Skat kloppen – verschwindet die Tradition von der Bremer Landkarte?

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Uwe Dreyer ist Weltmeister im Online-Skat, doch viel lieber zockt der Grasberger mit Freunden am Tisch. Das Problem: Auch in Bremen verliert das Spiel an Popularität.

Abends in die Kneipe, Freunde und Bekannte treffen, Kaltgetränke und Karten kloppen. So sah, zumindest einmal pro Woche beim Stammtisch, einst die Freizeitgestaltung zahlreicher Menschen aus. Doch dies hat sich geändert. Sich zu treffen, um Karten zu spielen, hat an Popularität verloren. Darunter leidet auch das Skatspielen in Bremen. "Es wird noch gespielt", berichtet Wolfgang Lindlohr vom Bremer Skatklub "Die Hanseaten", "aber es ist deutlich weniger geworden."

Diese Einschätzung teilt auch Nathalie Rübsteck, Hauptgeschäftsführerin bei der Bremer DEHOGA. "Die Kartenspiele sind mittlerweile ein Randthema. Der Trend ist klar zurückgegangen", erzählt sie im Gespräch mit buten un binnen. Dies liege zum einen daran, dass es die klassischen Herrenrunden der 1970er-Jahren heute kaum noch gebe. Zum anderen würden Betriebe in der Speise-Gastronomie Tische am Abend auch gerne zweimal belegen. Dann sei es schlecht für den Umsatz, wenn diese den gesamten Abend durch Runden blockiert seien, die die ganze Zeit Karten spielen.

Skat ist Weltkulturerbe

Uwe Dreyer sitzt im Garten.
Uwe Dreyer aus Grasberg hat im März die Weltmeisterschaft im Online-Skat gewonnen. Bild: Radio Bremen

Als er vor 30 Jahren nach Bremen gekommen sei, berichtet Lindlohr, habe es noch etwa 100 Skatklubs mit jeweils rund 20 Personen in der Stadt gegeben. Knapp 2.000 Menschen hätten seinerzeit regelmäßig Skat gespielt. Diese Zahl habe sich in Bremen seitdem allerdings halbiert. "Skat ist auf dem absteigenden Ast", ist sich auch Uwe Dreyer sicher. Der 54-jährige Grasberger ist ebenfalls Mitglied bei den "Hanseaten" und hat im März die Weltmeisterschaft im Online-Skat gewonnen.

Die Probleme dabei sind mannigfaltig. Das Skatspielen lebt von der Geselligkeit. Die UNESCO hat es daher 2016 zum "immateriellen Weltkulturerbe" erklärt, da es "Menschen verschiedener Altersgruppen, Nationalitäten und Bevölkerungsschichten zusammenführt" sowie zur Erholung vom Alltag beitrage. Doch in der Corona-Pandemie war all dies kaum möglich. Sich zu treffen und Karten zu spielen, das ging nicht mehr. Zumal vor allem viele ältere Menschen, die zu den vulnerablen Gruppen gehören, Skat bis heute treu geblieben sind.

Den Skatspielern fehlt der Nachwuchs

Bei jungen Menschen kommt das Spiel hingegen nicht an. "Wir haben ein Nachwuchsproblem, ganz klar", sagt Dreyer. "Skat ist überaltert, es sind viele Rentner dabei." Beim Skatklub "Die Hanseaten", berichtet Lindlohr, seien nur zwei Mitglieder derzeit unter 30 Jahre alt. Danach ginge es mit Spielerinnen und Spielern ab 50 Jahre weiter. Das liegt nicht daran, dass Kartenspiele bei jungen Spielen per se out sind. Doch Skat besitzt ein piefiges, klassisch deutsches Image. Ganz anders schaut es hingegen beim Pokern aus.

