Interview

Ein Erfolg? So erlebte die Bremerhavener AWI-Chefin den Klimagipfel

Bild: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath

Die UN-Klimakonferenz in Glasgow geht zu Ende. Die Chefin des Alfred-Wegener-Instituts, Antje Boetius, war dabei. Sie fordert mehr Tempo, bleibt aber vorsichtig hoffnungsvoll.

Die 26. UN-Klimakonferenz COP26 im schottischen Glasgow steht vor dem Abschluss. Am Freitag sollen die Verhandlungen von Vertretern aus fast 200 Ländern planmäßig zu Ende gehen. Zahlreiche Details der angestrebten Beschlüsse waren am Donnerstag noch offen. Für Streit sorgt unter anderem die Frage, wie reiche Länder die armen, von der Erderwärmung besonders betroffenen Staaten besser finanziell unterstützen sollen.

Seit Montag vergangener Woche verhandeln Delegierte aus aller Welt über die weitere Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015. Auszuhandeln waren unter anderem auch die Berichts- und Transparenzregeln für die nationalen Klimaziele. Dreh- und Angelpunkt ist aber, dass die bisherigen nationalen Klimaschutzzusagen nicht ausreichen, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens noch einzuhalten. Dies soll die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen.

Die Leiterin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, Antje Boetius, war unter den Teilnehmenden des COP26 in Glasgow – so hat sie das Ringen um die Klimaziele erlebt.

Frau Boetius, wie ist Ihre Stimmung nach den letzten Tagen der Klimakonferenz?
Eigentlich immer noch hoffnungsvoll. Wie soll man auch sonst gestimmt sein, es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Die Weltgemeinschaft muss in der Lage sein, die Emissionen von Treibhausgasen erheblich zu reduzieren, noch mehr als jetzt zugesagt. Es geht um eine Reihe von Werkzeugen, die diesen neuen Zusammenhalt organisieren sollem. Da ist viel auf den Weg gebracht. Heute (Freitag / Anm. d. Red.) wird den ganzen Tag noch verhandelt, geschrieben und korrigiert. Und dann müssen wir hoffen, dass die neuen Impulse uns noch viel weiterbringen als es jetzt auf dem Plan steht.
Gab es besondere Momente für Sie auf der Konferenz? 
Ich war noch nie auf so einer Klimakonferenz. Ich habe das zwar oft online begleitet und mir die Ergebnisse angeguckt. Aber wirklich da zu sein, das hat mich sehr angerührt. Und zu erleben, dass es einen Ort gibt, wo Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen: Verhandler, Wissenschaftlerinnen und auch die junge Generation. Was diesmal in Glasgow sehr auffällig war: auch Vertreter der indigenen Völker, die auch in traditioneller Kleidung kommen und dem Ganzen einen anderen Rahmen geben. Es geht um uns alle, es geht um jegliche Form von Leben und Natur. Genau das Thema berührt mich sehr. Von der Forschung her, aber auch weil viele sonst keine Stimme haben.
Radikalisieren sich einzelne Initiativen rund um das Klima-Thema zunehmend?
Das ist, glaube, ich nicht unser Hauptproblem. Ich finde es gut, zu sagen: Hinter manchen Worten stehe ich nicht. Aber ich stehe absolut dahinter, dass Menschen auf die Straße gehen. Ich finde es nicht so interessant lange darüber zu reden, ob sie sich radikalisieren. Das ist nur Beiwerk einer wirklich desolaten Situation, in der sich die Menschheit befindet.

Ich wünschte, wir kommen mit Ehrlichkeit an der Stelle weiter, was uns da droht. Und was wir heute schon so vielen Menschen antun – und da sage ich bewusst "wir", weil es ja unsere eigene Ökonomie, unser Verhalten und unsere Gesetze sind. Wir haben wieder mehr Hunger auf der Erde, weniger Chancen für Kinder. Das sind dramatische Dinge, da kann man auch dramatische Worte wählen.
Sind drastische Maßnahmen erforderlich?
Das kann man physikalisch beantworten: Am Ende geht es darum, dass weniger CO2 und Methan die Atmosphäre erreichen. Man muss aufpassen, was "drastisch" bedeutet. Manchmal denkt man, man tut etwas Gutes, macht es aber anderswo nur schlimmer. Diese Ungleichheiten muss man begreifen.

Wenn man sagt, ab heute stehen in Deutschland alle Kohlekraftwerke still, können manche industriellen Produktionen nicht mehr laufen. Denn wir haben noch keinen Ersatz für diese Energie. Dann müssen wir anderswo einkaufen, haben aber vielleicht gar nichts gewonnen, wenn da viel mehr CO2 erzeugt wird.

Deswegen muss man bei den nationalen Zielen aufpassen. Nur national kann man Gesetze erlassen und direkt etwas organisieren. Aber sie sind auch problematisch, wenn man keine Allianzen dahinter hat, die klären was für einen CO2-Footprint es hat. Da hoffe ich sehr, dass am letzten Tag der Klimakonferenz nochmal Regeln aufgestellt werden.
Was sind die wichtigsten Eckpunkte in der Abschlusserklärung?
Das eine ist für mich als Wissenschaftlerin die Klarheit der Eingangspräambel. Dort wird festgehalten, wo überall dieses System ungerecht und zerstörerisch ist. Da wird betont, es geht um unsere Kinder, um Menschen. die nichts haben, die Rechte der Indigenen. Und dann sind auch recht harte Worte gefunden, für das Versagen der Weltgemeinschaft, den versprochenen Fonds für arme Länder im Umfang von 100 Milliarden Dollar im Jahr aufgestellt zu haben. Diese Mittel fehlen.

