Früher war mehr Lametta – Weihnachtstraditionen in Bremens Wohnzimmern

Eine Frau bügelt in Köln herkömmliches Lametta.
Eine Frau bügelt in Köln herkömmliches Lametta (Foto vom 25.11.2009). Junge Deutsche mögen kein Lametta mehr, nur Ältere kaufen es noch.
Bild: DPA | Oliver Berg

Lametta, Gewürzgurke oder kleiner Lord – zu Weihnachten wird so manche Tradition bewahrt und neue Bräuche eingeführt. Ein Überblick von klassisch bis verrückt.

Weihnachten ist auch ein Fest der Traditionen und Rituale. Von denen haben sich manche jedoch überlebt. Andere hingegen sind neu dazugekommen. Und wieder andere haben es um die ganze Welt geschafft. Dies sind die bekanntesten und skurrilsten von ihnen.

1 Lametta: Der Klassiker ist jetzt bleifrei

Schon das Wort Lametta verrät ein wenig, worum es sich handelt – Metallstreifchen, die im weihnachtlichen Kerzenlicht am Tannenbaum funkeln wie Eiszapfen in einer Vollmondnacht. Dass es inzwischen nicht nur weniger, sondern praktisch gar kein klassisches Lametta mehr gibt, liegt an dessen umweltschädlichem Bleigehalt. 2015 haben die einstigen Hersteller des berühmten Stanniollamettas die Produktion in Deutschland eingestellt.

"Viele fragen uns noch immer nach echtem Lametta", sagt eine Verkäuferin des Lädchens "WeihnachtsTräume" im Bremer Schnoor. "Die sind dann meist enttäuscht, wenn solche Traditionen auslaufen, das ist schon ein Trauerspiel", sagt sie. Früher habe ihr eigener Vater es sich nicht nehmen lassen, jeden einzelnen Lamettastreifen selbst aufzuhängen. In manchen Familien wurden sie nach dem Fest sogar gebügelt und für das kommende Jahr verwahrt. Zwar gebe es Lametta noch immer. Das sei aber ohne Blei und falle daher nicht so wie das Original. "Das kauft heute eigentlich keiner mehr." Wer Glück habe, finde das Original noch in alten Kisten auf dem Dachboden oder auf dem Flohmarkt.

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2 Gewürzgurke: Re-Import aus den USA

In den Vereinigten Staaten weit verbreitet, in Deutschland erst seit einigen Jahren bekannt, ist die Tradition, eine Gewürzgurke im Weihnachtsbaum zu verstecken. Das Kind, das sie als erstes entdeckt, darf demnach das erste Geschenk auspacken – oder erhält sogar ein Päckchen extra. Die Amerikaner verweisen bei ihrer Tradition, die grünen "Christmas Pickles" zwischen den Zweigen aufzuhängen, gerne auf eine mehr als 150 Jahre alte Geschichte um einen deutschstämmigen Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Der war zu Weihnachten verwundet und halb verhungert, als ihm ein letzter Wunsch erfüllt wurde – eine Gewürzgurke aus seiner deutschen Heimat zu essen. Der Genuss des Gemüses entfachte jedoch seine Kräfte und er überlebte.

Ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht – auf den Weihnachtsmärkten in Bremen und Bremerhaven und im Weihnachtsladen im Schnoor ist das Grüne Gürkchen seit Jahren ein Renner.

Warum eine Gewürzgurke am Weihnachtsbaum hängt

Bild: Radio Bremen | Grafuk: Dirk Osmers

3 Weihnachtsschmuck: Verrückt ist schick

"Der typische Bremer kauft klassisch", sagt WeihnachtsTräume-Inhaber Olaf Nehlsen. Rote Kugeln, goldene Kugeln, manchmal ein bisschen Silber. Je nach Alter und Herkunft ändere sich dies jedoch. So würden vor allem russische Kunden – dort wird Weihnachten erst am 6. Januar gefeiert – gerne bunten, opulenten und glitzernden Weihnachtsschmuck verwenden.

