Kinder und Krieg: Ukrainische Psychologin gibt Tipps für Eltern

Yana Mysan mit ihren Kindern
Yana Mysan mit ihren Kindern. Bild: Yana Mysan | Yana Mysan

Die ukrainische Psychologin Yana Mysan berät Eltern in Bremen, wie sie ihren Kindern helfen können, die Auswirkungen des Ukraine-Krieges psychisch zu bewältigen.

Vor einem kleinen Raum stehen acht Kinder aus der Ukraine in Begleitung ihrer Eltern aufgereiht im Flur. Einige Kinder lachen laut und albern herum, während andere schüchtern an der Seite warten. Sie alle warten darauf, dass Yana Mysan aus Kiew (30), ausgebildete Psychologin, die Tür zum "magischen" Raum öffnet und mit dem Kunsttherapieunterricht beginnt.

Wenn die Kinder zum Unterricht kommen, haben wir bestimmte Rituale: Wir stehen alle im Kreis, begrüßen uns und sagen ein paar warme Worte. Dann müssen die Kinder ihren emotionalen Zustand mit ihrem Körper oder mit Gesten zeigen, zum Beispiel Freude, Traurigkeit, Wut.

Yana Mysan

Die Begrüßung im Kreis dauert fünf Minuten. Die Kinder beginnen zu lachen. Diese Übung hilft ihnen, sich zu entspannen und Kontakt zueinander aufzunehmen.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Kinder und ihre Eltern gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Auswirkungen des Krieges auf ihr Verhalten sind unvermeidlich, sagt Jana.

"Ich arbeite mit Kindern im Studio 'Rückenschule und Yoga', dessen Aktivitäten nun aktiv auf die Hilfe für Ukrainer ausgerichtet sind. Und in der Nähe unseres Gebäudes befindet sich ein Flughafen, und hier fliegen oft Flugzeuge. Wenn sie das Geräusch eines Flugzeugs hören, verstecken sich einige Kinder sofort, schließen die Augen und verbergen ihr Gesicht. Einige werden ihren Vater nie wieder sehen, und andere haben ihr Zuhause und ihre Freunde verloren. Viele Kinder lebten in Kellern und sahen tote, atemlose Menschen und zertrümmerte Autos. Diese Kinder mussten sehr schnell erwachsen werden."

Wir haben versucht, viel über Gefühle zu sprechen

Auch die Kinder von Yana mussten schnell erwachsen werden. Vor zweieinhalb Monaten verließ ihre Familie Kiew in Richtung Bremen. Yana hat mit ihren Kindern von Beginn des Krieges an so offen wie möglich über den Krieg gesprochen.

"Meine Tochter ist klein, drei Jahre alt. Maria sah, dass ich manchmal weinte und fragte: 'Mama 'was ist passiert?' Ich sagte: 'Mama ist aufgeregt, weil ein Krieg stattfindet.' Sie versteht, dass das eine schlimme Sache ist, aber sie fragt nicht weiter." Yanas ältester Sohn, Benjamin, ist 10 Jahre alt. Aufgrund seines Alters versteht er schon sehr viel, sagt Yana. Sie und ihr Mann hätten versucht, ihm die Informationen dosiert zu vermitteln, um ihn nicht noch mehr zu verletzen.

Wir sagten, dass es draußen gefährlich sei und dass wir zusammenhalten und uns gegenseitig helfen müssten. Wir sagten ihm, dass wir auch Angst hätten, aber dass wir alles tun würden, um ihn und seine Schwester zu beschützen, und dass wir einen Plan hätten, den wir befolgen könnten. Unsere Soldaten, die Armee, sind sehr stark, und sie werden uns beschützen.

Yana Mysan

Als die Familie ihr Haus verließ, gab es in der Nähe Explosionen, die Kinder hatten Angst. "Mein Mann und ich sagten ihnen auf dem ganzen Weg, wir sind bei euch, alles ist gut. Wir haben versucht, viel über ihre Gefühle zu sprechen."

