Interview

Bremer Tatort-Waffenmeister: "Kein Grund, am Set scharf zu schießen"

Ein Mann hält eine Pistole in den Händen
Auch an deutschen Filmsets kommen echte Waffen zum Einsatz – echte Munition allerdings nicht. Bild: Imago | Valery Sharifulin/TASS

In den USA hat Schauspieler Alec Baldwin eine Kamerafrau erschossen. Am Set eines Bremer Tatorts wäre so ein Vorfall undenkbar, sagt Waffenmeister Peter Wiemker.

Nach dem tödlichen Schuss von Hollywood-Star Alec Baldwin auf eine Kamerafrau, wird in den USA über die Verwendung von scharfen Waffen an Filmsets diskutiert. Warum ein ähnlicher Vorfall in Deutschland schwer vorstellbar ist, erklärt Peter Wiemker. Der 62-Jährige ist seit mehr als drei Jahrzehnten als Waffenmeister bei verschiedenen Filmproduktionen tätig. Auch die Bremer Tatort-Kommissare versorgt er mit ihren Dienstwaffen.

In den USA ist eine Kamerafrau mit einer Requisitenwaffe erschossen worden. Wäre so ein Unfall auch am Set eines Bremer Tatorts denkbar?
Nein, auf gar keinen Fall. In Deutschland gibt es keine scharfe Munition an Filmsets – niemals. Nicht mal in der Werkstatt. Es gibt überhaupt keinen Grund, an einem Set scharf zu schießen.
Trotzdem waren die tödlichen Schüsse in Kalifornien nicht der erste Vorfall dieser Art in den USA – wie kann so etwas passieren?
Die bisherigen Fälle sind schwer vergleichbar – vor allem, weil sich langsam rauskristallisiert, was bei diesem Unglück passiert ist. Offenbar hat die verantwortliche Waffenmeisterin ihren Job nicht richtig gemacht. Es ist tragisch, dass durch so etwas ein Mensch ums Leben kommt.
Ein Luftbild zeigt den Drehort eines Westernfilms.
An diesem Filmset auf der Bonanza Creek Ranch im US-Bundesstaat Kalifornien kam die Kamerafrau Halyna Hutchins ums Leben. Bild: DPA | Jae C. Hong
Warum wurde überhaupt eine echte Waffe verwendet – tun es vor der Kamera nicht auch Attrappen?
Nur so lange, wie sie auf dem Tisch rumliegen. Sobald damit hantiert wird, also wenn die Polizei einem Verdächtigen ein Gewehr abnimmt und das Magazin raus nimmt, müssen es Originalwaffen sein. Ein Nachbau aus Kunststoff würde in solchen Fällen sofort auffallen. Bei einem Revolver, wie er wohl in den USA verwendet wurde, kommt hinzu, dass man von vorne die Patronen in der Trommel sehen kann. Und da Platzpatronen klar zu erkennen sind, muss eine Dekopatrone verwendet werden, die echt aussieht.
Alec Baldwin soll bei einer Szene direkt auf die Kamera geschossen haben – keine außergewöhnliche Einstellung in einem Western. Wie lösen Sie solche Szenen?
Mit Platzpatronen. Da die aber auch nicht ungefährlich sind, werden die Kameras besonders geschützt. Und im besten Fall sind sie unbemannt.

Es gibt inzwischen auch viele Regisseure, die wollen gar keinen Knall am Set haben.

Peter Wiemker, Waffenexperte für Filme
1984 starb der US-Schauspieler Jon-Erik Hexum, nachdem er mit einer Platzpatrone auf den eigenen Kopf geschossen hatte. Ist den Schauspielern bewusst, wie gefährlich auch diese Munition sein kann?
Vielen mit Sicherheit nicht. Es gibt aber zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen wie Gehörschutz und Mindestabstände. Einige Kollegen von mir haben auch schon auf die Wirkung von Demonstrationen gesetzt.
Wie sieht so etwas aus?
Bei einem Film, bei dem Waffen aus dem zweiten Weltkrieg verwendet wurden, kamen besonders heftige Platzpatronen zum Einsatz – schließlich will man auch ordentlich Mündungsfeuer sehen. Der Kollege von mir hat vor den Schauspielern auf einen stabilen Pappkarton geschossen. Das Resultat waren ein Loch vorne und eines hinten – allein durch den Gasstoß.
Welche Waffen kommen beim Bremer Tatort zum Einsatz?
Meistens handelt es sich um Nachbauten aus Kunststoff. Vor allem bei Pistolen gibt es da sehr gute. Die sind auch bequemer für die Schauspieler im Holster zu tragen – und geschossen wird ohnehin selten.
Und wenn doch geschossen wird?
Dann kommt das gleiche Modell aus Metall mit Platzpatronen zum Einsatz. Natürlich mit Sicherheitsabstand. Und normalerweise werden die Waffen auch nicht direkt auf Menschen gerichtet, das lässt sich mit dem richtigen Kamerawinkel gut kaschieren. Es gibt aber inzwischen auch viele Regisseure, die wollen gar keinen Knall am Set haben.
Wie lösen Sie das?
Mündungsfeuer und Knall kommen später im Schnitt digital dazu. Das ist heute Standard. Keiner muss am Set mehr auf Sicherheitsabstände achten, Schauspieler werden nicht durch den Gehörschutz eingeschränkt. Sie drücken nur noch ab, der Rest kommt später. Das ist eine vernünftige Lösung.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 28. Oktober 2021, 23:30 Uhr