Vergeudete Zeit? Wenn Weiterbildungskurse zu nichts führen

Eine Frau hilft einer Schülerin in der Schule beim Lernen

Vergeudete Zeit? Wenn Weiterbildungskurse zu nichts führen

Bild: DPA | Flashpic | Jens Krick

Zwei Bremerinnen wollen mit Hilfe des Jobcenters beruflich neu anfangen. 16 Monate gehen sie wieder zur Schule – umsonst. Was ist da schiefgelaufen?

Jedes Jahr fließt viel Geld in die Weiterbildungsbranche. Die Bundesagentur für Arbeit zum Beispiel gab im vergangenen Jahr in Bremen und Bremerhaven um die 13,5 Millionen Euro für Weiterbildungsmaßnahmen aus. Auch Nathalie und Johanna (Namen von der Redaktion geändert) wollen das System nutzen, um beruflich umzuschulen. Sie haben kleine Kinder. Die Arbeitszeiten in ihrem ursprünglichen Beruf als Pflegekraft sind nur schwer zusammenzubringen mit dem Tagesablauf ihrer Familien.

Mit einem sogenannten Bildungsgutschein vom Jobcenter in der Hand ziehen die beiden Frauen um die 40 los. Ihr neues berufliches Ziel: Sie wollen in einer Schule oder einer Kita mit Kindern arbeiten, zum Beispiel als persönliche Assistentin. Ihr Problem: Wegen der eigenen Kinder können sie nur halbtags eine Weiterbildung machen. Das schränkt die Auswahl unter den Bildungsträgern ein. Nathalie stößt eher per Zufall auf die Dandelion Bildung GmbH. Viele Infos zu dem Träger haben sie nicht. Er ist noch relativ neu auf dem Markt, wirbt mit Wohlfühlatmosphäre und Kompetenz. Im Oktober 2020 beginnen sie dort einen Kurs, der sie zur Sozialbegleiterin weiterbilden soll. Fast anderthalb Jahre später haben die beiden das Gefühl, nur viel Zeit vergeudet zu haben.

Allein auf der Suche nach dem richtigen Träger

Das System mit den Bildungsgutscheinen gibt es seit 2003, es hat das staatlich geförderte Weiterbildungssystem auf ganz neue Füße gestellt. Der Kunde von Jobcenter und Arbeitsagentur muss sich seinen Bildungsträger seitdem selbst suchen. Doch der Weiterbildungsmarkt ist für den einzelnen unübersichtlich und die Träger und deren Qualität nur schwer einzuschätzen. Eine Hilfe bei der Suche durch Jobcenter und Agentur ist in diesem System aber nicht mehr vorgesehen. Sie müssen neutral bleiben, so die Vorgabe.

"In der Theorie sorgt der Markt für die nötige Transparenz und bringt den gut informierten Kunden mit dem für ihn besten Angebot zusammen", erklärt Regine Geraedts von der Arbeitnehmerkammer Bremen den Gedankengang der damaligen rot-grünen Bundesregierung. "Eigentlich wissen wir aber heute, dass das nicht wirklich funktioniert“. Anstelle von Jobcenter und Arbeitsagentur beraten nun vor allem die privaten Weiterbildungsträger selbst, also jene, die damit das Geld verdienen. Auch Johanna und Nathalie haben sich auf die Beratung durch die Dandelion Bildung GmbH verlassen, fühlten sich sicher, eine gute Wahl getroffen zu haben.

Basteln statt Fachunterricht

Aber von Anfang an fehlen immer wieder qualifizierte Lehrkräfte, klagen sie: "Teilweise hatten wir gar keinen professionellen Unterricht, weil eben keine Dozenten da waren", erzählt Nathalie. "Irgendwann hatten wir eine Dozentin, die eigentlich gar keinen Bock hatte und dann irgendwelche Bastelarbeiten mit uns gemacht hat", ergänzt Johanna.

Der Mangel an qualifizierten Lehrkräften zieht sich durch die gesamte Weiterbildungsbranche, sagt Geraedts von der Arbeitnehmerkammer. Das liegt auch an dem harten Preiswettbewerb, der oft über die Personalkosten ausgefochten wird. Der für die Branche zwingend vorgeschriebene Mindestlohn liegt bei etwas über 17 Euro die Stunde, was für pädagogisch ausgebildetes Personal ohnehin nicht eben viel ist. Es gibt außerdem Tricks, ihn zu unterlaufen. So zahlt mancher Anbieter nur die reine Unterrichtszeit, aber nicht die Zeit, die benötigt wird, um den Unterricht vorzubereiten. Je nach Fall kann es so passieren, dass Dozenten auf den Mindestlohn und darunter abrutschen.

