Interview

"Teachers for future": Was junge Menschen in Bremen lernen sollten

Timo Graffe und Nora Oehmichen

"Teachers for future": Was junge Menschen in Bremen lernen sollten

Bild: Nora Oehmichen

Wie gelingt eine nachhaltige Zukunft? Für den Verein "Teachers for Future" ist Bildung der Schlüssel. Der nächste Stopp auf ihrer Deutschland-Reise ist heute Bremerhaven.

Das Vorhaben der Vereinten Nationen (UN) klingt groß: "Ein globaler Plan zur Förderung nachhaltigen Friedens, Wohlstands und zum Schutz unseres Planeten". Damit dieser Plan gelingt, hat die UN in ihrer "Agenda 2030" insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung formuliert, darunter der Schutz der Ozeane, das Ende des Hungers oder ein Leben in Frieden. Damit diese Ziele bis 2030 nicht nur auf dem Papier vergilben, hat der Verein "Teachers for Future" das Projekt "17/17" ins Leben gerufen. Auf einer Reise quer durch Deutschland besucht das Team um die 1. Vorsitzende Nora Oehmichen insgesamt 17 Schulen, darunter auch die Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven.

Bremerhaven ist der elfte Stopp Ihrer laufenden Deutschland-Tour. Wie fällt Ihr bisheriges Fazit der Reise aus?
Sie war sehr bereichernd. Wir haben unterschiedliche Schulformen besucht und Schulen, die in der Verankerung des Lernkonzepts "Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)" unterschiedlich weit sind. Dementsprechend hatten wir kein Pauschal-Programm. An manchen Schulen haben wir mehr mitgebracht in Form von Workshops und an manchen Schulen haben wir selber sehr viel mitgenommen. Der Austausch mit Schüler:innen, Kolleg:innen und den Schulleitungen war sehr spannend.
Welche Idee steckt hinter der Reise?
Unsere Mission mit diesem Projekt, aber auch insgesamt als "Teachers for Future", ist, dass BNE stärker an Schulen strukturell verankert wird. Bildung ist in Deutschland zwar Ländersache, aber bei Bildung für nachhaltige Entwicklung ist klar: Das ist etwas, das eigentlich jedes Bundesland umsetzen müsste. Hier sind die Bundesländer unterschiedlich weit, gehen an die Sache unterschiedlich heran. Wir vertreten den Standpunkt, dass es total wichtig ist, hier eine Vernetzung herzustellen, zwischen den Schulen aber auch zwischen den Ministerien.
Bei "Teachers for Future" möchten Sie jungen Menschen wichtige "future skills" mit auf dem Weg geben. Was ist damit gemeint?
"Future skills" ist der Sammelbegriff für Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler brauchen, um sich in der Welt der Gegenwart und der nächsten Zeit zurecht zu finden. In einer Welt, in der sich alles sehr, sehr schnell verändert. Eine Welt, in der wir es mit der Klimakrise zu tun haben, mit einer Biodiversitätskrise, einer Demokratiekrise und zunehmend auch mit einer Friedenskrise. In der Schule lernen die wenigsten aktuell, wie sie sich in eine Veränderung einbringen können und wie sie damit umgehen können. Wichtig dabei ist, nicht das Gefühl zu haben, unter die Räder zu kommen.
Was bedeutet das konkret?
Es geht nicht ausschließlich darum, dass Schülerinnen und Schüler mehr zu Klimaschutz, Biodiversität oder Frieden lernen. Wichtig ist, dass sie es in einer Art und Weise lernen, die sie befähigt, selber aktiv zu werden. Das heißt auch, dass jede Schule Bereiche und Freiräume schaffen sollte, in denen projekt- und themenorientierter Unterricht stattfinden kann und zwar abseits der festgeschriebenen Fächer.
Zwei Personen stehen vor einer Bühne und halten ein Plakat. Im Vordergrund sitzen Jugendliche auf Stühlen.
Nora Oehmichen und Timo Graffe sprechen mit den Klassensprechern der Bremerhavener Paula-Modersohn-Schule über Nachhaltigkeit. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens
Wie hoch ist denn die Bereitschaft von Schulen, diese Projektform zu unterstützen?
Es steht und fällt mit der Schulleitung und auch Eltern finden es unterschiedlich gut, in die Richtung von Freiräumen zu gehen. Rein theoretisch könnten alle Schulen schon jetzt diese Art von Freiräumen schaffen, dafür gibt es auch Konzepte. Unsere Gespräche zeigen aber: Die Schulen wissen sehr schlecht darüber Bescheid, was möglich ist, weil es von oben nicht oder schlecht kommuniziert wird. Information, Kommunikation und Fortbildungsstrukturen von Seiten der Ministerien fehlen hier. Wenn es um Digitalisierung oder auch die Corona-Regeln geht, wird sehr, sehr viel von oben nach unten kommuniziert aber in diesem Bereich nicht.
Heute sind Sie zu Gast in Bremerhaven. Was passiert den Tag über an der Paula-Modersohn-Schule?
Bremerhaven ist eine besondere Station. Wir haben vormittags und nachmittags Programm. Morgens führen uns Schüler:innen durch ihre Schule, dann tauschen wir uns mit Klassensprecher:innen der Jahrgangsstufen fünf bis sieben aus und klären grundsätzliche Fragen zu nachhaltiger Entwicklung und den Zielen der UN. Am Nachmittag geben wir einen dreistündigen Workshop für das Kollegium – das ist bisher einmalig auf unserer Reise. Die Bremerhavener Schule hat die Idee, in den nächsten Jahren Langzeitprojekte zu den verschiedenen "Sustainable Development Goals" der UN – kurz SDG – durchzuführen. Es geht dabei nicht nur um Inhalte, sondern auch um eine neue Form des Arbeitens an der Schule. Das ist nichts, was man in der klassischen Lehrerausbildung lernt. Rund 30 Kolleg:innen werden an dem Workshop teilnehmen und dadurch hoffentlich einen Baustein für ihre kommenden Projekte mitnehmen.

Bremer Enquetekommission legt Zwischenbericht vor

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Der Nachmittag, 24. März 2022, 14:50 Uhr