Infografik

Ob Einkauf oder Arztbesuch: Ohne Auto geht (fast) nichts in Nartum

Der Supermarkt zehn Kilometer entfernt, die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel schlecht: Das Beispiel Nartum zeigt, warum das Auto für viele Landbewohner unverzichtbar bleibt.

Ein Ehepaar sitzt zusammen auf einem Sofa.
Fritz und Elisabeth Carstens haben jahrzehntelang die Fleischerei und das Lebensmittelgeschäft in Nartum betrieben. Bild: Radio Bremen

Wenn Elisabeth und Fritz Carstens ihre Pizza abholen, ist es jedes Mal eine kleine Reise in die Vergangenheit. Wo heute Margherita, Diavolo und Funghi gebacken werden, hat das Ehepaar Carstens jahrzehntelang gearbeitet: Er in der Fleischerei, sie nebenan im Lebensmittelgeschäft. Rund 40 Jahre waren sie in Nartum für die "Grundversorgung", wie sie sagen, zuständig. Vor zwei Jahren haben sie aufgehört, Fleischerei und Laden zugemacht. Seitdem gibt es in Nartum kein Geschäft für den täglichen Bedarf mehr. Wer einkaufen will, muss mindestens zehn Kilometer fahren.

Das Angebot in Nartum ist dementsprechend überschaubar: Neben dem Pizzadienst gibt es ein Restaurant und einen Frisör. Wer kann, fährt Auto in Nartum. Für die meisten Nartumer gehört das ganz selbstverständlich zum Leben auf dem Land dazu, auch für die junge Generation. Nele Schradick ist 22 Jahre alt. Die Nartumerin arbeitet in einer Bremer Reederei und pendelt täglich mit dem Auto in die Stadt.

Ich fahre gerne Auto. Und dann fahre ich auch gerne für die Arbeit nach Bremen oder um ins Kino zu gehen.

Nele Schradick

Um auf dem Land mobil zu sein, brauche man eben ein Auto. So wie Nele arbeitet die Mehrheit der Nartumerinnen und Nartumer in den umliegenden Städten. Die Anbindung an die Autobahn 1 ist gut. Nach Bremen etwa sind es rund 40 Minuten.

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Doch was ist mit denen, die kein Auto haben? Die noch zu jung sind für den Führerschein? Oder ein Alter erreicht haben, in dem sie sich das Fahren nicht mehr zutrauen?

Die Gemeinschaft funktioniert hier in Nartum gut, man kümmert sich umeinander. Die jüngeren Leute fahren mit den Älteren zum Einkaufen oder bringen ihnen etwas mit.

Elisabeth Carstens, ehemalige Laden-Besitzerin
Ein Bürgerbus steht an einer Straße.
Wer kein Auto oder Führerschein hat, fährt in und rund um Nartum mit dem Bürgerbus, Bild: Radio Bremen

Und dann gibt es noch den sogenannten Bürgerbus, die Miniaturausgabe eines Linienbusses mit Platz für acht Fahrgäste. Neben dem Schulbus ist er für alle Nartumer ohne Auto eine der wenigen Möglichkeiten, mobil zu sein.

Denn es gibt in Nartum insgesamt nur drei Buslinien: die 834 Tarmstedt – Nartum – Zeven, die 835 Nartum – Elsdorf – Sittensen und eben den Bürgerbus 864 Nartum – Gyhum – Zeven. Der nächstgelegene Bahnhof ist rund 20 Kilometer entfernt.

Nicht nur in Nartum ist die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr mäßig. Eine aktuelle Analyse der Deutsche Bahn-Tochter ioko hat ergeben, dass 55 Millionen Menschen, die in Deutschland auf dem Land oder im Umland leben, eine unzureichende ÖPNV-Anbindung haben. Zwar gebe es deutschlandweit ein dichtes Netz an Haltestellen, heißt es in der Analyse vom Oktober 2021. Aber nur die Hälfte werde mehr als zweimal pro Stunde bedient – wenn denn überhaupt, wie das Beispiel Nartum zeigt. Dagegen haben 90 Prozent aller Menschen, die in einer Großstadt wohnen, mindestens einen Stundentakt.

So viele Menschen sollen in Deutschland eine schlechte Anbindung an den ÖPNV haben

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Seit 2013 fährt der Bürgerbus das Dorf an und verbindet Nartum so mit den umliegenden Dörfern und der Kleinstadt Zeven. Viermal am Tag – von Montag bis Freitag – ist er unterwegs. Der Bürgerbus finanziert sich zum Teil aus dem Fahrtpreis, eine Strecke kostet 2,20 Euro. Zum anderen Teil stammen die Gelder vom Landkreis. Die Fahrerinnen und Fahrer arbeiten ehrenamtlich. Einer von ihnen ist Arnd Bechtold. Seit Anfang 2019 gehört er zum Team dazu, fährt zweimal im Monat, manchmal auch öfter.

Ich mache das, weil ich der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte. Ich war selbst lange im Außendienst und viel unterwegs und finde es toll, wenn man mobil sein kann. Und das ermöglichen wir hier mit dem Bürgerbus.

