Interview

Keine bunten Tattoos mehr ab 2022? Warum Bremer Tätowierer empört sind

Bild: Imago | Pacific Press Agency

Ab Januar dürfen in der EU viele Tattoofarben nicht mehr verwendet werden. Bremer Tätowierer sagen, dies sei eine Katastrophe für ihr Geschäft.

Nach der Schließung und Verlusten durch die Corona-Pandemie stehen Tätowiererinnen und Tätowierer vor den nächsten Schwierigkeiten: Ab Januar 2022 dürfen verschiedene Farben nicht mehr gestochen werden. Dahinter steckt eine neue EU-Verordnung, laut der diese Farben gefährliche Stoffe enthalten. Wir haben mit den Bremer Tätowierern Andreas Seevers und Stefanie Bruhn über die Situation gesprochen. Beide arbeiten als selbständige Tätowierer in den Räumlichkeiten vom "Spirit of Art"-Tattoostudio.

Was ist Ihre Haltung zu dem Pigmentverbot?
Stefanie Bruhn: Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich das Ganze ja mal angeguckt und nicht priorisiert, weil das Risiko wohl so gering ist. Ich möchte natürlich keinem Kunden schaden, aber wenn die Lage so ist, dann ist auch wenig Verständnis für das Verbot da.
Andreas Seevers: Ich halte da auch wenig von, es ist eine viel zu übertriebene Maßnahme für ein viel zu kleines Problem. Natürlich hat alles sein Risiko und wahrscheinlich ist es gesünder, sich gar nicht tätowieren zu lassen, als sich tätowieren zu lassen. Aber das Risiko für solche Reaktionen, wie sie beschrieben werden, ist wirklich gering.
Kennen Sie Fälle von gesundheitlichen Reaktionen bei Ihren Kunden?
Stefanie Bruhn: Bei der REACH-Verordnung, die jetzt nächstes Jahr in Kraft tritt, geht es vor allem um so etwas wie allergische Reaktionen. Ich persönlich habe bei keinem von meinen Kundinnen und Kunden etwas derartiges mitbekommen bisher. Die Pigmente werden ja dann 2023 verboten, weil das Risiko besteht, dass es Krebs erzeugen könnte. Nachgewiesen ist da gar nichts, es fehlen auch die Studien. Auch wenn ich mir die Branche angucke: Probleme entstehen vor allem wegen mangelnder Hygiene.

Andreas Seevers: Ja, wenn es zu Infektionen kommt, liegt das meistens an schlechter Pflege, aber es ist keine allergische Reaktion auf die Farbe.
Was hat das Verbot denn für Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Andreas Seevers: Von einem Schlag auf den anderen sind die Farben jetzt verboten. Wir dürfen sie auch nicht mal mehr im Laden lagern, nichts aufbrauchen, wir müssen sie entsorgen. Manche Leute denken, es betrifft nur die bunten Farben, aber es ist auch das Schwarz teilweise. Von den Farben, die ich gerade benutze, dürfte ich dann keine mehr verwenden. Die dann zu besitzen oder sogar zu stechen, geht schon in Richtung Straftat. Geldstrafen oder auch Gefängnis können da die Folge sein.
Stefanie Bruhn: Nach dem Lockdown musste ich ja auch quasi alles wegwerfen, weil die Farben abgelaufen waren. Da habe ich Farben im Wert von 600-700 Euro weggeworfen. Jetzt sind es noch ein paar mehr, also so 1.000 Euro gehen da schon weg.
Gibt es bald andere Farben, die man verwenden könnte?
Andreas Seevers: Es gibt schon einen Hersteller in der Schweiz, der jetzt konforme Farben hat. Zumindest bis 2023 erstmal. Da es aber eine europäische Verordnung ist, werden sich wahrscheinlich alle darauf stürzen und es wird eher ein Zufall sein, ob man Farben bekommt oder nicht. Es gibt auch andere Hersteller, die konforme Farben verkaufen wollen. Bis jetzt ist aber noch nichts auf dem Markt, deshalb ist es doch unrealistisch, dass es am 5. Januar gleich nahtlos weitergehen kann. Als ich mich durch einen Store von Tattoozubehör durchgeklickt hatte, der die konformen Farben für nächstes Jahr markiert hat, gab es gerade noch drei Schwarztöne und einen Weißton, der erlaubt war.
Stefanie Bruhn: Das sind allerdings sehr kleine Hersteller, die den EU-Markt gar nicht decken können. Außerdem gibt es die Farben, mit denen wir jetzt arbeiten, seit zehn oder 15 Jahren. Da gibt es Erfahrungswerte. Wenn jetzt neue Farben kommen, da fängt man komplett bei Null an. Wir wissen nicht, ob die Farben in fünf Jahren dann nicht komplett verblassen und wie sie sich verhalten werden.
Wegen der Corona-Pandemie waren ja auch die Tattoo-Studios geschlossen. Wie schlimm sind jetzt die Folgen im Hinblick darauf?
Stefanie Bruhn: Ein Lockdown geht irgendwann vorbei. Ich mache, glaube ich, 90 Prozent Tattoos mit Farbe. Da sind dann natürlich viele Kunden raus. Ich habe auch mitbekommen, dass gerade Neukunden durch diese Regelungen total verunsichert werden. Das schreckt natürlich ab. Wobei Stammkunden eher mit Unverständnis reagieren.
Andreas Seever: Das Jahr war echt scheiße, man denkt, dass das mit dem Lockdown vorbei ist und dann kommt so etwas, was quasi einem Berufsverbot gleicht. Also selbst, wenn das letzte Jahr gut gelaufen wäre, wäre das eine sehr schlechte Nachricht. Es ist eigentlich das Schlimmste, was uns passieren kann.
Was würdet ihr euch für die Zukunft wünschen?
Stefanie Bruhn: Ich würde mir wünschen, dass es alles realistisch angegangen wird. Die Regularien werden von Menschen verfasst, die sehr branchenfern sind. Andere Chemiebranchen haben vielleicht die Möglichkeit, schnell auf Alternativen zurückgreifen zu können. Und ich wünsche mir mehr Studien oder, dass eben erstmal auf die Ergebnisse der jetzt laufenden Studien gewartet wird. Ich glaube auch, dass das größte Problem jetzt erst kommt. Eigentlich denkt man, man wird das Tätowieren sicherer machen, ich denke aber eher, dass das den Schwarzmarkt ankurbeln wird.
Andreas Seever: Man könnte ja auch auf die Farben wie bei Zigarettenpackungen einen Aufkleber drauf kleben. Dann könnten die Kundinnen und Kunden selbst für sich entscheiden.

Mehr zum Thema:

Autorinnen

  • Laura Lippert Autorin
  • Anna Görner

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2021, 19:30 Uhr