Einst die weltweit größte Windjammer-Reederei: Bremer Reederei Wätjen

Einst die weltweit größte Windjammer-Reederei: die Bremer Reederei Wätjen

Bild: Radio Bremen

Sie war einst die größte Segelschiff-Reederei der Welt. Letztes Jahr wäre sie 200 Jahre alt geworden. Ein Bildband feiert die ruhmreiche Zeit der Bremer Reederei.

Sie besaßen die größte Segelschiff-Reederei der Welt und konnten sich von ihrem Reichtum neben einer Villa am Osterdeich auch noch ein Blumenthaler Landgut mit Schloss darauf leisten: Wer abtauchen will in die Firmen- und Familiengeschichte der Bremer Wätjens, kann dies im Heimatmuseum Schloss Schönebeck in Vegesack tun. Dort ist der Firma mit dem weißen "W" im blauen Feld in der Flagge eine Sonderausstellung widmet.

Oder blättert im Bildband "Die Schiffe der Reederei D.H. Wätjen & Co." Er enthält nebst Kunsthistorie und Reedereigeschichte 134 Schiffsbiografien. Von Schiffen, die Auswanderer nach New York brachten oder aber auf Walfang gingen.

Die See als große Gefahr

Der Schifffahrtshistoriker Peter-Michael Pawlik zeigt in seinem Schiffsregister eher ungewollt, wie gefährlich die Arbeit in diesem "Landschaftsraum See" zu der Zeit der Wätjens noch war. Kaum ein Schiff schaffte es bis zur Abwrackwerft: Strandung, Schiffbruch, Verschollen lauten oft die letzten sehr endgültigen Kommentare am Ende vieler Schiffsrecherchen.

Das Register und die fast 70 Abbildungen im Buch sind dabei chronologisch sortiert: Vorne unter den ersten Kapitänsbildern ist die Schonergaliott "London Packet" zu sehen, ein Boot von gerade einmal 23 Metern Länge. Mit der Zeit und dem Erfolg der Reederei werden die Schiffe größer bis hin zur Viermastbark "Magdalene", die 1894 mit ihren 94,3 Metern noch den Dampfschiffen ihrer Zeit Paroli bieten soll.

Der Kunsthistoriker und Herausgeber Eduard Wätjen geht auf die verschiedenen Malschulen der Schiffsportraits ein. Für ihn sind einige der Ölgemälde echte Kunstwerke und wurden zu Unrecht nicht aufgenommen etwa in die Sammlungen der Bremer Kunsthalle. Die Schiffsgemälde vom Bremerhavener Maler Carl Justus Fedeler (1799 bis 1858) ordnet er in die niederländische Malschule ein und lobt, wie genau die konstruktiven Eigenschaften der Schiffe dargestellt sind und wie stimmig der "Landschaftsraum See" gestaltet wurde.

Vom Bauerssohn zum erfolgreichen Reeder

Der dritte Autor ist der Historiker Henning Wätjen. Wie sein Neffe und Buchherausgeber Eduard Wätjen stammt auch er aus der entfernten Verwandtschaft der erfolgreichen Reedersfamilie. Er hat sich über die Zahlen und Bilanzen der Firma hergemacht und erzählt daran die Geschichte der Reederei.

Der Firmengründer Diedrich Heinrich Wätjen (1785 bis 1858) ist ein 15-jähriger Bauernsohn aus Ochtmannien bei Vilsen, als er 1800 nach Bremen geht, um sich zum Kaufmann ausbilden zu lassen. Er übernimmt seine Lehrfirma 1821 und startet mit einem einzigen kleinen Zweimaster sein Handelsunternehmen – mit der Brigg "Luise". Fünf Jahre später gehören ihm fünf Schiffe, die auch schon im Transatlantikverkehr Baumwolle, Tabak oder Zucker transportieren.

Vertrauen als Geschäftsgrundlage

Der Kaufmann hat zwei Lagerhäuser im Bereich von Obernstraße und Langenstraße in der Innenstadt, wo die Waren von ihm und seinen Partnern in Übersee lagern. Der Autor Henning Wätjen begründet den wirtschaftlichen Erfolg der Bremer Kaufleute zu dieser Zeit mit den vertrauensvollen Beziehungen, die sie als Fernkaufleute in aller Welt aufgebaut hatten: Es floss kein Bargeld.

