Wussten Sie das? Diese 5 Schätze lagern im Bremer Staatsarchiv

Millionen Dokumente befinden sich im Staatsarchiv. Sie füllen etwa 12.000 Regalmeter und sind alle fein säuberlich sortiert, erfasst und jederzeit griffbereit.

Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Eine große Stahltür wird geöffnet, man tritt in einen dunklen Raum mit scheinbar endlosen Regalen und zahllosen Pappkartons darin. Die Tür muss schnell wieder geschlossen werden, denn die Räume sind klimatisiert, damit es dem Archivgut nicht schlecht geht. Etwa so muss man sich das Magazin des Bremer Staatsarchivs vorstellen, denn öffentlich zugänglich ist es eigentlich nicht.

Bremer Geschichte und Geschichten werden im Staatsarchiv verwahrt. Akten, Plakate, Karten, Fotos, Bücher – ganze Nachlässe finden sich hier, fein säuberlich in Kartons archiviert. Aus einer Vielzahl außergewöhnlicher Stücke haben die Archivarinnen und Archivare fünf Exemplare ausgewählt.

1 Bildband Tier- und Vogelwelt Bremens

Der Bremer Kaffeekaufmann Richard Nagel (1857-1941) erforschte, dokumentierte, fotografierte und malte über sechs Jahrzehnte die Bremer Tier- und Vogelwelt. Der leidenschaftliche Jäger fertigte Landschaftsfotos an und malte diese in Öl mit passenden Vogel- und Wildmotiven, welche er parallel in Tagebüchern wissenschaftlich dokumentierte.

So ist bis heute eine einmalige Zusammenstellung von Landschaften und Biotopen in und um Bremen in der Zeit von 1872 bis 1935 entstanden, mit 741 Gemälden von 335 Vögeln und Hunderten weiteren Bildmotiven. Nach Nagels Tod wurde diese Dokumentation von der Familie verwahrt, bis sie Ende der 1990er-Jahre von seiner Enkelin dem Staatsarchiv geschenkt wurde.

2 Heinbachplan von 1748: Bremen und sein Landgebiet

Nicht in einem Karton, sondern in einem Kartenschrank lagert ein Zeugnis der Entwicklung des Bremer Staatsgebiets, der Heinbachplan. Johann Daniel Heinbach wurde 1694 in Marburg geboren, wurde Gärtner und trat 1727 in den bremischen Militärdienst ein. Dort fing er mit der Kartierung der Bremer Militärbezirke an und erntete viel Anerkennung für seine Kenntnisse in der Geländevermessung und -berechnung und bekam den Rang des "Feuerwerckers", ein militärischer Titel, den er mit Stolz trug. Feuerwerker gehörten zur Artillerie und mussten zum Beispiel wissen, wie weit die Kanonenkugel fliegen musste, um ein Ziel zu treffen.

Seine Pläne beschränkten sich stets auf Bremen und das Umland, ihr Wert liegt nicht in der Genauigkeit der Vermessung, sondern haben einen hohen kulturgeschichtlichen und topografischen Wert, da er bemüht war, alles Wichtige gegenständlich darzustellen. Der Plan des Landgebiets um Bremen zeigt die angrenzenden Dörfer, den Verlauf von Straßen und Gewässern. Die Karte ist nach Südwesten ausgerichtet, einheitlich genordet wurden Karten erst ab etwa 1760.

Karte von Bremen und Umgebung von Johann Daniel Heinbach aus dem Jahre 1748.
Bild: Staatsarchiv Bremen

3 Handelsvertrag mit Brasilien

Historisches Wappen von Brasilien auf einer Mappe im Staatsarchiv Bremen.
Die Mappe des Vertrags trägt das historische Wappen von Brasilien. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Ein Zeugnis internationaler Beziehungen ist der Handelsvertrag zwischen Brasilien und den Städten Bremen, Hamburg und Lübeck aus dem Jahre 1827. Nach der Napoleonischen Zeit bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 konnten die drei Freien Hansestädte als souveräne Staaten auftreten und eigene außenpolitische Verträge aushandeln. Als wichtige Handelsstädte arbeiteten sie oft zusammen, betrieben gemeinsame Konsulate in wichtigen Haupt- und Hafenstädten und schlossen Handelsverträge unter anderem mit Großbritannien, den USA und in Südamerika.

