Fragen & Antworten

Warum am Gymnasium Vegesack TikTok jetzt zum Matheunterricht gehört

Bild: Harald Schröder

Die Initiative "Digital School Story" will frischen Wind in Klassenräume bringen. Das Gymnasium Bremen-Vegesack ist dabei und produziert Mathe-Videos – mit Erfolg.

Wer an die eigene Schulzeit zurückdenkt, hat wohl eine klare Tendenz hinsichtlich der Liebe zum Schulfach Mathematik. Nicht bei allen ist sie besonders ausgeprägt, doch am Gymnasium Vegesack soll sich das jetzt ändern. Der Schlüssel zum Erfolg könnte in der Initiative "DigitalSchoolStory" liegen, an der die Bremer Schule teilnimmt. Ziel des Projekts: Schülerinnen und Schüler sollen auf den Social-Media-Plattformen TikTok, Instagram oder YouTube nicht nur Inhalte konsumieren, sondern sie selber gestalten. Wie kommt diese Idee am Gymnasium Vegesack an?

Was steckt hinter "DigitalSchoolStory"?
Hinter dem Projekt verbirgt sich das gleichnamige Start-Up, das als eines von 15 Gewinnerprojekten aus dem Hackathon #WirFürSchule 2020, einer gemeinsamen Software-Entwicklung, hervorgegangen ist. Für Geschäftsführerin Nina Mülhens ist es wichtig, jungen Menschen nicht nur Medienkompetenz, sondern mit modernen Formaten wie zum Beispiel kurzen TikTok-Videos auch den Spaß am Lernen zu vermitteln. Die Sprachrohre und Stars der Social-Media-Welt holt sie dafür mit ins Boot: als Patinnen und Paten für die Einzelprojekte stehen sie den Schülerinnen und Schülern beratend zur Seite und sollen sie so besonders motivieren.
Welche Patinnen und Paten sind mit dabei?
In der TikTok-Welt bekannte Content-Creator, wie Younes Zarou, Onkel Banjou, Monumentalmo, NikoTheC Freddy von Frechundfruchtig stehen den Schülerinnen und Schülern bei und geben gezielte Rückmeldungen zu ihren Ideen. "Im realen Leben sind unsere Paten die Vorbilder der Schülerinnen und Schüler aus der Social Media-Welt", sagt Mülhens.
Welche Bremer Schulen nehmen an "DigitalSchoolStory" teil und warum?
Für das Land Bremen ist das Gymnasium Vegesack das Pilotprojekt und vor Ort die bislang einzige Schule, die neue Formate über "DigitalSchoolStory" ausprobiert. Daniel Borowski unterrichtet an der Schule und hat das digitale Projekt nach Vegesack geholt. Zusammen mit vier weiteren Kolleginnen und Kollegen setzen sie die Videoproduktionen für TikTok in insgesamt fünf Lerngruppen um. Mit dabei sind die Jahrgangsstufen sechs, neun, zehn und zwölf.
Warum hat sich die Schule ausgerechnet Mathematik als Fach für die TikTok-Videos ausgesucht?
Die "4K-Kompetenzen des 21. Jahrhunderts" spielten in der Diskussion um Bildung in der digitalen Welt eine große Rolle, so Borowski. Diese sind: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Genau hier setze "DigitalSchoolStory" an und fördere diese Bereiche gezielt – auch für das Fach Mathematik. "Storytelling bietet den Schülerinnen und Schülern einen alternativen, kreativeren und emotionaleren Zugang zur Mathematik an", sagt der Lehrer. Besonders hilfreich kann das insbesondere für junge Menschen sein, die mit Mathe bislang nicht viel anfangen konnten. "Alle, die mit traditionellem Mathematik-Unterricht nicht so gut zurechtkommen, finden hier also ein neues Angebot", sagt Borowski.
Und wie sieht das in der Praxis aus?
Eine der Lerngruppe hat sich bei der Umsetzung des Projekts für einen Trickfilm entschieden und dabei das Thema "Parabeln und Kunst" gewählt. Die Schülerin Moana erklärt, worum es dabei geht.

In unserer Geschichte geht es um zwei Rivalen, die es lieben zu malen. Einer malt nur mit Geraden und der andere nur mit Parabeln. Eines Tages findet ein Malwettbewerb an der Schule statt, bei dem sie sich so in die Haare kriegen, dass sie disqualifiziert werden. Durch einen Zufall aber verbringen sie den restlichen Tag zusammen und verstehen sich gut. Am Anfang sieht man ihr Kind Heidy wie es Ihre Oma fragt wie sich Ihre Eltern kennengelernt haben. Die Oma erzählt es Heidy und erklärt ihr auf Nachfragen was zum Beispiel eine Gerade oder eine Parabel ist.

Moana aus der 9a am Gymnasium Vegesack
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Das TikTok-Projekt "Parabeln und Kunst" der Neuntklässlerinnen des Gymnasiums zeigt, dass sich Mathematik auch in Geschichten und Videos erzählen und verstehen lässt. Bild: Daniel Borowski
Was ist die Kernidee des Projekts?
Es gehe weniger darum, Videos zu schauen, sondern diese selbst zu produzieren, so Borowski. Schülerinnen und Schüler setzen sich kreativ mit Mathematik auseinander, indem sie diese in einer Geschichte verarbeiten. "Die Orientierung an der Länge von TikTok-Videos hält sie dazu an, die Geschichten komprimiert auf den Punkt zu bringen", sagt der Lehrer.
Wie lange läuft das TikTok-Projekt noch an der Schule?
Derzeit füllen die Schülerinnen und Schüler ihre Storyboards, drehen Szenen und schneiden Videos. Nach dem Austausch mit den Content-Creatoren sollen die Videos dann bis Mitte Februar fertig sein. Langfristig könnten die Erfahrungen und Methoden aus "DigitalSchoolStory" auch in anderen Fächern an der Schule eingesetzt werden. "Dabei sollte darauf geachtet werden, dass die Fachlichkeit nicht zu kurz kommt", sagt Borowski.

Was ein weltweiter TikTok-Trend mit dem Bremer Shanty Chor zu tun hat

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Januar 2022, 19:30 Uhr