Vision 2050: Welches Potenzial hat Bremerhaven wirklich?

Sie könnte ein wichtiger Standort werden, die Stadt, die viele am ehesten mit Armut verbinden. Für Forschung, Wirtschaft, und Tourismus. In einer Sondersendung geht dem buten un binnen nach.

Glänzt Bremerhaven im Jahr 2050 nicht nur als Heimat des renommierten Alfred-Wegener-Instituts für Polarforschung, sondern auch als Wasserstoff-City? Als europaweit konkurrenzfähiger Hafen, in Kooperation mit Hamburg? Und als Touristenmagnet mit Anziehungspunkten in den Havenwelten und der Innenstadt? Oder ist die Seestadt dann vom Wasser bedroht und noch stärker ausgeblutet – mit immer weniger Einwohnern, gescheiterten Forschungsprojekten sowie weiterhin bundesweit führender Arbeitslosigkeit und Kinderarmut? In einer Sondersendung von der "MS Geestemünde" auf der Außenweser spricht buten un binnen mit Akteuren aus Stadt, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft über diese wichtigen Punkte zur Zukunft Bremerhavens.

1 Bedrohung durch das Klima

Die Deiche sind beliebte Spazierwege. Noch schützen sie die Stadt am Wasser vor Naturkatastrophen. Doch extremes Wetter bedroht Bremerhaven. Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen, Sturmfluten werden häufiger. Droht 2050 Land unter in Bremerhaven? Der frühere Leiter des Fachbereichs Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut (AWI) hat gute und schlechte Nachrichten: "Bis 2050 wird Bremerhaven garantiert nicht untergehen", so Lemke. Aber: "Das Extremwetter wird zunehmen." Man werde die Deiche höher und breiter bauen müssen. Und die Stadt werde sich wie auch viele andere Orte an der Nordsee trotzdem auch zurückziehen müssen. "Der letzte Bericht des Klimarates von Anfang August hat gesagt, wir können etwas machen, aber wir müssen tatsächlich relativ schnell, bis 2030 und garantiert bis 2050, völlig auf fossile Energiequellen verzichten."

2 Stadt mit zwei Gesichtern

Immer ist Bremerhaven Beispiel für Armut, 14 Prozent der Menschen haben hier keinen Job. Die Misere hat viele Gründe, darunter der Niedergang von Fischindustrie oder Werften. Andererseits gibt es viele wohlhabende Menschen mit teuren Häusern und Booten. Am neuen Hafen ist eine schicke Wohngegend mit modernen Neubauten entstanden. Neu wird auch das Werftquartier beim Fischereihafen. Der ehemalige Werftbesitzer Dieter Petram engagiert sich im Bereich Immobilien und hat dort viel vor. Er hofft, dass sich durch den Zuzug wohlhabender Menschen die Kaufkraft in der Stadt erhöht und letztendlich neue Arbeitsplätze entstehen. Neben Wohnraum für Gutverdiener soll durch städtische Wohnungsbaugesellschaften auch bezahlbarer Wohnraum dazu kommen.

Doch zur Bremerhavener Realität gehört auch: In Leherheide wächst jedes zweite Kind in Armut auf, von Prestigeprojekten haben sie nichts. Zu den Rettungsankern vor Ort gehört der Kinder- und Jugendtreff Sonnenblume. Die Vorsitzende des Vereins ist Cornelia Rönnefahrt. Sie glaubt nicht, dass sich Normalverdienende das neue Werftquartier leisten können. Ihr Wunsch: "Man muss nicht nur in Leherheide investieren, sondern im gesamten Bremerhaven." In einem Punkt sind sich beide allerdings einig: "Die Armut, die wir haben, liegt eigentlich daran, dass wir Bildungsarmut haben", sagt Petram. Und Rönnefahrt: "Da stimme ich zu, wir brauchen ganz viel Bildung. Die Schere geht immer weiter auseinander."

