriften. Und das ist bis heute so, sagt Matthias Ristau, der neue Generalsekretär der Seemannsmission.

Es gab lange das Problem, dass in vielen Häfen die medizinische Versorgung für Seeleute nicht mehr gewährleistet war. Wenn einer an Bord krank war, konnte er nicht an Land gehen. Bis jetzt ist der Landgang für Seeleute eingeschränkt. In einer Umfrage hat ungefähr die Hälfte der Seeleute gesagt, dass sie nicht an Land dürfen.

Matthias Ristau, Generalsekretär Deutsche Seemannsmission

An der Umfrage haben 500 Seeleute weltweit teilgenommen. Demnach sind es oft die Reedereien, die einen Landgang untersagen. Dann sind die Seeleute schonmal neun Monate an Bord, haben kaum Abwechslung, sehen nichts anderes.

Wie geht es den Seeleuten mit der Situation?
Der Bedarf an psychosozialer Begleitung ist auf jeden Fall gestiegen, sagt Ristau. Und weil Besuche an Bord zeitweise auch verboten waren, hat die Seemannsmission neue Angebote ins Leben gerufen. Zum Beispiel eine Chat-Plattform oder einen Lieferdienst für Kleinigkeiten wie Telefonkarten, Ladekabel oder Süßigkeiten. Bei der Weltkonferenz soll jetzt besprochen werden, welche der Maßnahmen künftig beibehalten werden sollen und können.
Mit dem Krieg gibt es die nächste Krise – welche Folgen hat das für die Seeleute?
Laut Ristau kommen etwa 15 Prozent der Seeleute aus Russland oder der Ukraine. Zu spüren bekommen die Lage aber alle, auch deren Kollegen aus anderen Ländern.

Natürlich sind sie alle von diesem Krieg betroffen, besonders die Seeleute aus der Ukraine, die unseren Mitarbeitenden Bilder zeigen, wie ihr Haus aussieht oder was davon übrig ist. Die darum bitten, dass jemand an Bord kommt, weil bei dem Kapitän zu Hause eine Rakete eingeschlagen ist, er aber erstmal weiterarbeiten muss.

Matthias Ristau, Generalsekretär Deutsche Seemannsmission

Ein anderes Beispiel ist, dass russische Seeleute ihre Kreditkarten nicht nutzen können, sagt Ristau. Grundsätzlich will die Seemannsmission die Nöte der Seeleute mehr ins Bewusstsein rücken.

Was fordert die Seemannsmission für die Seeleute?
Die Relevanz, die Seeleute für die Allgemeinheit haben, sieht Ristau von der Öffentlichkeit unterschätzt – schließlich werden 80 Prozent der Waren weltweit per Schiff transportiert, so der Generalsekretär.

Die Menschen gehen in Bremen oder Hamburg oder irgendwo an der Küste spazieren, sehen die Schiffe, finden es auch toll und faszinierend, den Hafen zu sehen, nutzen maritime Symbolik oder freuen sich über einen Anker auf einer Tasse – aber an die Menschen auf den Schiffen, die dort leben und arbeiten, denkt kaum jemand.

Matthias Ristau, Generalsekretär Deutsche Seemannsmission

Die Arbeitsbedingungen an Bord sind oft schwierig: Die Schiffe fahren häufig unter der Flagge von Steueroasen, für sie gelten keine europäischen Arbeitsrechte. Die Seemannsmission setzt sich deshalb dafür ein, dass Schiffsbesatzungen in das Lieferkettengesetz aufgenommen werden. Denn die Seeleute sind oft unsichtbar, sagt Ristau. Deshalb gibt es auf dem Weltkongress in Bad Bederkesa zum Beispiel auch einen Workshop zum Thema "Storytelling". Das soll den DSM-Mitarbeitenden helfen, die Lebenswelt der Seeleute besser zu erzählen, sei es auf Social Media oder bei Vorträgen.

Neuer Seemannspastor: Er kümmert sich um die Sorgen der Seeleute

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 3. Mai 2022, 10:10 Uhr