Fragen & Antworten

Wie Pflegeeltern in Bremen Kindern aus der Ukraine helfen können

Vorwiegend junge Geflüchtete aus der Ukraine sitzen in einer Halle auf weißen Plastikstühlen
Bild: DPA | Brunno Covello

Wegen des Kriegs fliehen auch unbegleitete Kinder aus der Ukraine nach Bremen. Das Jugendamt nimmt sie in Obhut und sucht nach Pflegefamilien. So können Bremer dazu werden.

Ein stabiles Umfeld ist für alle Kinder wichtig, gerade für Jungen und Mädchen, die einen Krieg und eine Flucht verarbeiten müssen. Um minderjährigen Geflüchteten aus der Ukraine möglichst schnell zu einem guten Umfeld mit festen Bezugspersonen zu verhelfen, sucht die gemeinnützige Gesellschaft Pib (Pflegekinder in Bremen) im Auftrag des Jugendamts geeignete Pflegefamilien. Das sollte man dazu wissen:

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um Kinder oder Jugendliche bei sich aufzunehmen zu dürfen?
"Man sollte aufgeschlossen sein gegenüber anderen Lebensweisen und Kulturen", sagt Anneli Lamken aus dem Bildungszentrum des Pib. Zudem müsse, wer ein Kind aus der Ukraine bei sich aufnehmen möchte, zunächst eine entsprechende Informationsveranstaltung des Pib besuchen und eine Qualifizierungsmaßnahme bei der Pib durchlaufen.

Ebenfalls erforderlich ist ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Dieses Zeugnis stelle die Meldungsstelle aufgrund eines Schreibens der Pib aus, sagt die Sozialpädagogin. Schließlich benötige, wer ein Kind oder einen Jugendlichen aus der Ukraine aufnehmen wolle, ein ärztliches Attest: "Es muss klar sein, dass die Pflegeeltern gesundheitlich dazu in der Lage sind, sich um ein Kind oder um einen Jugendlichen aus der Ukraine zu kümmern", so Lamken.

Sind alle formellen Voraussetzungen erfüllt, so machen sich die Fachleute der Pib ein genaues Bild von den angehenden Pflegeeltern, besuchen sie zuhause. Auch lernten Pflegekinder und Pflegeeltern einander im Vorfeld persönlich kennen. "Nur wenn beide wollen, bringen wir sie zusammen", stellt Lamken klar.
Wie sieht die Qualifizierung von Pflegeeltern bei der Pib aus?
Die Pflegeeltern lernen im Detail, was es bedeutet, ein Kind aus der Ukraine aufzunehmen, und was dabei auf sie zukommen könnte. "Wir informieren die Interessenten auch über ihre Rechte und Pflichten als Pflegeeltern", sagt Lamken. Außerdem bekämen die angehenden Pflegeeltern viele Tipps dahingehend, wie sie ihre Pflegekinder unterstützen könnten. Umgekehrt machten sich die Expertinnen und Experten der Pib ein Bild von den Interessenten, um beurteilen zu können, ob sie als Pflegeeltern infrage kommen.

Insgesamt nehme die Qualifizierung am ersten Wochenende einen halben Freitag sowie einen Sonnabend in Anspruch. Hinzu kämen anschließend noch ein Tagesseminar und fünf Abendtermine, sagt Lamken und fügt hinzu: "Aber das kann man auch nach dem ersten Wochenende und nach Ankunft des Kindes erledigen."
Eine Frau umarmt ein aus der Ukraine geflüchtetes Pflegekind
Viele Kinder aus Kriegsgebieten sehnen sich nach einer Pflegefamilie. Bild: DPA | Keystone/Gian Ehrenzeller
Können auch alleinstehende Menschen Minderjährige aus der Ukraine bei sich aufnehmen?
Ja. Ob man allein lebt, als Paar mit Kindern oder zusammen mit anderen Bremerinnen und Bremern in einer Wohngemeinschaft spiele keine Rolle, sagt Lamken: "Wir pflegen einen modernen Familienbegriff."
Wenn ich mich dazu entschließe, einen Jugendlichen oder eine Jugendliche aus der Ukraine bei mir aufzunehmen: Inwiefern werde ich dann vom Land Bremen oder vom Bund finanziell unterstützt?
Wer ein Kind oder einen Jugendlichen bei sich aufnimmt, bekommt Pflegegeld. Die Höhe richtet sich nach dem Alter des Kindes. Für Jugendliche gibt es mehr Pflegegeld als für kleinere Kinder, weil die anfallenden Kosten höher sind. "Das Pflegegeld ist ausreichend, um das Kind angemessen zu versorgen. Da ist Miete drin, da ist Geld für Wasser drin, Essen, Trinken, Kleidung, Schulsachen", sagt Lamken.
Worauf sollte man besonders achten, wenn man Kinder oder Jugendliche aus der Ukraine bei sich aufnimmt?
Man muss damit rechnen, dass die Kinder traumatisiert sind. Das kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Es könne zum Beispiel passieren, dass ein Kind viel weint, schreit oder Fluggeräusche imitiere, einen Luftangriff, sagt Lamken. Manche Kinder hätten aufgrund ihrer Flucht- und Kriegserfahrung auch Panikattacken, die durch laute Autos, Flugzeuge oder sonstige Geräusche ausgelöst werden könnten: "Wir dürfen nicht vergessen – diese Kinder haben oft Sachen erlebt, die so schrecklich sind, dass wir uns das gar nicht vorstellen können", so die Expertin. Hinzu komme, dass viele gar nicht wüssten, was aus ihren Familien geworden ist, ob die Angehörigen überhaupt noch lebten.
Was mache ich, wenn ich ein Kind aus der Ukraine zu mir genommen habe, aber merke, dass ich überfordert bin, Hilfe brauche?
"Die Pib ist ein Beratungsdienst. Wir beraten und begleiten Pflegefamilien", sagt Lamken. Es gebe Fachberatungen für die Kinder und Jugendlichen ebenso wie für Pflegeeltern. Hinzu kämen Gruppenberatungen. Doch auch eine therapeutische Begleitung könne notwendig sein.
Wie viele Minderjährige aus der Ukraine sind bereits im Land Bremen angekommen?
Bis Dienstag, 19. April, waren seit Kriegsbeginn neun unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus der Ukraine im Land Bremen angekommen, teilt Gabriele Brünings aus dem Sozialressort mit. Wie viele weitere unbegleitete minderjährige Geflüchtete demnächst noch aus der Ukraine nach Bremen und Bremerhaven kommen werden, lasse sich nicht seriös vorhersagen.

Zum Hintergrund: Als "unbegleitet" gelten Kinder und Jugendliche auch dann, wenn sie zwar von Erwachsenen begleitet werden, diese erwachsenen Begleitpersonen aber weder ihre Eltern sind noch eine Vollmacht der Eltern vorzeigen können. Grundsätzlich nehmen die Jugendämter solche unbegleiteten minderjährigen Geflüchtete in Obhut und suchen für sie nach geeigneten Pflegefamilien. Die Vermittlung nach den Vorgaben des Kinder- und Jugendschutzes dauert mindestens sechs Wochen. Die Pib rät Interessenten daher dazu, sich schnell zu informieren.
Die Hand eines Kindes hält die Hand eines Erwachsenen

Wie Bremer zu Pflegeeltern ukrainischer Kinder werden können

Bild: DPA | Jochen Lübke

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 19. April 2022, 13.10 Uhr