Interview

So tragen Bremens Bäume zum Klima- und Hitzeschutz bei

Luftbild von Wohnstraßen in Schwachhausen.
Wohnstraßen in Schwachhausen: Im Vergleich zu anderen Städten hat Bremen viele Straßenbäume. Bild: Radio Bremen

Bremen hat 73.000 Straßenbäume – und stößt damit an Grenzen. Wie die Stadt damit umgeht und warum sie jetzt auf Qualität statt Quantität setzt, verrät eine Baumexpertin.

Bäume sind nicht nur für die Bekämpfung des Klimawandels, sondern auch für die Linderung der Klimafolgen unersetzlich. Das Bremer Klimaschutz- und Umweltressort verfolgt seit gut zwei Jahren sogar ein "Handlungskonzept Stadtbäume", das den Umgang mit dem wertvollen Grün verbessern soll. Warum das angesichts des Klimawandels so wichtig ist, erklärt Projektkoordinatorin Iris Bryson.

Frau Bryson, seit 2012 hat Bremen die Zahl der Straßenbäume von rund 69.000 auf aktuell 73.000 erhöht. Geht da noch mehr?
Wir arbeiten derzeit an einer Potenzialanalyse, wo überhaupt noch Straßenbaumbepflanzungen möglich sind. Dabei sind viele Ansprüche zu beachten: Straßen, Rad- und Fußwege, Bushaltestellen, Ampeln, Laternen, Gas- und Abwasserleitungen, Glasfaser und so weiter. Auf diese Infrastruktur muss bei der Grünstruktur, also bei der Baumpflanzung, geachtet werden. In viele Straßen dürfen wir aufgrund verschiedener Regelwerke keine Bäume mehr reinpflanzen. Wir versuchen derzeit noch irgendwie 140 neue Bäume unterzubringen. Da zeichnen sich in unserer Potenzialanalyse aber schon jetzt viele Schwierigkeiten ab, weil die Flächen schon belegt sind. Wir glauben daher nicht, dass wir in Bremen noch viele neue Bäume pflanzen können.
Wie steht es denn angesichts von Hitzewellen und Starkregenereignissen um die Bäume, die schon da sind? Können sie den Folgen des Klimawandels standhalten?
Das hängt von der Baumart ab und natürlich auch vom Standort. Bäume in der freien Landschaft sind nicht so stark betroffen wie Bäume in der Stadt. Insbesondere Straßenbäume oder Bäume auf versiegelten Flächen, in Grünanlagen und öffentlichen Gebäuden macht die Hitze zu schaffen. Das liegt allerdings nicht allein an den jüngsten Hitzetagen, sondern auch daran, dass wir schon im März eine extreme Frühjahrstrockenheit hatten.
Iris Bryson koordiniert für das Bremer Umweltressort das Handlungskonzept Stadtbäume.
Iris Bryson koordiniert für das Bremer Umweltressort das Handlungskonzept Stadtbäume. Bild: Iris Bryson
Warum ist das so problematisch?
Die Bäume treiben im Frühjahr aus, sie müssen sich daher besonders viel mit Wasser versorgen. Ein trockener März bedeutet: Sie starten schon mit schlechten Voraussetzungen ins Jahr. Und wenn wir dann Hitzetage haben, dann können sich gerade die vielen in den 1950er bis 1980er Jahren gepflanzten Bremer Bäume, die nicht den Anschluss ans Grundwasser haben, noch schlechter versorgen. Hinzu kommt, dass die sehr trockenen Böden bei Starkregen auch nur schlecht große Wassermengen aufnehmen können. Das Wasser fließt dann einfach oberflächlich ab und gelangt nicht in tiefere Bodenschichten.
Wie kann den Bäumen geholfen werden?
Das geht schon damit los, dass ein Baum richtig gepflanzt wird. Sie müssen sich vorstellen, dass ein Baum mit einem Kronendurchmesser von zwanzig Metern im natürlichen Raum – je nach Baumart – ungefähr die gleiche Größe mit seinem Wurzelwerk im Boden erreicht.

Das brauchen sie, um sich zu versorgen. Das heißt, wir müssen gerade für Straßenbäume den Boden gut vorbereiten – anders als es oft in der Vergangenheit passiert ist. Wir brauchen große Baumgruben und großporiges Substrat, in dem auch mal Steine drin sind und das Sauerstoff durchlässt. Denn Bäume brauchen Luft genauso wie Wasser.
Wege, Rasen und junge Bäume auf dem Dedesdorfer Platz, im Hintergrund neue Häuser vom Projekt "Waller Mitte" und ältere Bebauung.
Jungbäume auf dem Dedesdorfer Platz in Walle. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden
Hilft es, wenn Bremerinnen und Bremer selbst bei Hitze Straßenbäume gießen?
Davon raten wir eher ab, weil es sich dann meist nur um zwei Gießkannen handelt und dann nur die Oberfläche erreicht wird. Und das ist gerade bei Jungbäumen eine falsche Wasserversorgung. Zudem kümmert sich der Umweltbetrieb Bremen um die Bewässerung. Und die Mitarbeiter wissen ja nicht, welche Bäume dann schon gegossen worden sind und welche nicht. Hinzu kommt, dass Jungbäume auch nicht zu sehr verwöhnt werden sollten. Wir haben zum Beispiel begonnen, mit Sensoren die Wasserspannung im Boden zu messen. So wissen wir, wieviel Wasser auch in der Tiefe vorhanden ist und ob sich der Baum noch versorgen kann. Gegossen wird erst dann, wenn ein gewisser Punkt unterschritten wird. So wird ein junger Baum auch an Trockenstress gewöhnt.