3 Potenzial der Kulturszene

Patrick Rokitensky alias Tenski ist Sänger mit Chancen auf den Durchbruch. Der gebürtige Bremerhavener wohnt inzwischen in Bremen, am heutigen Sonntag ist er Gast der TV-Castingshow "The Voice of Germany". Die Stadt seiner Kindheit hat er in guter Erinnerung und glaubt an ihre Zukunft: "Ich bin in Lehe direkt im Goethe-Viertel groß geworden und habe tolle Erinnerungen", sagt der Sänger. Er sei damals oft mit seinem Vater beim "Zolli" Fußballspielen gewesen. "Den gibt es mittlerweile nicht mehr in der Form, aber da passiert auch etwas, habe ich mitbekommen." Gemeint ist das Urban-Gardening- und Kultur-Projekt "Das Beet", das Aufbruchsstimmung verbreitet. "Ich wünschen mir, dass Bremerhaven attraktiv wird für junge Leute", sagt Rokitensky. "Ich glaube Bremerhaven hat viel Potenzial, wir haben den Tourismus schon gestärkt. Aber es gibt noch viele Orte, die gestärkt werden können. Zum Beispiel die Alte Bürger oder eben die Musikszene."

4 Hafen als Motor

Wenn die bremischen Häfen mit dem Hamburger Hafen fusionieren, könnten sie im Verbund sogar zur Nummer eins im europäischen Container-Geschäft aufsteigen. Die Betreiber Eurogate und HHLA sondieren daerzeit. Doch die Gespräche stocken. Antwerpen und Rotterdam haben Bremerhaven beim Containerumschlag längst abgehängt. Um noch mithalten zu können, muss die Seestadt schneller und billiger werden, durch Automatisierung und Stellenabbau.

"Wir haben hier in Bremerhaven fünf Kilometer Kaje und die zwei größten Reedereien der Welt als Kunden", sagt Eurogate-Geschäftsführer Mikkel Andersen. "Das heißt, wir machen heute schon sehr viel richtig." Für Andersen ist eine nötige Automatisierung allerdings nicht gleichbedeutend mit Stellenabbau. Bremens Häfensenatorin Claudia Schilling (SPD) sieht es ähnlich: "Ich bin der Überzeugung, dass das, was wir über Automatisierung möglicherweise an Arbeitsplätzen verlieren, wieder kompensieren können, wenn wir uns im Wettbewerb stärker aufstellen werden." Schilling betont in diesem Zusammenhang auch noch einmal die politische Unterstützung für eine mögliche Kooperation mit dem Hamburger Hafen. Andersen will unabhängig davon an einer zukunftsfähigen Aufstellung des Containerhafens in Bremerhaven weiterarbeiten.

5 Führende Rolle beim Wasserstoff

Wasserstoff ist aktuell der Hoffnungsträger in der Energiewende und in Bremerhaven möchte man dabei eine ganz wichtige Rolle spielen. Auf dem ehemaligen Flugplatz Luneort soll es entstehen, ein Testfeld für grünen, also umweltfreundlichen, Wasserstoff. Bremerhaven setzt auf diese Zukunftstechnologie, will sich zu einem entsprechenden Forschungs- und Industriestandort machen. Die Technologie steht noch am Anfang und ihr Energiebedarf ist riesig. Mit der Windenergie hat Bremerhaven schon einmal Schiffbruch erlitten. Ein herber Schlag nach dem Niedergang von Fischerei und Werften. Ist grüner Wasserstoff – bei der auch Windenergie wieder eine Rolle spielen könnte – nun endlich die Branche, die zum wirtschaftlichen Aufschwung verhilft? Für Wissenschaftssenatorin Schilling eine logische Konsequenz: "Gerade, weil wir ja in Bremerhaven schon einmal Kompetenzen im Bereich der Windenergie aufgebaut haben und diese Kompetenzen sind auch noch da."

6 Magnet für Besucher  

Ein weiteres wirtschaftliches Standbein Bremerhavens ist der Tourismus. Klimahaus, Auswandererhaus, Zoo am Meer – Bremerhaven zieht immer mehr Besucher an. Zu den Tagestouristen kommen die Kreuzfahrer und das ist noch ausbaufähig sagen Fachleute.".Angesichts der wirtschaftlichen Lage über die letzten Jahrzehnte und der Schwierigkeiten, die diese Stadt hat, ist Tourismus eine sehr, sehr effektive Strategie", sagt Hochschulrektor und Touristik-Professor Alexis Papathanassis. Doch die Besucher müssen auch ihr Geld in der Stadt lassen, damit die Einheimischen etwas davon haben. Dafür muss es eine pulsierende Innenstadt geben. Da, wo noch der alte Karstadt-Klotz steht, will die Stadt einen lebendigen Ort schaffen. Es ist die Chance die Aufenthaltsdauer in Bremerhaven bis 2050 zu steigern, allerdings kein Selbstläufer.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. Oktober 2021, 19:30 Uhr