Der Zahlungsverkehr lief über Wechsel, basierend auf dem gegenseitigen Vertrauen, dass die Liefer- und Kaufversprechen von der jeweils anderen Seite auch eingehalten würden, so Henning Wätjen. Im Jahr 1830 hat die Firma ein Eigenkapital von 300.000 Talern. Man macht 13.000 Taler Verlust in diesem Jahr. Und doch kauft Dietrich Heinrich Wätjen sich ein Landgut in Blumenthal als Sommersitz, auf dem er später auch sein Altenteil genießt.

Geschäfte mit den USA

Gebäude mit der Aufschrift "Deutsches Auswandererhaus".
Auch im Auswandererhaus finden sich noch Passagierlisten von Auswanderer-Passagen der Reederei Wätjen in die USA. Bild: Radio Bremen

Der Kaufmann verdient vor allen Dingen mit Waren aus den USA: Die riesigen Anbauflächen und die Sklavenhaltung dort machen US-Produkte zu dieser Zeit billiger als die aus den benachbarten europäischen Staaten. Der Sohn des Firmengründers, Christian Heinrich Wätjen, geht für zwei Jahre nach Amerika. Dort möchte er das Land und den Markt verstehen lernen und neue Handelsbeziehungen knüpfen. Praktischerweise ist sein Onkel Hermann Wätjen 1835 Konsul in Havanna. 1840 wittern die Wätjens auch im Walfang Profite und rüsten immer mal wieder Frachtsegler für Fangreisen um. Auch Auswanderer transportiert die Reederei inzwischen.

1850 zieht sich Dietrich Heinrich Wätjen aus dem Geschäft zurück und übergibt seinem Sohn die Zügel. Der Historiker hat die Zahlen aus diesem Jahr gesichtet: Der Senior-Chef hinterlässt eine Firma mit 1,7 Millionen Talern Eigenkapital. Der Jahresgewinn beträgt 120.000 Taler, das Einkommen des Patriarchen liegt bei 60.000 Talern.

Ein bürgerlicher Durchschnittshaushalt in Bremen verfügt zu dieser Zeit über etwa 250 Taler im Jahr. Allein sein Senatorenamt bringt Wätjen Senior noch einmal 2.000 Taler. In diesem Amt treibt er den Hafenbau in Bremerhaven und den Bau der Eisenbahn von Bremen nach Hannover voran.

Ein Schloss in Blumenthal und eine Villa am Osterdeich

Der Reederei steht ihre Blütezeit noch bevor: Christian Heinrich Wätjen baut 1856 seiner kinderreichen Familie am Osterdeich auf dem Grundstück der heutigen Theatergaragen eine prachtvolle Villa. Zwei Jahre später stirbt sein Vater. Der Junior lässt in Blumenthal das Schloss Wätjen im damals beliebten englischen Tudorstil errichten.

1862 stellt Wätjen das nicht mehr lukrative Walfanggeschäft ein. Im US-Geschäft hat man sich früh über die New Yorker Kontakte auf die Seite der siegreichen Union gestellt. 1865 wird die Zahl der Schiffe erhöht. Die Neubauten sind jetzt aus Eisen. Wätjen ist Teilhaber der neuen Tiefsee-Telegrafenverbindung in die Staaten. Warenbörsen für Termingeschäfte entstehen. Ende der 1860er Jahre steigt Wätjen in den Transport von Petroleum ein, dass den Dunst von Wal-Tran aus den Straßenlaternen der europäischen Städte vertrieben hat.

Das Ende des weißen "W"s auf blauem Grund

Zum 50. Firmenjubiläum hat Wätjen 30 Schiffe, die aber auch die Waren anderer Unternehmen transportieren. Wätjen ist zur Speditionsreederei geworden. Das Eigenkapital liegt bei der damals astronomischen Summe von 7,5 Millionen Talern.

1881 bis 1884 werden vier Dampfschiffe für das Asiengeschäft angeschafft. Im Kern setzt die Reederei aber immer noch auf große Segelschiffe. So geht man der schnellen Terminfracht aus dem Weg, um mit großer Tonnage die Landstrecke zu bestimmen.

Letztlich stirbt Christian Heinrich Wätjen 1887 im Alter von 74 Jahren, ohne dass die entscheidenden Weichenstellungen hin zu dampfmaschinenbetriebenen Wasserfahrzeugen gestellt sind. Sein Erbe wird aufgeteilt.

1913 betreibt die Firma nur noch drei Schiffe. 1916 gibt die Familie das Landgut mit Schloss in Blumenthal auf. Am 19. November 1948 wird die Firma mit dem weißen "W" auf blauem Grund endgültig aus dem Bremer Handelsregister gestrichen.

Autor

  • Volker Kölling Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Januar 2022, 19:30 Uhr