Interview

Bremer Sozialsenatorin: "Wir bereiten die Belegung von Turnhallen vor"

Die Sportsenatorin Anja Stahmann im Interview.
Bild: Radio Bremen

In Bremen sind bislang 1.000 Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen. Sozialsenatorin Stahmann hat im Gespräch mit Bremen Zwei erklärt, wie das Land sie unterbringen will.

Aktuell hat Deutschland es laut Vereinten Nationen mit der am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Allein nach Polen flüchteten bereits rund eine Million Ukrainer. Auch nach Deutschland kommen jetzt täglich rund 10.000 Menschen. Rund 1.000 sind bereits im Bundesland Bremen. Allein am vergangenen Wochenende kamen mehr als 500 Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Vegesack an. Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) erklärt im Interview mit Bremen Zwei, wie sich das Land jetzt aufstellt.

Frau Stahmann, wie gut ist Bremen auf all das jetzt vorbereitet?
Also wir haben Glück in all dem Unglück. Wir waren gerade dabei, weitere Unterkünfte zu schaffen, weil wir in den letzten Monaten schon gemerkt haben, dass mehr Menschen nach Bremen kommen und wir uns auch etwas Luft verschaffen wollten. Wir leben ja immer noch unter Corona-Bedingungen. Und deswegen ist es auch wichtig, dass wir genügend Plätze haben, um auch Abstand halten zu können.
Wie viele Plätze hat denn das Land Bremen noch frei für Geflüchtete?
Wir hatten 5.400 Plätze insgesamt im Aufnahmesystem und da waren wir zu 95 Prozent ausgelastet. Und wir haben uns im Haushalts- und Finanzausschuss vor wenigen Wochen Geld erarbeitet, dass wir zur kurzfristigen Anmietung weiterer Immobilien einsetzen dürfen. Da waren wir auch schon im Gespräch mit Hoteliers und mit der Bremer Messe. Aber wir haben zu Kriegsbeginn auch schon Pläne aus der Schublade geholt, für den Fall, dass wir wieder Turnhallen belegen müssen, wenn sehr schnell sehr viele Menschen nach Bremen kommen.
Hat Bremen denn genügend Geld, um das alles zu bezahlen?
Ich glaube, diese Frage muss man jetzt hinten anstellen. Es geht jetzt in erster Linie darum, dass wir humanitär handeln. Bremen hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass es auch finanziell was leistet. Es gibt auch viele Geschichten aus dem Jahr 2015 und den folgenden Jahren, die zeigen, das es sich lohnt, in junge geflüchtete Menschen zu investieren. Viele von denen, die 2015 angekommen sind, haben längst einen Job und zahlen heute Steuern. Aber das kostet das Land Bremen natürlich auch Geld.
Die meisten Flüchtlinge kommen im Moment noch nach Berlin, aber von da wird schon ganz, ganz dringend nach Hilfe gerufen. Welche Hilfe wird Bremen geben?
Berlin schickt schon seit dem Wochenende Busse in die Republik. Wir haben ein erprobtes Verteilsystem, und auch Bremen hat schon Menschen aufgenommen. Da ruft das Bundesinnenministerium dann an und sagt, es sind zwei Busse unterwegs. Und dann wissen wir, dass wir Personal am Start haben müssen und die Betten.
Es gibt ja aktuell auch viele private Initiativen, also Menschen, die versuchen, einfach zu helfen. Sagen Sie denen "Oh ja, bitte" oder "Lieber nicht"?
Es gibt eine ganz tolle Hilfsbereitschaft in Bremen und Bremerhaven. Und wir sagen "Ja bitte!" Wir haben auch schon über 100 Wohnungsangebote. Und wir haben viele Menschen, die in Bremen auch schon privat Bekannte untergebracht haben. Wir haben eine ukrainische Community in Bremen, das sind rund 2.400 Menschen. Und auch die nehmen natürlich schon Menschen auf, ohne dass wir das mitbekommen.

Insgesamt haben wir im Land Bremen 1.000 Menschen in der Erstaufnahme aufgenommen. Aber wir schätzen, dass es eine wesentlich höhere Dunkelziffer in Bremen und Bremerhaven gibt.
Viele Menschen bringen Flüchtlinge von der Grenze hierher. Wie sehen Sie das?
Das ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht, da wir ja unsere freien Plätze an den Bund melden. Wir würden uns freuen, wenn die Leute sich konkret informieren auf unserer Homepage. Wir haben da die am häufigsten gestellten Fragen, die FAQs. Da kann man sehen, wo man sich sinnvoll einbringen kann. Wir haben "Gemeinsam in Bremen", das ist eine Internetplattform, auf der man auch Angebote machen kann, jeder, was er kann. Und darüber freuen wir uns.
Was können denn unsere Hörerinnen und Hörer neben Unterbringungsmöglichkeiten noch anbieten? Was brauchen Sie?
Das geht es manchmal ums Dolmetschen oder um Fahrdienste oder um die Begleitung zum Arzt. Oder Freizeit- und Sportangebote. Das wird jetzt alles gesammelt.
Wie lange werden die Menschen bei uns bleiben?
Ich gehe davon aus, dass die Ukraine sehr zerstört sein wird. Die Bilder aus Syrien sind sofort wieder meinem Kopf aufgetaucht. Die Ukraine wird, glaube ich, kein Land, in das man so leicht zurückkehren kann.

(Die Fragen stellte Tom Grote. Aufgezeichnet von Milan Jaeger.)

Wie Bremer privat Geflüchteten helfen und was es zu beachten gilt

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Autor

  • Tom Grote Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 8. März 2022, 8:10 Uhr