Wie eine russische Theatermacherin in Bremen Kriegsflüchtlingen hilft

Dunkelhaarige Frau lehnt sich auf Regiestuhl mit Aufschrift "Kira"
Geschäftsleiterin des Vereins "Integration durch Kunst" und Direktorin des Theaters 11 in Personalunion: Kira Petrov. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Deutsch, Musik und Tanz: Kira Petrov vom Theater 11 hat 15 Kurse für Kinder und Erwachsene aus der Ukraine ins Leben gerufen. Schon jetzt sind über 100 Geflüchtete dabei.

Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte Kira Petrov, Direktorin des Bremer Theaters 11, den 24. Februar in der Ukraine verbracht: bei einem Fachkräfte-Treffen, bei dem sich Kulturschaffende über Jugendarbeit und Integration austauschen wollten.

Doch es lief nicht nach Plan. Am 24. Februar eröffnete Wladimir Putin das Feuer auf die Ukraine. Sieben Tage zuvor hatten die Kulturschaffenden ihr Treffen abgesagt, denn das Risiko eines russischen Angriff lag bereits in der Luft. "Trotzdem war ich total schockiert, als der Krieg dann wirklich begann", erinnert sich Kira, die auch Geschäftsleiterin des Vereins "Integration durch Kunst" ist.

"Wir haben fast alle Verwandte und Bekannte in der Ukraine. Unser Verein setzt sich aus 14 Nationalitäten zusammen. Wir, was es bedeutet, die Heimat verlassen zu müssen", sagt die Russin, die ihrerseits vor 22 Jahren als Schülerin nach Deutschland gekommen ist und die zeitweise in der Westukraine studiert hat.

Am Anfang war die Website

Probenszene auf einer Theaterbühne mit vier jungen Frauen und einem Kind, Regisseur im Vordergrund von hinten zu sehen
Geflüchtete aus der Ukraine beim Körpertraining im Theater 11 mit Regisseur Arnold Saramjanski. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Doch so tief der Schock über den Krieg bei Kira und ihrer Crew auch saß – schnell konnten sie sich aus der Starre befreien. "Wir haben als erstes die Website aufgebaut", berichtet Kira und verweist auf die Seite "bremenwithukraine.com".

Zum kleinen Teil auf Deutsch, aber überwiegend auf Russisch stehen dort Informationen dazu, wie man aus der Ukraine nach Deutschland kommt und über welche Social-Media-Kanäle man sich austauschen sowie weitere Informationen sammeln kann. Auch eine Liste mit empfehlenswerten Arztpraxen und Anwaltskanzleien aus Bremen und umzu haben Kira und ihr Team auf der Seite veröffentlicht – allerlei Infos, die benötigen könnte, wer sich möglichst schnell bei uns zurecht finden muss.

Doch nicht nur das. Kira unterrichtet die Leserinnen und Leser der Website auch über eigene Angebote – und die können sich sehen lassen. 15 kostenlose Kurse hat sie in Windeseile für Kinder und Erwachsene aus der Ukraine eingerichtet, teils mithilfe bereits im Verein tätiger Dozenten, teils mit solchen, die sie frisch angeworben hat. Das Angebot reicht von Deutsch und Englisch über Basteln und Yoga bis hin zu Musik, Theater und Ballett. "Innerhalb von zwei Tagen waren alle Kurse voll", sagt Kira nicht ohne Stolz. Über 100 Geflüchtete aus der Ukraine nähmen an den Kursen teil.

"Die Kinder wirken auf mich ganz normal"

Der Ukrainer Arnold Saramjanski zählt zu den alten Hasen unter den Dozenten des Theaters 11. Der Regisseur und Pantomime hat sowohl geflüchtete Kinder in bestehende Kurse aufgenommen als auch einen neuen Kurs für Erwachsene eingerichtet. "Die Kinder wirken auf mich ganz normal, gar nicht besonders ängstlich" beschreibt er erste Eindrücke aus den Theaterproben. Allerdings spreche er mit den Jungen und Mädchen auch nicht über den Krieg, sondern konzentriere sich auf das Theaterspielen.