Porträt von Jasmin Heritani
Jasmina Heritani (SPD) kritisiert die Honorarpraxis von Weiterbildungsanbietern. Bild: SPD Bürgerschaftsfraktion

Das macht den Job für Fachkräfte unattraktiv. Und es ist nicht fair, sagt Jasmina Heritani, arbeitspolitische Sprecherin der SPD in Bremen: "Der Bundesmindestlohn ist ab Oktober 12 Euro. Natürlich ist es ein Problem, wenn Menschen unter diesem Mindestlohn verdienen, aufgrund von Vorbereitungszeit, Nachbereitung, Gespräch mit den Teilnehmern. Das muss evaluiert werden".

Kaum Auskünfte aufgrund von Datenschutz

Nathalie, Johanna und auch andere aus dem Kurs schreiben schließlich einen Beschwerdebrief an das Jobcenter. Das Jobcenter hat die Beschwerden an die Bundesagentur für Arbeit weitergeleitet, so eine Sprecherin. Die Agentur hat einen eigenen Prüfdienst für solche Arbeitsmarktleistungen, wenn es Probleme gibt. Und dieser soll auch bereits zwei Mal bei dem Träger vor Ort gewesen sein. Mit welchem Ergebnis aber die Prüfer wieder rausgegangen sind, falle unter den Datenschutz, erklärt der Sprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Und auch die Kursteilnehmerinnen haben nie erfahren, ob ihre Beschwerde für den Träger Konsequenzen hatte.

Der Prüfbericht der Agentur geht dann an die für die Maßnahme zuständige Zertifizierungsstelle. Sie ist letztendlich für die Qualität der Fortbildungskurse und der dazu gehörenden Lehrkräfte zuständig. Im Fall der "Dandelion Bildung GmbH" sind das gleich zwei Stellen: CERTQUA in Bonn und die HZA, die Hanseatische Zertifizierungsagentur GmbH in Hamburg. Wie diese Stellen ihren Prüfverpflichtungen nachkommen, ist für Außenstehende kaum nachzuvollziehen. Auch hier wird bei Nachfrage auf den Datenschutz verwiesen.

Die Dandelion Bildung Gmbh äußert sich nicht zu den konkreten Vorwürfen. Sie lässt durch ihren Anwalt mitteilen, dass sie den Beschwerdebrief nicht kenne. Und, dass ein intensiver Austausch mit dem Jobcenter stattfinde und auch stattgefunden habe.

Maßnahme ohne Sinn?

Nach dem Ende des Kurses im Frühjahr dieses Jahres gehen Johanna und Nathalie schließlich auf Jobsuche. Doch immer wieder stoßen sie auf Unverständnis bei Arbeitgebern, die mit diesem Zertifikat "Sozialbegleiterin“ offenbar nur wenig anfangen können. Tatsächlich handelt es sich hier nicht um eine staatlich anerkannte Ausbildung. Die Dandelion Bildung GmbH selbst hat das Konzept dafür entwickelt. Auf der Homepage steht: "Das Ziel ist die Begleitung, Beschäftigung und Betreuung von Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung." Die Zertifizierungsstelle HZA hat das Konzept anerkannt, dann darf der Träger den Fortbildungskurs auf dem Weiterbildungsmarkt anbieten.

Die Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven sieht in der Schulung "eine niedrigschwellige "Einstiegsmaßnahme"", die zunächst nicht unmittelbar in den Arbeitsmarkt mündet“. Für ungelernte Arbeitnehmer mag das tatsächlich eine Chance sein. Aber auch für Pflegehilfskräfte mit jahrelanger Berufserfahrung? Nathalie hat inzwischen Arbeit gefunden, als persönliche Assistenz eines Schülers mit Förderbedarf. Die Stelle aber hätte sie auch ohne das Zertifikat bekommen, sagt ihr der neue Arbeitgeber. Auch, weil sie jahrelange Berufserfahrung in der Pflege mitbringt. Das Fazit der beiden Frauen: Die 16 Monate Weiterbildung sind für sie verlorene Zeit – bezahlt vom Jobcenter.

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Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, der Nachmittag, 15. Juli 2022, 16:35 Uhr