Infografik

Syrien und Ukraine – Hat sich Bremens Willkommenskultur verändert?

Flüchtlinge aus der Ukraine in einem Bahnhof

Werden Geflüchtete aus der Ukraine und Syrien ungleich behandelt?

Bild: DPA | Sven Hoppe

2015 hat Bremen mehr als 10.000 Geflüchtete aufgenommen. 2022 sind schon mehr als 6.000 Menschen untergebracht worden. Was sich heute unterscheidet, haben wir Betroffene gefragt.

Viele diskutieren die Frage, seitdem Menschen aus der Ukraine nach Deutschland flüchten: Behandeln wir Geflüchtete aus gewissen Ländern unterschiedlich? Oder hat sich die Willkommenskultur und Anerkennung für Geflüchtete in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einfach verändert?

Einer, der 2015 aus Syrien nach Bremen gekommen ist, ist Muayad Ghunaim. Inzwischen ist er Vorsitzender des Vereins "Flüchtling für Flüchtling", der Geflüchtete und Neuankömmlinge in Bremen, unabhängig von ihrer Herkunft, unterstützen will. "Für mich persönlich ist die Aufnahme damals sehr gut gelaufen", erzählt Ghunaim. Er habe durch Sprachkurse und die Hilfe von Freiwilligen schnell Deutsch gelernt. 2019 hat er das Maschinenbau-Studium in Bremen begonnen. Inzwischen ist Ghunaim deutscher Staatsbürger.

Wohncontainer in der Neuwieder Straße in Osterholz-Tenever
Muayad Ghunaim ist 2015 aus Syrien geflüchtet und hat drei Monate in einem Wohncontainer in Bremen gelebt (Archivbild). Bild: Senatspressestelle

Nach seiner Ankunft hat Muayad Ghunaim rund drei Monate in einer Container-Unterkunft für Geflüchtete in Bremen-Hemelingen gelebt und ist danach in eine Wohnung gezogen. Doch er erzählt, dass er damals auch Menschen kennengelernt hat, die fast zwei Jahre in der Unterkunft bleiben mussten, weil sie keine Wohnung gefunden haben. Nicht nur in diesem Bereich sieht Ghunaim Unterschiede zwischen 2015 und 2022.

Doch sind die Situationen 2015 und 2022 überhaupt vergleichbar? Zumindest zeigt ein Blick auf die Zahlen, dass in beiden Jahren, Stand April 2022, überdurchschnittlich viele Geflüchtete nach Bremen gekommen sind.

2015 und heute – so viele Geflüchtete sind nach Bremen gekommen

Allein im Land Bremen verfünffachte sich 2015 die Zahl der Geflüchteten auf mehr als 10.000. 58 Prozent von ihnen stammten aus dem Bürgerkriegsland Syrien, 13 Prozent aus Afghanistan, teilt Bremens Sozialressort mit. Auch in den folgenden Jahren kamen aus diesen beiden Herkunftsländern die meisten Geflüchteten.

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2022 erinnern die Zahlen auf den ersten Blick an die Situation von vor sieben Jahren. So hat sich die Zahl der Flüchtlinge im Land Bremen bis Ende April auf 6.360 erhöht.

Der Unterschied: rund 5.700 von ihnen stammen aus der Ukraine. Unter den 660 Geflüchteten aus anderen Herkunftsländern stammen zwar ebenfalls ein Großteil aus Syrien und Afghanistan. Es gibt aber auch viele Menschen aus anderen Ländern, die 2022 in Bremen Schutz gesucht haben – zum Beispiel aus Nigeria, Ägypten und Somalia oder Albanien, dem Irak und der Türkei.

2015: Große Hilfsbereitschaft, aber auch gesetzliche Hürden

Laut Michael Windzio, Professor für Migrationsforschung an der Uni Bremen, hat sich die Willkommenskultur in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Schon das Jahr 2015 sei für Deutschland damals historisch gewesen, sagt Windzio: "Es gab eine Willkommenskultur in manchen Milleus, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte."

In der Gesellschaft, bei den Menschen in Bremen, hat Muayad Ghunaim damals auch selbst eine große Hilfsbereitschaft gemerkt: "Eine ältere Frau ist bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zu uns gefahren und hat uns die Sprache und Gesetze beigebracht."

Willkommenskultur 2015: So wurden Geflüchtete am Bremer Hauptbahnhof empfangen:

Bild: Radio Bremen

Aber der Staat habe Geflüchteten damals viele Steine in den Weg gelegt, sagt Muayad Ghunaim. Damals hätten viele Menschen auf Asyl warten müssen. "Besonders jetzt bei den ukrainischen Geflüchteten hat es sich stark geändert. Sie wurden sofort aufgenommen, haben den Aufenthaltstitel sofort bekommen", so Ghunaim. Durch die "Massenzustrom-Richtlinie" der EU müssen Geflüchtete aus der Ukraine aktuell kein Asylverfahren durchlaufen, um in EU-Staaten Schutz zu bekommen.

