Wie Sterneneltern in Achim trauern und sich gegenseitig unterstützen

Bild: Radio Bremen

Stirbt ein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt, nennt man es Sternenkind. Der Verein "Sterneneltern Achim" kümmert sich um Familien, die dies durchmachen.

Behutsam öffnet Stefanie Gebers eine grüne Pappkiste. Sie ist beklebt mit bunten Herzen, Schmetterlingen und Sternen. In dieser Kiste liegen alle Erinnerungen, die sie an ihren Sohn Ben hat. Es sind Ultraschallbilder, ein Teddybär, ein winziger Fußabdruck, Fotos direkt nach der Geburt und Beileidskarten. Denn ihr Sohn Ben starb im fünften Monat, in der 17. Schwangerschaftswoche.

Er fehlt jeden Tag. Dadurch, dass wir viele Erinnerungsstücke haben, wie ein Teelicht, was wir abends immer anzünden, ist er eigentlich immer da. Das ist aber auch gut so. Ich möchte meinen Sohn gar nicht vergessen.

Stefanie Gebers

Klinikpersonal überfordert?

Angezündetes Teelicht vom Sternenkind Ben
Das Teelicht brennt jeden Abend, damit Ben auch da ist. Bild: Radio Bremen

Mittlerweile ist es acht Jahre her, dass ihr Sohn im Mutterleib starb. Warum, weiß bis heute keiner. In einem Bremer Krankenhaus musste sie ihr Kind tot zur Welt bringen. Während dieser schweren Stunden fühlte sie sich alleine gelassen vom Klinikpersonal. Denn viele, so sagt sie, können mit einer stillen Geburt, also der Geburt eines toten Kindes, nicht umgehen. Sie seien schlichtweg überfordert. Zudem fehle im Klinikalltag die Zeit, sich um diese speziellen Geburten zu kümmern.

Auch als Ben geboren war, gab ihr niemand Tipps für die kurze, wertvolle Zeit, die ihr mit ihrem Sohn blieb – zum Beispiel professionelle Fotos machen zu lassen. Auch, dass sie ihrer großen Tochter Hannah, heute neun Jahre alt, nicht die Chance gegeben habe ihren kleinen Bruder kennenzulernen, bereue sie bis heute. "Sie fragt uns auch immer wieder: 'Warum durfte ich meinen kleinen Bruder nicht sehen?' Das bedauert sie sehr und das ist etwas, das mir jedes Mal das Herz bricht", so Stefanie Gebers.

Ein Grab für Sternenkinder

Wenn ein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt stirbt, nennt man es Sternenkind. In Bremen kamen im vergangenen Jahr 50 Kinder tot zur Welt, in Niedersachsen 314. Nicht eingerechnet sind hier Fehlgeburten – also Kinder, die vor dem sechsten Schwangerschaftsmonat sterben. Sternenkinder werden statistisch nicht erfasst, da sie unter 500 Gramm wiegen, so wie Ben. Er wog gerade mal 120 Gramm, war 21 Zentimeter groß. "Trotzdem war und ist er mein Sohn", sagt die zweifache Mutter.

Um anderen Eltern einen schöneren und besseren Abschied von ihrem Sternenkind zu ermöglichen, gründete Stefanie Gebers den Verein "Sterneneltern Achim". Sie möchte aufklären, beraten, unterstützen und den Eltern die Möglichkeiten aufzeigen, die sie haben. Denn viele wüssten zum Beispiel nicht, dass sie ihr Kind beerdigen können, egal wie klein es ist. In Achim zum Beispiel gibt es extra ein Sternenkindergrab. "Das hat der Pastor ganz bewusst in die Mitte des Friedhofs gesetzt. Er wollte, dass das Thema endlich in der Mitte der Gesellschaft ankommt", so die Vereinsvorsitzende. 14 Kinder haben hier inzwischen ihre letzte Ruhe gefunden.