Die ehemals portugiesische Kolonie Brasilien wurde 1822 unabhängig und öffnete sich dem Welthandel. Der Vertrag im Staatsarchiv trägt die originale Unterschrift des brasilianischen Kaisers Dom Pedro I von Brasilien.

Die Unterschrift des ersten brasilianischen Kaisers unter einem Vertrag im Staatsarchiv Bremen.
Die Unterschrift des ersten brasilianischen Kaisers: Pedro Imperador Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

4 Dokumente zur Kinderlandverschickung (KLV)

Ab Oktober 1940 wurden deutschlandweit Kinder aus vom Krieg bedrohten Städten in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht. Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 14 Jahren wurden monatelang von ihren Familien getrennt und verbrachten ihre Zeit in KLV-Lagern, organisiert durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und der Hitlerjugend. Kontakt mit den Eltern war nur über Briefe möglich, Besuche waren die Ausnahme.

Eine reich verzierte Holzbox mit Tagebuchblättern im Staatsarchiv Bremen.
Die Wappen von Golling in Österreich und Bremen verzieren die Schachtel mit den Blättern. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Im Staatsarchiv findet sich ein Tagebuch aus der Zeit von September 1942 bis September 1943 mit einer Sammlung von Einzelblättern verschiedener Kinder mit Erlebnissen aus dem Lageralltag, teilweise mit Zeichnungen versehen. Erinnerungsstücke aus diesen Lagern finden sich sonst nur sporadisch, diese Sammlung eines kompletten Jahres gilt deshalb als besonders.

Die Blätter werden in einer Schachtel aus Holz aufbewahrt, eine Laubsägearbeit mit den Wappen von Golling (Österreich) und Bremen, die ein Herr W. aus Bremen im Lager im Alter von 11 Jahren selbst angefertigt hatte. Im Sommer 2021 wurde sie dem Staatsarchiv übergeben.

5 Die kundige Rolle von 1489

Im 13. Jahrhundert machte sich Bremen vom Erzbischof Gebhard II. unabhängig, erhielt das Stadtrecht und erließ eine eigene Gesetzgebung. Ein Stadtrechtsbuch wurde angelegt und laufend ergänzt. Novellen und Nachträge trug man später nicht mehr in das Buch ein, sondern auf Pergamentrollen, die öffentlich verkündet wurden. Die erhaltene Rolle wuchs durch Annähen neuer Pergamentstücke auf fast sieben Meter mit 225 Artikeln an und wurde bis 1756 jährlich vom Rathaus öffentlich verlesen.

Archivleiter Konrad Elmshäuser zieht einen Karton aus einem Regal im Staatsarchiv Bremen.
In einem dieser unscheinbaren Kartons verbirgt sich die Kundige Rolle. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Dann wurde der erste Druck der Kundigen Rolle veröffentlicht, da man feststellen musste, dass die jährliche Bürgeransprache zur Volksbelustigung geworden war, zu der sich "allerhand Gesindel unerlaubter und unanständiger Weise sich herzu gedrungen" habe und nicht die nötige Ruhe und Ordnung einhielt. Das Original wurde 1942 zu seinem Schutz vor Bomben in ein Salzbergwerk in Sachsen-Anhalt ausgelagert und überstand dort mit Hamburger und Lübecker Schätzen den Krieg unbeschadet.

Im Frühjahr 1945 verlor sich ihre Spur, erst im Mai 2014 machte ein Londoner Auktionshaus das Staatsarchiv auf ein ungewöhnliches mittelalterliches Manuskript aufmerksam, welches sich im Besitz einer Kunsthändlerin aus Kalifornien befand. Über 500 Jahre nach ihrer Entstehung ist sie vollständig und nahezu perfekt erhalten wieder in Bremen angekommen.

Bremens "Kundige Rolle" ist zurück

Bild: Staatsarchiv Bremen | Joachim Koetzle

Diese fünf Beispiele und viele andere Schätze können auch online beim Bremer Staatsarchiv angesehen werden. Wer selbst in die Geschichte Bremens eintauchen möchte, dem steht das Staatsarchiv zur Recherche offen. Und wer weiß, welche interessanten Stücke noch auf Bremens Dachböden schlummern?

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Dezember 2021, 19:30 Uhr