Ein Thema ist auch der Fonds für Verluste, die Menschen weltweit schon erleben. Dort, wo Überflutungen Heimat, Zuhause, Einkommen, Arbeitsplatz und Familien nehmen. In Deutschland ist es so klar, dass wenn eine Flut kommt, danach wiederaufgebaut wird und der Staat das bezahlt. Aber das ist in so vielen Ländern überhaupt nicht klar. Das Wichtigste bleibt für mich die sogenannte Mitigation, also alle Methoden, die Treibhausgase in deren Emission reduzieren.

Wenn wir den Klimawandel nicht bewältigen, ist das ein fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte. Es geht nur, wenn wir die Natur, die Vielfalt des Lebens auf der Erde, schützen und nutzen.

Die Leiterin des AWIs Antje Boetius im Studio von buten un binnen.
Antje Boetius, Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven
Was sagen Sie dazu, dass Deutschland sich einer Initiative zum Aus von Verbrennermotoren nicht angeschlossen hat?
Da hat sich Deutschland vorsichtig verhalten. Sonst hat es sehr viele der neuen Papiere unterzeichnet. Man muss es einfach nochmal sagen: Es muss schneller gehen als es derzeit auf dem Zeitplan steht. Auch in Deutschland und Europa muss uns klar sein, was die nächsten Schritte sind.

Das müssen wir hinbekommen, damit wir als Bürger, die eine andere Zukunft für unsere Kinder wollen, uns auch so verhalten können. Nicht einmal das ist ja richtig organisiert. Keiner von uns weiß, wenn er einen Liter Milch kauft, der von einer Kuh kommt, die auf einem trockengelegten Moor steht, dass das eine wahnsinnige Klima-Sauerei ist. Diese Klarheit sich der Zukunft stellen zu können, das muss politisch organisiert werden.
Wie können die Absprachen der Konferenz kontrolliert werden?
Schwer. In Europa gibt es einen Rahmen, innerhalb dessen sich die Länder bewegen. Es werden Ziele gesteckt und Gesetze erlassen. Wenn ein Land seine Ziele nicht hält, kann es zu hohen Geldstrafen kommen. Diese Methode der Allianzen, innerhalb derer es funktionieren muss, sind wichtig. Es muss aber wirklich ehrgeiziger erfolgen. Wir sehen es ja bei der Meeresschuztrahmenrichtlinie. Da hat Deutschland auch versprochen, wie gut und gesund die Küsten sein werden und hat die Ziele nicht einhalten können. Bis jetzt sind dafür keine Strafen erfolgt. Aber man sieht wenigstens, es wird losgelegt und auch darüber berichtet.

Am Ende wirkt es in Demokratien auf die Wähler, die sehen: Aha, die Regierung hat nicht geschafft, für was sie angetreten ist, dann ist es wohl keine gute Regierung.

Die Leiterin des AWIs Antje Boetius im Studio von buten un binnen.
Antje Boetius, Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven
Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung?
Die Regierung muss sich sicherlich am Klimaschutzgesetz, an den Beiträgen zu Europa und der Weltgemeinschaft messen lassen. Wir gehen davon aus, dass die nächste Regierung das fortsetzt oder noch übertrifft. Es ist viel mehr auch versprochen worden, dass noch mehr Investitionen in die Umsetzung und die Mitigation gehen. Und dass es klare Linien gibt, wie wir es schaffen werden regenerative Energien weiter hochzufahren und Klima-Allianzen zu bilden. Also, dass Deutschland nicht nur in Europa, sondern weltweit zusammenarbeitet.
Mit Blick auf Hochwasserkatastrophen: Gucken wir zu sehr nur auf unsere Lage?
Der Wiederaufbau der Überschwemmungsgebiete aus diesem Sommer in Deutschland kostet 30 Milliarden Euro. Die Weltgemeinschaft hat den Fonds für arme Länder über 100 Milliarden Dollar nicht geschafft. Daran kann man mal sehen, über was wir hier reden.
Das AWI warnt vor weiteren Pandemien, welche Rolle spielt der Klimawandel dabei?
Wir wissen schon lange, dass Pandemien am Ende auch Konsequenzen von Veränderungen von Landschaften sind. Und von der Einschränkung der Lebensräume für Wildlebewesen, die Viren tragen, mit denen wir Menschen normal nicht in Kontakt kommen. Wir müssen uns weiter darauf vorbereiten. Auch hier gilt es die Prozesse so aufzustellen, dass die Weltgemeinschaft reagieren kann. Es nützt uns am Ende nichts, wenn große Teile der Welt ungeimpft bleiben. Dann werden wir nie fertig mit der Pandemie. Dieses Zusammenstehen, die Lösung für alle, das ist wirklich eine große Aufgabe.

Das macht dieser AWI-Klimaforscher auf der UN-Klimakonferenz

Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Dirk Bliedtner
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. November 2021, 19:30 Uhr