Viele Papierschmetterlinge auf Sternenkindwand
Jedes Sternenkind findet in den Vereinsräumen einen Platz. Bild: Radio Bremen

Stefanie Gebers investiert mindestens 30 Stunden pro Woche in ihre Vereinsarbeit – ehrenamtlich. "Die Zeit, die ich mit meinem Sohn nicht haben kann, habe ich im Verein. Wenn ich normalerweise mit ihm auf den Spielplatz gehen würde oder ins Kino, das ist dann eben die Zeit, die ich im Verein verbringe." Genauso ist es bei vielen ihrer Mitstreiterinnen. Mittlerweile sind sie 18 Ehrenamtliche, die trauernde Eltern in ganz Norddeutschland unterstützen. Viele von ihnen sind als Betroffene zu den Sterneneltern gekommen und geblieben, so wie Friederike Nolte. Sie verlor im Jahr 2017 ihren Sohn Jonas. Wegen eines schweren Herzfehlers lebte er nach seiner Geburt nur zwei Stunden. Nun kümmert sie sich in Akutbegleitungen um Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben.

Jede Begleitung ist komplett individuell. Der eine mag angefasst werden, der andere überhaupt nicht. Es braucht so ein bisschen Fingerspitzengefühl, um genau das zu lesen und zu spüren.

Friederike Nolte

Auch sie hätte sich gewünscht im Krankenhaus besser betreut zu werden. Deswegen bietet der Verein Schulungen in den Kliniken an, um den Mitarbeitern dort aufzuzeigen was Sterneneltern brauchen. "Die Familien brauchen unwahrscheinlich viel Aufmerksamkeit, Betreuung und Gespräche", weiß Krankenschwester Jennifer Wilmann. "Das ist im Stationsalltag nicht machbar." Jennifer Wilmann arbeitete selbst jahrelang auf einer Geburtsstation und versucht nun als Vereinsmitglied ihre Kollegen für die Herausforderungen von stillen Geburten zu sensibilisieren und wie sie lernen damit umzugehen.

Gegen das Vergessen

Noch immer ist das Thema Sternenkinder ein Tabuthema. Besonders, wenn eine Frau ihr Kind in der frühen Schwangerschaft verliert, verschweigen Familien das Erlebte. Die Sterneneltern Achim kämpfen dafür, dass alle Sternenkinder gesehen und nicht vergessen werden. Jedes verstorbene Kind ziert als liebevoll gestalteter Schmetterling die Vereinsräume. Es sind auch Kinder, die schon vor vielen Jahrzehnten verstorben sind, doch um die damals nicht getrauert werden durfte und dessen Mütter nun Hilfe suchen.

Die Eltern brauchen einen Platz zum Trauern, denn die leben ihr ganzes Leben damit – Geschwisterkinder leben damit. Das sind so viele Jahre, die diese Familien damit umzugehen haben. Sie müssen gut begleitet sein. Das ist mir ganz wichtig

Monika Fischer, Bestatterin
Zwei Frauen vor bemalten Schuhkarton
Sterneneltern haben im Verein Sterneneltern Achim auch die Möglichkeit einen Sarg für Ihr Sternenkind zu gestalten. Bild: Radio Bremen

Monika Fischer, Bestatterin in Bremen, ist auf Kinderbeisetzungen spezialisiert und begleitet und berät die Sterneneltern bei den Fragen, wo ihr Kind beerdigt werden soll und wie. Der Verein hat kleine Kindersärge, so groß wie Schuhkartons, die von den Angehörigen bemalt werden können. "Manchmal ist die ganze Familie hier und gestaltet den Sarg für ihr Sternenkind", so Monika Fischer. Dem Verein sei es egal, wie groß oder alt das verstorbene Kind sei, denn jede Familie darf trauern und muss einen Weg finden mit dem Verlust klarzukommen.

Stefanie Gebers sagt, sie habe diesen Weg gefunden. Zwar sei auch sie an manchen Tagen immer noch tieftraurig, doch die Arbeit im Verein helfe ihr mit dem Tod des eigenen Kindes klarzukommen. Im Moment plant sie zusammen mit ihren Kolleginnen den ersten Sternenkinderkongress Deutschlands im nächsten Frühjahr.

Ihren Sohn Ben hat sie dabei immer bei sich. Stefanie Gebers trägt seinen winzigen Fußabdruck auf einem Fingerring und ihre Tochter Hannah an einer Kette. Denn Ben gehört einfach zu ihrer Familie.

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Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Anna Pajak

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2021, 19.30 Uhr