Arnd Bechtold, ehrenamtlicher Fahrer des Bürgerbus
Ein Mann sitzt am Steuer eines Bürgerbusses.
Seit mehr als zwei Jahren gehört Arnd Bechtold zum ehrenamtlichen Fahrer-Team des Bürgerbusses. Bild: Radio Bremen

Seine Fahrgäste seien vor allem ältere Menschen, die er zum Einkaufen oder für einen Arzttermin nach Zeven fahre, so Bechtold. "Aber auch Schülerinnen und Schüler nutzen den Bürgerbus. Zeven hat ja ein großes Schulzentrum und der Schulbus, der die umliegenden Dörfer anfährt, ist nur zweimal am Tag unterwegs. Wenn also mal eine Stunde ausfällt, fahren die hier bei uns mit."

Durchschnittlich rund 550 Menschen fahren mit dem Bürgerbus der Samtgemeinde Zeven pro Monat. Das Angebot werde sehr gut angenommen, sagt Fahrer Bechtold.

"Ich würde das Auto schon vermissen"

Für ihr Dorf sei der Bürgerbus ein Gewinn, sind auch Elisabeth Carstens und ihr Mann überzeugt. Sie selbst aber fahren weiterhin mit dem Auto. "Ich würde mein Auto schon vermissen. Nicht nur wegen des Einkaufens, sondern auch weil ich ab und zu einfach mal das Bedürfnis habe, mich ins Auto zu setzen und in die Stadt zu fahren, etwas anderes zu sehen", sagt Elisabeth Carstens.

Auch der Abschlussbericht "Veränderungen im Mobilitätsverhalten zur Förderung einer nachhaltigen Mobilität" des Umweltbundesamts macht deutlich, dass es Senioren und Seniorinnen gerade auf dem Land schwer fällt auf das Auto zu verzichten: In der Zeit von 2002 bis 2017 stieg die Zahl der mit dem eigenen Auto gefahrenen Kilometer. Dagegen ist ein Zuwachs derjenigen, die den ÖPNV nutzen, hauptsächlich bei den Menschen zu bemerken, die gar kein eigenes Auto besitzen. Auf den ÖPNV umsteigen, scheinen die wenigsten Senioren.

So viele Menschen pendeln ins und aus dem Land Bremen

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Laut den ioki-Mobilitätsforschern besitzt jeder vierte deutsche Haushalt mehr als ein Auto – und fast alle befinden sich im ländlichen Raum. Um auf ihren Zweit- oder Dritt-Wagen verzichten zu können, benötigen diese Haushalte vor Ort ein attraktives ÖPNV-Angebot als Alternative, so die Analyse. Insgesamt 42 Millionen deutsche Haushalte besitzen zwölf Millionen Zweit-, Dritt- oder Viertwagen. Laut ioki-Studie könnten 380.000 On-Demand-Fahrzeuge diese Autos ersetzen. Das würde 12 Millionen weniger Autos bedeuten und ein jährliches Einsparpotenzial von rund 15 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Dies entspricht laut ioki zehn Prozent der gesamten CO2-Emissionen, die in Deutschland jährlich im Verkehr ausgestoßen werden.

Dorfläden werden wieder zum Leben erweckt

Ein Ehepaar steht vor einer Pizzeria.
Nur das schwarze Brett erinnert noch an den ehemaligen Laden von Elisabeth und Fritz Carstens in Nartum. Bild: Radio Bremen

Was Elisabeth Carstens jetzt manchmal vermisst, sind die Gespräche mit ihren Kunden und Kundinnen. In den letzten Jahren seien überwiegend nur noch die älteren Nartumer zum Einkaufen bei ihnen vorbei gekommen. "Für die war der Laden schon eine Art Treffpunkt", sagt Elisabeth Carstens. Die jungen Leute dagegen würden dem Laden nicht unbedingt hinterhertrauern. Bereits 2017 wurde die letzte Bank-Filiale im Ort geschlossen: "Da sind die älteren Menschen dann gezwungen worden, in die Stadt zu fahren, weil es hier die Volksbank nicht mehr gab. Und wenn man dann in Zeven bei der Bank war, hat man da natürlich auch direkt eingekauft. Das haben wir geschäftsmäßig sehr gespürt", erzählt Fritz Carstens.

Bleibt die Frage, ob die Nartumerinnen und Nartumer irgendwann auch wieder in ihrem Dorf einkaufen gehen können. In mehreren umliegenden Dörfern sind mittlerweile wieder kleine Läden eröffnet worden, die zum Teil von Genossenschaften betrieben werden. In der Pandemie hat sich der kleine Dorfladen um die Ecke zum Trend entwickelt. "Aber wie bei so vielen Dingen muss halt jemand die Initiative ergreifen", sagt Elisabeth Carstens. Sie aber ist sich sicher: Sollte es irgendwann wieder einen Dorfladen in Nartum geben, würde sie gerne hinter der Kasse stehen. "Dann eben nicht mehr als Geschäftsführerin, sondern als Aushilfe."

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Bild: Radio Bremen

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Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. November 2021, 19:30