Kommentar

Kein Corona-Getümmel – sagt die Bremer Weihnachtsmärkte ab!

Audio vom 22. November 2021
Gäste mit einem Armband, das nach der 3G Kontrolle ausgegeben wurde, trinken Glühwein. Der Weihnachtsmarkt in Bremen ist voraussichtlich vom 22. November bis zum 23. Dezember geöffnet.
Bild: DPA | Sina Schuldt
Bild: DPA | Sina Schuldt

Jetzt die Weihnachtsmärkte zu öffnen, passt nicht zur angespannten Corona-Lage, sagt unser Reporter Folkert Lenz. Bremen laufe mit "auf dem Weg in die Katastrophe".

Christkindlmarkt in Nürnberg? Abgesagt! Der Weihnachtsmarkt am Berliner Schloss Charlottenburg? Abgesagt! Der Striezelmarkt in Dresden? Abgesagt! Und in Bremen? Da verwandelt sich die Innenstadt in ein "weihnachtliches Dorf aus Buden, Imbissen und Karussells und lädt rund um Roland, Rathaus und Bremer Stadtmusikanten zu einem Bummel ein". Letzteres Zitat: die Aufforderung der Bremer Wirtschaftsbehörde, sich doch – bitteschön – ins adventliche Corona-Getümmel zu stürzen. Ich mag es nicht glauben!

Was für ein Signal ist das: Die Menschen in diesen Tagen zum alkoholschwangeren Massenauflauf zu animieren. Wo Österreich gerade alles dicht macht. Wo in Holland die Corona-Infektionszahlen durch die Decke schießen. Wo Bayern den Katastrophenfall ausgerufen hat. Wo Sachsen in den Teil-Lockdown geht. Wo auf der Corona-Landkarte vom Robert-Koch-Institut (RKI) die dunkelrote Welle der Hochinzidenz-Kreise unaufhaltsam gen Norden schwappt. Dabei könnte die Absage der Weihnachtsmärkte in Bremen und Bremerhaven zumindest ein klitzekleiner Wellenbrecher sein!

Mobile 3G-Kontrollen auf dem Weihnachtsmarkt. Der Weihnachtsmarkt in Bremen ist voraussichtlich vom 22. November bis zum 23. Dezember geöffnet.
Mobile 3G-Kontrollen auf dem Bremer Weihnachtsmarkt. Bild: DPA | Sina Schuldt

Infektionsexperten betteln seit Wochen darum, Großveranstaltungen abzusagen. Epidemiologen fordern fast verzweifelt, die Kontakte nochmal zu reduzieren, um ein "schlimmes Weihnachten" – so die Worte von RKI-Chef Lothar Wieler – zu verhindern. Und Bremen? Will – wie viele andere Städte – offenbar mitlaufen auf dem Weg in die Katastrophe. Mit Glühwein, Adventsmusik und Bratwurst. Dabei lasse sich das tödliche Unheil schon jetzt kaum noch aufhalten, rechnen alle Corona-Statistiker vor.

Viel Platz für Alkohol?

Stundenlange und unkontrollierte Menschenansammlungen auf den Wintermärkten wollen zumindest einige deutsche Städte vermeiden – und haben dort Alkohol verboten. In Bremen macht man es genau andersherum: Und hat die Epizentren des Feuerzangenbowlen-Ausschanks mit größeren Freiflächen versehen. Eigentlich, damit die Feiernden mehr Abstand zueinander haben. In der Praxis dürften den Freiraum schlicht ein paar Dutzend mehr Trinkwillige zum Auf- und Anstellen nehmen.

Ja, es ist juristisch schwierig, Weihnachtsmärkte abzusagen, Messen ausfallen oder Fußballstadien leer zu lassen, wenn ein Corona-Schwellenwert noch nicht erreicht ist. Und unpopulär ist es auch noch, den Menschen ihr adventliches Zusammenkommen bei Glühwein und Schwenkbraten zu nehmen – vielleicht das letzte Vergnügen in diesen düsteren Zeiten.

3,2 Millionen Gäste haben im Vor-Corona-Jahr den Bremer Weihnachtsmarkt besucht. Toll! Doch wollen wir wirklich gerade Reisebusse aus Holland hier haben wie sonst? Wollen wir mit trinkfreudigen Skandinaviern beim Schlachte-Zauber kuscheln? Sind Bayern und Schwaben willkommen, die sich in die Hansestädte aufmachen, weil Wintervergnügen im Süden Tabu sind? Dabei ist – ausdrücklich! – nicht die Herkunft der Menschen das Problem, sondern die schiere Masse.

Haben wir wirklich gar nichts gelernt?

Und haben wir eigentlich gar nichts gelernt? Der Testlauf des Mini-Volksfestes "Freipark" im Oktober vergangenen Jahres: Kaum eröffnet, schon geschlossen. Glühweinstände, mitten in den vorweihnachtlichen Kontaktbeschränkungen vor einem Jahr: Nach ein paar Tagen musste die Polizei anrücken und den Budenzauber beenden. In der vergangenen Woche nun vollmundige Ankündigungen der Bremer Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke), dass man sich das Feiern in Norddeutschland nicht verbieten lasse, "nur weil die in Bayern, Sachsen und Thüringen das Impfen nicht hinbekommen". Um ein paar Tage später kleinlaut dann doch 3G- oder sogar 2G-Regeln anzukündigen. Hoch die Glühweintassen also – aber nur mit behördlichem Partybändchen.

Ja, die Infektionszahlen im Land Bremen sind im Vergleich zu den ost- und süddeutschen Katastrophen-Landkreisen niedrig. Glücklicherweise. Noch. Lasst uns diesen Vorteil nutzen – und auf Märkte mit Massenaufläufen verzichten. Und ja: Es macht Sinn, Corona-Maßnahmen an einer konkreten Lage vor Ort festzumachen. Aber bitte schön mit Weitblick. Denn ein bisschen mehr Voraussicht wünsche ich mir schon von der Politik. Man muss ja nicht gleich zum "Team Vorsicht" von Markus Söder (CSU) überlaufen.

Es bleibt also nur die Eigenverantwortung

Man hat Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu Recht vorgeworfen, dass er ein falsches Signal aussendete, als er vor Wochen das Ende der epidemischen Notlage von nationaler Tragweite ausrufen wollte. Was Bremen jetzt mit dem unbefangenen Start seines Weihnachtsmarkts zeigt, das geht in die gleiche Richtung!

Bleibt also nur der Appell an die Eigenverantwortung, wenn Behörden und Politik zu leichtfertig unterwegs sind. Man kann ja auch ohne Verbot in diesem Advent auf einen Weihnachtsmarkt-Besuch verzichten. Freiwillig. Und hoffentlich zum letzten Mal.

Corona dämpft Freude auf Weihnachtsmärkte in Bremen und Bremerhaven

Video vom 22. November 2021
Der Bremer Weihnachtsmarkt vor dem Bremer Dom.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 22. November 2021, 13:50 Uhr