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Das müssen Bremer jetzt über den Strom- und Gaspreis wissen

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Das müssen Bremer jetzt über den Strom- und Gaspreis wissen

Bild: DPA | Christin Klose

Seit dem Ukraine-Krieg schnellt nicht nur der Gaspreis in die Höhe – auch Strom wird teurer. Wir erklären, woran das liegt und mit welchen Kosten Bremer rechnen müssen.

Seit Monaten appelliert Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) an Bürgerinnen und Bürger, weniger Gas zu verbrauchen, also zum Beispiel weniger zu heizen und zu kühlen. Doch mit dem einem geringeren Gasverbrauch allein können Bremer Verbraucher eine hohe Abrechnung am Jahresende nicht abwenden. Denn mit dem Gaspreis steigt auch der Preis für Strom.

Warum schnellt mit dem Gaspreis auch der Strompreis in die Höhe?
Das liegt daran, dass beide Preise aneinander gekoppelt sind: Wenn der Gaspreis steigt, steigt also auch der Strompreis. Dass das so ist, legt das zurzeit heftig umstrittene Merit-Order-Prinzip fest.

Die Regel bestimmt, welches an der Strombörse anbietende Kraftwerk zuerst herangezogen wird, um die Nachfrage zu decken. Demnach dürfen zuerst Kraftwerke Strom liefern, die billig produzieren. Das sind zum Beispiel Windkraftanlagen. Am Ende richtet sich der Preis aber nach dem zuletzt geschalteten und somit teuersten Kraftwerk – derzeit sind dies wegen der hohen Gaspreise Gaskraftwerke. Dadurch sind auch die Strompreise bei vielen Anbietern deutlich gestiegen.
Warum ist der Strompreis an den Gaspreis gekoppelt?
Mit dem Merit-Order-Prinzip sollen eigentlich Kraftwerke gefördert werden, die Strom zu geringen Kosten aus erneuerbaren Energien erzeugen. So sagt es der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Je mehr erneuerbare Energien zur Stromerzeugung eingesetzt würden, umso weniger kämen teure Kraftwerke wie die Gaskraftwerke zum Einsatz. Das ist zumindest der Gedanke, Hickel kritisiert aber auch: "Das haut derzeit nicht hin."
Was kritisiert der Bremer Experte?
Wegen der gedrosselten Gas-Liefermengen aus Russland funktioniert das Prinzip laut Hickel nicht mehr wie beabsichtigt. Die Kosten der Stromerzeugung aus Gas seien in ungeahnte Höhen gestiegen, sagte der Experte. Der Anteil an deutlich günstigerem Strom aus Biomasse, Wind- oder Sonnenenergie reiche mit einem Anteil von rund 40 Prozent am Energiemix nicht aus, um den Bedarf zu decken. Hinzu komme, dass der ebenfalls günstigere und einstmals dominierende Kohle- und Atomstrom nur noch etwa ein Viertel zur erzeugten Gesamtstrommenge beisteuere. "So kommt es, dass eine Stromversorgung ohne Gas praktisch unmöglich geworden ist. Der Rohstoff ist preisbestimmend, obwohl er weniger als 15 Prozent am Energiemix ausmacht."
Was zahlen Bremer Haushalte zurzeit für Gas?
Bremerinnen und Bremer, die Strom und Gas vom Energieversorger SWB beziehen, zahlen seit Juli rund 20 Prozent mehr für ihren Verbrauch. 1,34 Cent kamen auf die Kilowattstunde für Erdgas von SWB oben drauf. Ein Durchschnittshaushalt in Bremen muss deswegen rund 20 Euro im Monat mehr für Gas zahlen. Gleiches gilt für Bremerhaven, dort kamen 1,33 Cent hinzu.
Bemerken SWB-Kunden auch schon einen Anstieg beim Strompreis?
Nein, teilte SWB-Sprecher Friedhelm Behrens auf Anfrage mit. Die SWB beschaffe ihre Energiemengen zwei Jahre im Voraus, weshalb sich der gestiegene Gaspreis beim Unternehmen noch nicht durchschlage.

Im Gegenteil: Weil die Erneuerbare-Energien-Abgabe zum Juli weggefallen ist, ist der Strompreis zuletzt sogar gesunken. In Bremen fiel der Preis pro Kilowattstunde von 26,66 Cent auf 22,23 Cent, in Bremerhaven von 26,50 Cent auf 22,07 Cent.

Zum Jahreswechsel dürfte der Strompreis dann voraussichtlich auch für SWB-Kunden steigen: Eine Anhebung des Strompreis sei ab Januar oder Februar sehr wahrscheinlich, sagte SWB-Sprecher Behrens zu buten un binnen.
Was gilt für Neukunden bei der SWB?
Die trifft es schon jetzt deutlich härter. Seit August müssen SWB-Neukunden in den ersten drei Monaten das Dreifache zahlen. In Bremen beträgt der Gaspreis pro Kilowattstunde für SWB-Neukunden 30,10 Cent, in Bremerhaven 30,19 Cent. Der Strompreis liegt für Bremer SWB-Neukunden bei 65,72 Cent pro Kilowattstunde, in Bremerhaven bei 65,57 Cent.
Was ist jetzt geplant, um den Verbrauchern zu helfen?
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will mit einer Reform des Strommarkts Preise für Verbraucher und Industrie dämpfen. Angestrebt werde, die Entwicklung der Endkundenpreise für Strom vom steigenden Gaspreis zu entkoppeln. Die Merit-Order solle bleiben, aber die problematischen Effekte für Stromkunden sollten geändert werden.

Hickel forderte, Deutschland müsse sich mit den anderen Staaten in der Europäischen Union über das komplexe System der Preisfindung neu abstimmen: "Nach den jüngsten Krisenerfahrungen müssen die Preisbildungsprinzipien im Energiebereich allesamt auf den Tisch." Gleichzeitig verlangte der Ökonom mehr Investitionen in die Förderung alternativer Energien.
Um die Verbraucher zu entlasten, schlug Hickel erneut einen Preisdeckel für Strom, Heizung und Warmwasser vor. Der Staat könnte mit einem bestimmten Betrag pro Person den Preis für einen Grundbedarf sichern. "Was darüber hinaus geht, zahlt der Kunde." Damit hätten die Verbraucher auch einen Anreiz, Energie zu sparen. Finanziert werden sollte das durch eine Übergewinnsteuer der Mineralölindustrie und der Energieunternehmen. "Diese Lösung muss schnell kommen. Sie ist machbar und zugleich ein Beitrag, den ansonsten zu erwartenden 'heißen Herbst' abzukühlen."

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 30. August 2022, 6 Uhr