Geflüchtete aus der Ukraine können nun ohne Zeugnis und Abitur studieren. Viele Leute hätten diese Chancen vorher nicht bekommen, so Ghunaim. Auch er selbst hätte unter der fehlenden Anerkennung gelitten: "Ich habe vorher sechs Semester in Syrien studiert und es wurde nur ein Semester anerkannt: Ich musste dann quasi nochmal neu mit dem Studium anfangen."

Ich kenne viele Leute aus Syrien, Ägypten und Afghanistan, die vor ihrer Flucht Ingenieure waren und heute im Lager arbeiten. Ihnen wurde das Zeugnis nicht anerkannt.

Muayad Ghunaim, Vorsitzender des Vereins "Flüchtling für Flüchtling"

Gibt es einen Unterschied bei der Behandlung von Geflüchteten aus Syrien und der Ukraine? Die rechtlichen Fakten:

Medizin-Doktor wurde zu Realschulabschluss

Dass das Thema viele beschäftigt, zeigt ein Post auf Instagram, den inzwischen knapp 150.000 Menschen geliked haben. Titel: "Die Doppelmoral der Flüchtlingspolitik." Hewad Saba, der Autor des Posts, ist der Sohn eines gelernten Arztes. Aus dem Beitrag geht hervor, dass sein Vater fünf Jahre Medizin studiert und einen Doktor in Afghanistan gemacht hat. 1996 wurde dieser Titel nach der Flucht in Deutschland mit der mittleren Reife gleichgesetzt.

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"Ich habe das damals schon meinem besten Freund in der Schulzeit erzählt: 'Mein Vater ist Arzt'", es habe sich ungerecht und komisch angefühlt, sagt Saba zu buten un binnen. Sein Vater habe in Deutschland zunächst am Flughafen gearbeitet. Nach der Anerkennung des Doktors als Realschulabschluss habe er dann eine Ausbildung als medizinischer Fachangestellter abgeschlossen und später diverse Jobs außerhalb der Medizin gemacht.

Als ich mitbekommen habe, dass Geflüchtete aus der Ukraine ohne Abitur studieren dürfen, hat mich das nachdenklich gemacht. Ich musste direkt an meinen Vater denken. Ich habe mir dann die Unterlagen genauer angesehen und war selbst schockiert.

Hewad Saba, Sohn eines geflüchteten Arztes aus Afghanistan

Saba geht davon aus, dass geflüchtete People of color grundsätzlich weniger Anerkennung in Deutschland bekommen: "Ich denke, da liegen Vorurteile zugrunde, die schon länger bestehen." Dabei gehe es nicht darum, dass er Geflüchteten aus der Ukraine etwas nicht gönnen würde.

Auch sein Vater fände es gut und richtig, dass den ukrainischen Geflüchteten ein Studium ohne große Hürden ermöglicht wird. Gerade, weil es schwierig sei, auf der Flucht vor dem Krieg die Papiere beisammen zu behalten. Es sei aber generell ungerecht, dass es anderen nicht vorher ermöglicht wurde, die auch von Krieg betroffen sind und in derselben Situation stecken würden, zitiert Hewad Saba seinen Vater.

Migrationsexperte: Rechtliche Ungleichbehandlung ist gewollt

Wladimir Putin
Putin als klares Feindbild: Der Krieg in der Ukraine ist für Menschen in Deutschland laut Michael Windzio einfacher moralisch zu bewerten als der Krieg in Syrien. Bild: DPA | Sefa Karacan

Laut Michael Windzio von der Uni Bremen ist die Situation heute eine andere als 2015: "Es gibt für Geflüchtete aus der Ukraine tatsächlich eine andere Rechtslage. 2015 haben die meisten Menschen Asyl, also Schutz vor politischer Verfolgung beantragt." Die Menschen aus der Ukraine würden dagegen Visa-frei in die EU reisen und dort dann ohne ein Asylverfahren den "subsidiären Schutz", also Schutz vor Krieg erhalten. Die rechtliche Ungleichbehandlung sei von der Politik gewollt, sagt Windzio, "man möchte für bestimmte Problemlagen passende rechtliche Regelungen haben."

Die Öffentlichkeit nehme Geflüchtete im Moment anders wahr, sagt Windzio: "Es gibt zum Beispiel gerade keine Diskussion über sogenannte 'islamistische Gefährder'", das sei 2015 ein großes Thema gewesen. Außerdem sei die Integration von muslimischen Migrantinnen und Migranten schon im Vorfeld immer wieder diskutiert worden: "Das geschah meistens unter dem Gesichtspunkt von sozialen Problemen."

Ein weiterer Punkt, der sich laut Windzio zu 2015 unterscheidet: "Wir haben in der Ukraine eine Situation, die die meisten von uns moralisch relativ klar einordnen." Putin habe den Einmarsch in die Ukraine befohlen und dort Tod und Verwüstung angerichtet. Insgesamt sei die Situation in Syrien aus Sicht der deutschen Bevölkerung weitaus komplexer gewesen: "Islamistische Gruppen haben als Rebellen gegen das Assad-Regime gekämpft, später dann gegen noch radikalere Islamisten des IS", auch der IS hätte gegen Assads Truppen gekämpft.

