Interview

Hat die Politik Schuld an Übergewicht? Das sagt eine Bremer Forscherin

Übergewicht kann schwere gesundheitliche Folgen haben, für Kinder wie Erwachsene. Die Politik muss mehr dagegen tun, fordert Expertin Antje Hebestreit.

Etwa eins von zehn Kindern zwischen drei und 17 Jahren ist in Deutschland übergewichtig, knapp sechs Prozent sind adipös. Laut Bundesgesundheitsministerium kann dies zu Krankheiten wie Herz-Kreislaufstörungen, Diabetes und Depression führen.

Die Bremer Forscherin Antje Hebestreit ist überzeugt, dass die Politik bei einer gesunden Ernährung von Kindern und Erwachsenen eine wichtige Rolle spielen kann. In Deutschland sieht sie dabei noch Luft nach oben. Was sie und ihre Kollegen jüngst in einer Studie herausgefunden haben, erklärt sie im Interview mit buten un binnen.

Frau Hebestreit, was haben Sie in Ihrer Studie herausgefunden?
Unsere Analyse ergab, dass in Deutschland keine einzige der Möglichkeiten oder der gesundheitsfördernden Maßnahmen, die der Food Environment Policy Index vorgab, in den letzten Jahren umfassend ergriffen wurden. Acht Interventionen werden als mittelmäßig gut umgesetzt bewertet, das ist schon relativ gering. Und das sind überwiegend Maßnahmen, die uns im Alltag wenig konkrete Hilfe bieten, um uns gesund zu ernähren.
Das klingt nicht nach einer guten Bewertung.
Bedauerlicherweise war das Ergebnis nicht so glorreich. In vielen Bereichen ist noch viel Luft nach oben – und auch erheblicher Nachholbedarf. Im Vergleich zu anderen Ländern liegt Deutschland eher im unteren Mittelfeld. Deutschland zögert zum Beispiel häufig bei politischen Regulierungen, wie zum Beispiel Eingriffe in die Werbung von ungesunden Lebensmitteln, die sich an Kinder richtet oder eine höhere Besteuerung von ungesunden Lebensmitteln.
Viele denken in der Tat bei dem Thema Ernährung an individuelle Entscheidungen. Sie fokussieren sich aber auf den politischen Rahmen. Wie kann dieser die Ernährung beeinflussen?
Das sind mehrere Ebenen. Es sind zum Teil politische Maßnahmen, aber auch die Schaffung oder Unterstützung einer gesunden Infrastruktur. Zum Beispiel haben wir immer noch die Süßigkeiten an den Supermarktkassen, die dazu führen können, dass Kinder vielleicht im letzten Moment zugreifen, oder die Werbung für Fast-Food, die sich an die junge Bevölkerung richtet. Die Politik kann an verschiedenen Stellen die Ernährungsumgebung der Bevölkerung so günstig gestalten, dass es einfacher und günstiger ist, sich gesund zu ernähren. In Skandinavien ist es zum Beispiel häufig so, dass Trinkwasser kostenlos auf dem Tisch steht. Im Restaurant hier ist es meistens so, dass Mineralwasser genauso teuer ist wie Softdrinks. Und dann wird halt ein Softdrink getrunken.
Welche Beispiele aus dem Ausland können wir also als Vorbild nutzen, zusätzlich zum kostenlosen Leitungswasser in Skandinavien, das Sie erwähnt haben?
In Großbritannien gibt es schon seit längerer Zeit eine Steuer auf Softdrinks und da ist es so, dass dieser Steuersatz mit dem Zuckergehalt im Getränk steigt. Seitdem haben viele Hersteller ihren Zuckergehalt im Getränk gesenkt und Studien zeigen, dass die Briten nun pro Kopf ungefähr zehn Prozent weniger Zucker durch diese Getränke zu sich nehmen als früher. Das ist ein tolles Beispiel.
Wie könnte Deutschland es in Zukunft also besser machen, ganz konkret?
Ganz konkret sind uns fünf Maßnahmen aufgefallen: eine qualitativ hochwertige und gebührenfreie Kita- und Schulverpflegung, angelehnt an die Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Dann eine gesundheitsförderliche Mehrwertsteuerreform, um gesunde Lebensmittel kostengünstiger zu machen, und auf der anderen Seite eine Herstellerabgabe auf Softdrinks. Dann die Regulierung vom Kinderlebensmittelmarketing, und zwar, dass es nicht mehr erlaubt ist, Werbespots an Kinder zu richten. Und auch ein gesundes Essen in allen öffentlichen Einrichtungen anzubieten, nicht nur in Kitas und Schulen.
Wieso hat die deutsche Politik Ihrer Meinung nach versäumt, solche Regelungen bislang zu treffen?
Es wäre natürlich sinnvoll, wenn der gesundheitliche Verbraucherschutz im Bundesgesundheitsministerium angegliedert wäre – und nicht bei der Landwirtschaft. Denn es gibt bei vielen politischen Entscheidungen Interessenskonflikte mit der Lebensmittelindustrie, und dann wird die Gesundheit meist einfach hintenangestellt.

Das wäre ein wichtiger Anfang. Denn zu glauben, dass die Industrie ein Teil der Lösung sein kann, ist ein Trugschluss. Die Lebensmittelindustrie wird immer Maßnahmen verhindern, die eine Senkung des Konsums von verarbeiteten Lebensmitteln zum Ziel haben. Wir hoffen jetzt, dass in den Koalitionsverhandlungen unser Bericht berücksichtigt wird. Denn SPD, FDP und Grüne hatten in ihren Wahlprogrammen versprochen, mehr für die Förderung einer ausgewogenen Ernährung zu tun, insbesondere für Kinder. Es wäre jetzt an der Zeit, das Versprechen einzulösen.

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Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. November 2021, 19:30 Uhr