Warnstreik in Bremer Kitas – das Ringen um erlebte Wertschätzung

Ein Kind sitzt auf dem Arm einer Erzieherin, die zusammen mit Kolleginnen streikt.

Wanstreik von Bremer Kita-Beschäftigten

Bild: DPA | Annette Riedl

Erzieherin Sandra Behrmann ist enttäuscht. Die Arbeitgeber lehnen im Tarifstreit die Kernforderungen der Gewerkschaft ab. Heute demonstriert auch sie – als erste Warnung.

Dieser Tarif-Streit verspricht ein harter Kampf zu werden. Klamm waren die Haushaltskassen schon immer. Die Lage der Arbeitgeber im öffentlichen Dienst, der Kommunen, hat sich nach zwei Jahren Pandemie noch verschärft. Auf der anderen Seite, bei den Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes, bohrt ein stetes Gefühl von Vernachlässigung, und das Bedürfnis nach Wertschätzung wird größer.

Viele Beschäftigte in den Kitas fühlten sich ausgelaugt, sagt Sandra Behrmann von der Kita "Blanker Hans" in Bremen-Huchting. "Wir sind einfach durch. Weil wir hier schon seit zwei Jahren nicht mehr so arbeiten können, wie wir gerne arbeiten würden." Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat nach der enttäuschenden erste Tarifrunde zum Warnstreik aufgerufen, auch in der Behindertenhilfe und anderen sozialen Berufen.

"Entlastung ist nötig"

Eine Frau mit langen hellen Haaren und schwarz rot kartiertem Hemd lächelnd
Sandra Behrmann fühlt sich nicht gesehen, Erzieherinnen stünden immer am Ende der Kette. Bild: Sandra Behrmann

Überlastung ist für Behrmann eines der Hauptprobleme. Ständig sich kurzfristig ändernde Anforderungen durch Corona, frustrierte, ebenso hart geforderte Eltern, mit denen die wichtige Beziehungarbeit wegen der Pandemie nicht möglich sei, fehlende Fachkräfte und die Arbeit entsprechend verteilt auf zu wenig Menschen: Entlastung ist eine Kernforderung im Verhandlungspaket. Die "kategorische Ablehnung" traf Behrmann schwer. Zumal die Signale in ihrer Wahrnehmung ganz andere waren.

Weil wir ja eine andere Resonanz in der Öffentlichkeit hatten. Wir sind ja bedeutsam, systemrelevant. Und alle wissen, wird sind immer am Ende der Kette gewesen. Es war ein Stich ins Herz. Es wäre mal ein Signal gewesen, uns zu zeigen, wie wichtig wir wirklich sind.

Sandra Behrmann, Erzieherin in Bremen

Das bestätigt auch Martin Peter von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Bremen und Niedersachsen. "Entlastung ist notwendig, durch freie Tage oder Tage, die zur Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit dienen." Doch das lehnt die Arbeitgeberseite aktuell ab.

Gewerkschaft: Erzieherinnen kündigen

Dem Arbeitgeber Bremen seien die Anforderungen bewusst, teilte das Finanzressort buten un binnen mit. "Gerade im Bereich Betreuung kam es zu außergewöhnlichen Belastungen", so die Behörde über die Zeit seit Beginn der Pandemie.

Zur Entlastung hätten die Kommunen bundesweit und in Bremen die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Mit Blick auf den Fachkräftemangel verweist das Ressort auf das im vergangenen November mit den kommunalen Spitzenverbänden und der Gewerkschaft Verdi verabschiedete Eckpunktepapier, um die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern neu zu gestalten und attraktiver zu machen. Dazu gehört eine schulgeldfreie Ausbildung, die zudem vergütet werden soll.

Für Erzieherin Behrmann fordert die aktuelle Situation noch mehr: "Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, dass wir gucken müssen, wie wir die Kollegen halten. Es geht hier nicht mehr nur darum, Fachkräfte zu gewinnen, sondern auch darum, Fachkräfte zu halten." Und auch Gewerkschafter Peter hält dagegen: "Wir haben einen enormen Abgang, Kündigungen. Zwischen dem dritten und fünften Berufsjahr verlassen viele den Beruf, gehen lieber in Bereiche, wo sie mehr verdienen oder weniger Belastung haben."

Finanzressort: Kommunen zahlen wertschätzend

Neben der Entlastung fordert die Gewerkschaft eine bessere Gehaltsgruppe für Erzieherinnen und Sozialpädagogen. Das Finanzressort in Bremen argumentiert, dass die Gehälter im Sozial- und Erziehungsdienst bei kommunalen Trägern ohnehin durchschnittlich höher liegen als bei freien oder kirchlichen Trägern. Der Abstand beträgt demnach bei den Gehältern von Erzieherinnen bis zu rund zehn Prozent. Schon 2009 und 2015 sei der Anstieg höher gewesen als in anderen Berufen des kommunalen öffentlichen Dienstes. Das Ressort spricht von "Spitzengehältern".

Für die Gewerkschaft ist das kein schlagendes Argument. Denn auch die demografische Veränderung bedrohe die Personal-Lage. "Aktuell trägt die Generation der sogenannten Babyboomer einen großen Teil der sozialen Arbeit", sagt Martin Peter. Weil viele von ihnen in den nächsten Jahren ausscheiden aus dem Berufsleben, werde sich der Mangel weiter verschärfen.

Vor allem, weil Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, weniger anerkannt und schlechter bezahlt würden. "Über 80 Prozent der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst sind Frauen, in den Kitas sogar 94 Prozent", sagt der Gewerkschafter.

Kita-Schließungen als Mittel?

Am 21. März gehen die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Verdi und den kommunalen Arbeitgebern in die nächste Runde. "Das wird kein nettes Beisammensein, bei dem wir uns anpassen", ist sich Erzieherin Sandra Behrmann sicher. Sie nehme unter Kolleginnen eine entschlossenere Stimmung wahr als zuvor. Und während der erste Warnstreik in Bremen heute noch ohne Kita-Schließungen auskommt, werde das künftig wohl anders aussehen. "Wenn sich wieder nichts bewegt, dann kann ich nichts ausschließen."

Das Finanzressort teilte buten un binnen mit: "Die Arbeitgeber setzen sich für ein Ergebnis ein, das einerseits die besonderen Belastungen der Beschäftigten berücksichtigt und andererseits die kommunalen Haushalte nicht überfordert. Gleichzeitig ist es wichtig, die Balance im Tarifgefüge des kommunalen öffentlichen Dienstes zu erhalten."

Nach einer schnellen Einigung klingt das bislang nicht.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. März 2022, 19:30 Uhr