Insgesamt ist der Nahe und Mittlere Osten vergleichsweise häufig von Unruhen und gewalttätigen Konflikten erschüttert, woran wir uns tendenziell gewöhnt haben. Das erschien uns immer so weit weg. Das ist bei der Ukraine anders.

Michael Windzio, Professor für Migrationsforschung an der Uni Bremen

Dazu komme, dass die deutsche Bevölkerung eine stärkere kulturelle Nähe zur Ukraine wahrnehme, im Vergleich zu Ländern aus dem Mittleren Osten. Das habe auch Fremdenfeindlichkeit befeuert, so Windzio: "Fremdenfeindliche Motive lassen sich umso leichter abrufen, wenn die kulturelle Differenz größer ist."

Pisa-Studie: Bildungschancen in Deutschland stark von Herkunft abhängig

Foto aus einem vollen Hörsaal der Uni Bremen
Die Pisa-Studien zeigen, dass das deutsche Bildungssystem nicht durchlässig genug für Menschen mit Migrationsgeschichte ist. Bild: DPA | Sina Schuldt

Doch wie schafft es die Gesellschaft, dass sich möglichst alle Menschen gut integrieren können – unabhängig vom Herkunftsland? "Das Thema Bildungsungleichheit ist relevant, wenn es um die Integration geht", sagt Michael Windzio. Es gebe zwar immer eine Ungleichheit bei Bildung und Chancen, diese dürfe aber nicht mit der Herkunft oder Wohlstand verknüpft sein. "Wenn gesellschaftliche Konflikte eine ethnische Komponente bekommen, also von sozialer Ungleichheit zum Beispiel nur eine Gruppe mit einer bestimmten Herkunft betroffen wäre, wäre das nicht gut", sagt Windzio.

Und klar ist laut Windzio, dass Deutschland dieses Problem bisher nicht erfolgreich löst: "Die Pisa-Studien zeigen, dass die Einflüsse der Sozialen Herkunft und des Migrationshintergrundes auf den Bildungserfolg in Deutschland sehr stark ausgeprägt sind." In einem erfolgreichen Bildungssystem sollten sich diese Ungleichheiten über Generationen abschleifen, erklärt der Migrationsforscher.

Wenn die Sprache nicht gesprochen wird, weil die Eltern sie nicht sprechen konnten, kriegen Kinder das nicht in der Familie mit. Das fehlt den Kindern und das sollte die Schule kompensieren.

Michael Windzio, Professor für Migrationsforschung an der Uni Bremen

Hewad Saba fordert, dass die Politik schon früher ansetzen und möglichst viele Hürden überwinden sollte: "Natürlich haben es Menschen schwer, die aus einem fremden Land kommen und die Sprache nicht beherrschen. Behörden müssen dafür sensibler werden und Sprachbarrieren überwinden." Zum Beispiel sollten sie in der Kommunikation mit Geflüchteten Amtsdeutsch vermeiden, fordert Saba. Dazu gehöre auch, dass Infos klarer und einfacher vermittelt werden. Im Idealfall müsste der Staat aus Sicht von Saba mehr Menschen beschäftigen, die die Geflüchteten an die Hand nehmen und ihnen helfen, ihren Weg in Deutschland zu gehen.

Bessere Willkommenskultur durch mehr Anerkennung

Aus Sicht von Hewad Saba würde auch Deutschland und nicht nur Geflüchtete davon profitieren, wenn Abschlüsse endlich anerkannt würden, "zum Beispiel durch Auffrischungskurse oder einjährige Kurzausbildungen, damit das Potential, die Qualitäten und das Talent der Menschen nicht verloren gehen."

Saba hofft, dass sein Post etwas in diese Richtung bewegen kann: "Vielleicht haben andere ähnliche Erfahrungen gemacht und fühlen sich ermutigt diese auch zu teilen. Vielleicht bekommen sie nochmal die Chance, in ihrem Beruf zu arbeiten, oder etwas Vergleichbares angeboten." Es gäbe unter dem Post auch einige Kommentare, die von Entschädigung sprechen, sagt Hewad Saba, "aber die Anerkennung wäre das Mindeste, was man für diese Menschen tun könnte."

Auch Muayad Ghunaim hofft, dass Deutschland nun alle Geflüchteten und deren Bildungsabschlüsse gleichermaßen anerkennt: "Wir wollen Gleichberechtigung für alle Geflüchteten. Manche hocken immer noch Zuhause, obwohl sie Ingenieure sind, aber sie dürfen nicht in ihrem Beruf arbeiten."

Fünf Jahre nach "Wir schaffen das" – so ist die Integration in Bremen gelaufen:

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 2. Mai 2022, 6:35 Uhr