Die erwachsenen Geflüchteten, überwiegend Frauen, wirkten auf ihn dagegen deutlich angespannter als die Kinder. Man spüre, dass sie schwere Zeiten durchlebten, sagt Arnold. Doch auch sie würden sich im Laufe der Proben meist entspannen, stellt der Theatermacher zufrieden fest.

"Auf das Spielen kommt es an"

Älterer Mann im schwarzen T-Shirt von der Seite beim Ausfahren eines Arms im Theater
Macht den Kursteilnehmerinnen seines Theaterworkshops Bewegungen vor: Regisseur Arnold Saramjanski. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

So auch heute. Nach kurzer Einleitung in russischer Sprache macht Arnold den sechs ukrainischen Frauen, einem Kind und einem Mann auf der Bühne leichte Bewegungsübungen vor. Im Lichte der Scheinwerfer machen es ihm alle mit wachsender Leichtigkeit nach. Mal heben und senken sie die Köpfe wie in Zeitlupe. Dann wieder rudern sie synchron mit den Armen oder trippeln im Gleichschritt über den Boden. Schließlich bewegen sie sich, als wären sie Roboter.

"Wir arbeiten und spielen mit Rhythmik, nicht mit der Sprache", erklärt Arnold das Vorgehen. Wie er den Kurs mit den Geflüchteten fortsetzen möchte, wisse er im Detail zwar noch nicht. Sehr gern aber wolle er, spätestens nach einigen weiteren Proben, nach und nach alle Teilnehmerinnen dazu bringen, eine eigene Performance zu entwickeln und den anderen vorzuspielen. "Theater heißt spielen. Auf das Spielen kommt es an", sagt Arnold dazu. Das gelte für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, jedenfalls im Theater.

"Ein Tropfen Glück vor Himmel aus Bomben"

Das sehen die Frauen auf der Bühne offenbar genauso. Darina, die aus dem Westen des Landes nach Bremen geflohen ist, findet es schön, in Arnolds Workshop etwas auszuprobieren zu können und ihren Körper zu trainieren. Es tue ihr gut, sagt sie. Ganz ähnlich äußert sich Katerina, eine Studentin: "Ich habe mich schon immer für Schauspiel interessiert", fügt sie hinzu. Nicht umsonst studiere sie – wenn nicht gerade ein Krieg herrsche – an einer kulturwissenschaftlichen Universität in Kiew.

Während Darina in einem Bremer Studentenwohnheim in der Anne-Conway-Straße untergekommen ist, lebt Katerina seit ihrer Flucht bei ihrer Mutter Zhanna. Zhanna ist bereits vor knapp zwei Jahren nach Bremen gekommen. Sie war mit einem Deutschen verheiratet. Mit Blick auf ihre Tochter und auf andere junge Frauen auf der Bühne sagt sie: "Sie haben alles verloren. Gut, dass sie jetzt gerade nicht daran denken."

Zwar seien die meisten Geflüchteten froh darüber, dass sie gut in Bremen aufgenommen worden seien. Die Trauer über das verlorene Leben daheim aber sei noch größer. Oft müsse sie mit ansehen, wie ihre Tochter weine, sagt Zhanna. Wie viele andere auch, habe sie ihren Lebensgefährten und Freunde in der Ukraine zurückgelassen und mache sich entsetzliche Sorgen. "Das Theater ist für sie nun ein Tropfen Glück vor dem Himmel aus Bomben. Hier können sich die Frauen kennenlernen und sich ein bisschen ablenken", sagt Zhanna. Dafür sei sie unendlich dankbar.

Erschöpft und ausgelaugt: So werden Geflüchtete in Bremen versorgt

Bild: Radio Bremen

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