Ein Baum wird in zwei Bewässerungsgängen, also mit rund 150 Litern rund zwanzig Mal im Jahr versorgt.

Iris Bryson, Projektkoordinatorin des Handlungskonzepts Stadtbäume
Wie bewässert Bremen denn die eigenen Bäume?
Beim Bewässern sprechen wir immer von Jungbäumen, die nicht älter als 15 Jahre sind. Die Fertigstellungs- und Entwicklungspflege von neu gepflanzten Bäumen haben wir in Bremen mittlerweile von drei auf fünf Jahre erhöht, um dem Baum zu helfen, sich gut einzuwurzeln und am Standort anzukommen.
Neupflanzungen sind das eine, als besonders wichtig gelten aber vor allem die älteren Bäume. Warum ist das so?
Die älteren Bäume haben allein durch ihr Kronenvolumen eine viel höhere Photosyntheseleistung. Als Luftfilter, aber auch als Schattenspender sind sie sehr bedeutsam. Wenn Sie sich unter eine ausgewachsene Eiche oder Buche stellen, dann ist es dort wesentlich kühler, als wenn Sie sich unter einen Jungbaum stellen. Bis ein Jungbaum dahinkommt, dauert es – je nach Baumart – mehrere Jahrzehnte. Darum ist der Altbaumschutz so wichtig.
Ab und zu müssen aber auch Altbäume gefällt werden. Wann ist das nötig?
Das kann bei der Erschließung neuer Gebiete oder bei Umbauten vorkommen. Und es gibt ja auch vorgeschädigte Bäume. Bäume, die vom Wurzelraum stark eingeschränkt sind und auch erste Trockenschäden aufweisen oder vielleicht Schädlinge oder einen Pilzbefall. In so einem Fall sagt man dann eher mal, ich trenne mich von dem Bau und pflanze neu. Wenn allerdings Bäume sehr gesund sind und sehr vital, dann wird natürlich auch um sie gekämpft. Zum Beispiel schauen wir, wo wir auch mal Flächen entsiegeln können, um Altbäume zu schützen. Das ist natürlich kostspielig.
Was kostet die Hege und Pflege eines Baums Bremen im Schnitt?
Ich kann für den innerstädtischen Bereich sprechen. Dort setzen wir für den durchschnittlichen Baum zurzeit noch durchschnittlich 60 Euro pro Baum an. Das ist ein Wert, der auch bundesweit angesetzt wird. Damit kommt man mittlerweile aber kaum noch hin. Berlin hat ihn mit zusätzlichen Mitteln schon auf 80 Euro raufgeschraubt.
Viele Bäume in einer Reihe direkt am Wasser.
Platanen am Neustädter Deich. Manche Altbäume fallen dem Klimawandel und seinen Folgen zum Opfer. Bild: Radio Bremen
Woran liegt das?
Zum Beispiel am Trockenstress. Es entsteht mehr Totholz. Und wenn da ein toter Ast herabfallen kann oder ein Baum nicht mehr standsicher ist, dann müssen wir schneiden oder fällen. Das passiert immer häufiger. Hinzu kommen die Kosten, um Baumscheiben und ältere Bäume herum zu entsiegeln, damit sie bei der Hitzeentwicklung besser und länger leben können.
Viel diskutiert wurde über die Platanen am Neustädter Weserufer. Sie müssen jetzt dem Hochwasserschutz weichen. Wie stellen Sie sicher, dass dort in Zukunft ähnlich mächtige Bäume entstehen können, die nicht erneut den Klimawandelfolgen zum Opfer fallen?
Natürlich berücksichtigen wir bei der Planung schon jetzt große Baumkronen. Wir haben dort durchgesetzt, dass die Planer 36 Kubikmeter pro Baum berücksichtigen...
…das entspricht rechnerisch einer sechs mal sechs Meter großen Flächen, die ein Meter tief ist.
Das ist relativ viel und es ist auch das erst Mal, dass wir so etwas schon in der Planung berücksichtigt haben. So haben die neuen Großbäume die Möglichkeiten, sich zu entwickeln und dauerhaft zu versorgen.
Wir wollen die Baumarten nach den jetzigen Erkenntnissen in der anstehenden Entwurfsplanung auch so auswählen, dass sie für den Klimawandel geeignet sind.
In Bremen liegt der Anteil heimischer Bäume wie Eiche, Linde oder Ahorn bei den Straßenbäumen bei fast 90 Prozent. Nicht-heimische Arten wie Gleditsie, Schnurbaum oder Rot-Ahorn machen aber schon mehr als zehn Prozent aus. Wird sich das Verhältnis weiter verschieben?
Ja. Der Anteil von nicht-heimischen Bäumen wird bei den Straßenbäumen zunehmen. Das liegt nicht nur am Boden, sondern zum Beispiel auch an Luftschneisen und heißen Winden, denen die Bäume inzwischen oft ausgesetzt sind. Sie schwitzen dann und verlieren Wasser. Südländische Bäume sind da von der Genetik besser. Sie haben Strategien entwickelt, um sich dieser Transpiration zu entziehen. Sie können kurzfristig mit solchen Hitzeereignissen besser umgehen. Der Einsatz solcher Klimabäume betrifft aber vor allem Extremstandorte. In der freien Landschaft, also zum Beispiel im Blockland, setzen wir weiter auf heimische Bäume. Und auch in den Grünanlagen.
Baumkronen

So will sich Bremen künftig um seine Bäume kümmern

Bild: Imago | Oliver Vogler

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 23. März 2022, 7:35 Uhr