Begrüßungskreis Yana Mysan
Yana Mysan leitet den Begrüßungskreis an. Die Kinder können hier ihre Gefühle ausdrücken über den Körper oder mit Gesten. Bild: Yana Mysan | Yana Mysan

Über Gefühle zu sprechen und sie zu zeigen, das ist es, was Yana den Kindern in ihren Kunsttherapiestunden beibringt. Kunsttherapie ist kein Zeichenunterricht, sondern ein mächtiges Werkzeug, um kritische Momente im menschlichen Leben durch Kreativität und die richtige Unterstützung zu überwinden.

"Ich frage die Kinder zum Beispiel: Welche Gefühle kennst du? Und dann bitte ich sie, eine Person zu zeichnen und darzustellen, welche Emotionen diese Person haben könnte. Die Kinder ahnen nicht, dass sie sich dabei oft selbst darstellen. Ich bitte das Kind, von dem Bild zu erzählen und frage, was die Person auf dem Bild tun könnte, um mehr glückliche Gefühle zu haben."

Yana Mysan Kunsttherapie
Yana Mysan praktiziert einen kunsttherapeutischen Ansatz zur Aufarbeitung der kindlichen Belastungen durch den Krieg. Bild: Yana Mysan | Yana Mysan

Als Psychologin und Mutter hat Yana fünf Tipps für Eltern, wie sie ihren Kindern helfen können, die Auswirkungen des Kriegsstresses zu überwinden:

1 Sprechen Sie mit den Kindern und seien Sie aufrichtig.

Wenn Ihr Kind Fragen über den Krieg stellt, ignorieren Sie es nicht, sondern versuchen Sie, ehrlich zu sprechen. Erklären Sie, dass viele Menschen jetzt Angst, Wut und Unruhe empfinden und dass dies normal ist. Das Kind wird wissen, dass es nicht allein ist. Sprechen Sie mit Ihrem Kind so viel wie nötig über den Krieg, aber versuchen Sie, dem Alter des Kindes entsprechend zu reagieren, um ihm keine Angst zu machen. Sagen Sie am Ende des Gesprächs, dass Sie einen Plan haben, dass das Kind eine verlässliche Unterstützung hat – nämlich Sie. "

2 Konzentrieren Sie sich auf positive Gefühle.

Erklären Sie dem Kind, dass es jetzt zwar schwierig ist, aber dass es auch Gutes im Leben gibt. Lenken Sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf die guten Dinge. Zum Beispiel: "Du und ich sind in den Park gegangen. Erinnerst du dich, dass wir Menschen gesehen haben, die sich an den Händen gehalten haben? Das hat dir doch gefallen, oder? Wollen wir uns auch an den Händen halten?"

3 Geben Sie dem Kind die Möglichkeit, negative Gefühle durch Bewegung und Sport abzubauen.

Versuchen Sie, Ihrem Kind zu erklären, wie Sie mit negativen Emotionen umgehen können. Ich persönlich habe meinen Sohn in der Tennisabteilung angemeldet. Ich sage ihm: "Stell dir vor, dass der Ball die Emotion ist, die du so weit wie möglich wegwerfen musst!" Er hat es ausprobiert, und jetzt sagt er, dass es ihm wirklich gefällt.

4 Umarmen Sie Ihre Kinder öfter und streicheln Sie ihnen Rücken und Kopf.

Körperlicher Kontakt lindert emotionalen Stress. Gerade jetzt braucht das Kind den besonderen Kontakt zu Erwachsenen. Umarmungen sind ein Weg, das Kind zu beschützen, denn sie signalisieren ihm: Meine Mutter liebt mich, ich bin wichtig.

5 Achten Sie auf Ihre eigenen Reaktionen und Gefühle.

Denken Sie daran, dass Kinder ihre eigenen Verhaltensmuster entwickeln, indem sie Erwachsene beobachten. Solange Sie gut gelaunt sind, helfen Sie auch dem Kind. Das Kind muss sehen, dass eine glückliche Mutter in seiner Nähe ist. Es ist wie im Flugzeug: Wenn der Luftdruck in der Kabine sinkt, setzen Sie Ihre eigene Maske auf, bevor Sie dem Kind helfen.

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Bild: Radio Bremen