Surfendes Flussfeld und VW-Bulli: Moderner Christbaumschmuck aus Polyglas.
Surfendes Flusspferd und VW-Bulli: Skurriler Christbaumschmuck liegt bei jungen Menschen im Trend. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

"Die junge Generation hingegen übernimmt einiges an Tradition, aber nicht alles", sagt Nehlsen. Bei ihnen sei es inzwischen Brauch, auch einmal verrückte Dinge an die Zweige zu hängen: Christbaumschmuck aus Federn oder VW-Bullis und surfende Nilpferde aus Polyglas. "Zum Teil mit sehr mutigem Geschmack", sagt Nehlsen und lacht.

Bei vielen jungen Menschen sei das Traditionelle aber weniger geworden, sagt Nehlsen. "Viele Menschen haben nicht einmal mehr einen Weihnachtsbaum."

4 Rituale zum Fest: Kartoffelsalat bis kleiner Lord

Dass sich die Traditionen zu Weihnachten wandeln, beobachtet auch der Heidelberger Theologieprofessor Jörg Neijenhuis, der ein Buch über Feste und Feiern geschrieben hat. Neben Traditionen wie dem Kartoffelsalat mit Würstchen an Heiligabend, dem Festbraten am ersten Weihnachtstag oder dem gemeinsamen Kirchengang gebe es inzwischen auch sehr moderne Rituale.

Ich beobachte, dass sich diese Rituale weiter individualisieren.

Jörg Neijenhuis, Professor für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg

Jeder passe sie seiner Familiensituation und seinen Interessen an. Dass sei aber etwas ganz Normales. "Rituale sind ja nicht starr. Sie entwickeln sich, wenn auch sehr langsam", sagt der Theologe.

Heute gehöre dazu, dass man zwar in der Familie unterm Weihnachtsbaum zusammenkomme, sich dann im Verlauf des Abends aber auch nochmal einen Film wie "Kevin allein zu Haus" oder der "Der kleine Lord" anschaue. Wichtig sei vor allem, dass einmal eine Pause eingelegt werde. Und gerade zu Weihnachten gelte dabei: "Jeder hat auch mal ein bisschen Kitsch nötig", sagt Neijenhuis und lacht.

5 Rituale rund um die Welt: Vom Wischmop zum Pudding

Viele Weihnachtsbräuche sind vor allem in Deutschland beliebt wie das Verfeuern eines geweihten Holzklotzes, den Christklotz, im Kamin, oder die Vogelfütterung am Heiligen Abend. Andere Rituale, wie das Tragen von Weihnachtssocken oder Weihnachtspullovern, haben es sogar um die ganze Welt geschafft.

Doch es gibt auch jene Rituale, die vor allem mit bestimmten Ländern verbunden sind. So werden beispielsweise in Norwegen am Heiligen Abend alle Besen und Wischmops im Haus versteckt. So soll verhindert werden, dass böse Geister und Hexen sie in der Heiligen Nacht stehlen und sich damit auf und davon machen.

Was in Deutschland das Lametta, sind in der Ukraine hingegen die Spinnenweben, mit denen Christbäume geschmückt werden. Die Sage dazu: Eine alte Frau hatte einst kein Geld, um sich Christbaumschmuck zu leisten. Als sie am nächsten Morgen vor den Baum trat, glitzerte der von silbernen Spinnenweben behängter Baum im Sonnenlicht.

In der Slowakei spielt vor allem der so genannte Loksa-Pudding eine wichtige Rolle zu Weihnachten. Diesen gibt es nicht nur in allen Geschmacksrichtungen. Er hilft auch, die Zukunft vorherzusagen. Dazu wirft das älteste männliche Mitglied der Familie einen Löffel des Puddings an die Zimmerdecke. Desto mehr Pudding hängen bleibt, desto glücklicher wird das kommende Jahr, heißt es.

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 22. Dezember 2021, 13:10 Uhr