Koray Aldemir mit zahlreichen Geldbündeln vor sich.
Ganz andere Summen: Der Berliner Koray Aldemir hat allein durch den Gewinn der Poker WM im vergangenen Jahr acht Millionen Dollar eingenommen. Bild: Imago | Zuma Wire

Dort wird bei den großen Turnieren in prunkvollen Casinos um jede Menge Geld gespielt. Acht Millionen Dollar Preisgeld gewann im November der Berliner Koray Aldemir, weil er in Las Vegas Weltmeister wurde. Und wer nicht so viel Geld gewinnt, trägt trotzdem gerne teure Sonnenbrillen und teilt auf Instagram mit, wie für die verschiedenen Turniere durch die Welt gejettet wird. Skat wiederum ist von internationalem Flair weit entfernt. Es gilt als provinziell und wird vielmehr mit Socken in Sandalen und schummriger Dorfkneipe in Verbindung gebracht.

Ist das Kneipensterben auf den Dörfern schuld?

Zum Image-Problem kommt hinzu, dass im Vergleich zu früher viel mehr Freizeitmöglichkeiten bestehen. Spiele mit Nervenkitzel können mittlerweile auch simpel auf dem Smartphone gespielt werden. Und das dann, wenn es zwischendurch gerade einmal passt. Laut Lindlohr ist auch dies ein Problem, denn jüngere Menschen würden sich ungern darauf festlegen, stets zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein zu müssen. Skat würde daher eher spontan im privaten Rahmen gespielt. Beispielsweise mit den Eltern oder Großeltern.

Für Dreyer spielt auch das Kneipensterben in den Dörfern eine Rolle. In Grasberg, wo er wohnt, habe es früher etwa 30 Kneipen gegeben. Jetzt seien es vielleicht noch fünf. Deshalb müsse auch mehr Jugendarbeit betrieben werden. Lindlohr wünscht sich dabei, dass es in den Schulen noch häufiger Skat-AGs gibt, in denen Kinder und Jugendliche das Spiel lernen – und dann bestenfalls dabei bleiben.

3.100 Euro für den WM-Titel

Auch Online-Skat-Weltmeister Dreyer hat bereits als Zehnjähriger mit Skat angefangen. Schnell habe er durch das Kartenspiel mehr Geld verdient, als er pro Woche an Taschengeld erhalten habe. In den 1990er-Jahre sei es beim Skat noch deutlich wilder in Deutschland zugegangen. Bis zu 50.000 Euro habe seinerzeit auf einem Turnier verdient werden können, doch diese Zeiten sind lange vorbei.

Das ganz große Geld fließt mittlerweile beim Pokern. Dreyer, mittlerweile 54 Jahre alt, reizt dies allerdings nicht. Schließlich könne nicht nur viel Geld gewonnen, sondern auch verloren werden. Von den acht Millionen Dollar, die Aldemir bei der Poker-WM einstrich, ist Dreyer weit entfernt. Für den Titel bei der Online-Skat-WM gab es 3.100 Euro. Das reichte, um mit der Familie Urlaub auf Fuerteventura zu machen.

Uwe Dreyer mit seiner Familie im Urlaub.
3.100 Euro gab es für WM-Titel beim Online-Skat. Dafür fuhr Uwe Dreyer mit seiner Familie nach Fuerteventura. Bild: Dreyer

Titel beim Skat hat Dreyer auch schon zuvor gewonnen. 1987 schnappte er sich die Deutsche Junioren-Meisterschaft. Mit den "Hanseaten" folgten in der Mannschaft die Deutsche Meisterschaft und sogar die Weltmeisterschaft. Online spielte der Ingenieur für Nachrichtentechnik erstmals vor acht Jahren. Damals war er zeitweise alleinerziehend und konnte nicht mehr regelmäßig zu den Treffen des Skatklubs am Donnerstagabend kommen. Vor der WM hatte er sich schon Chancen auf das Finale ausgerechnet. Über zwei Monate zog sich das Turnier, knapp 45 Stunden saß er vor dem Computer und spielte. Am Ende reichte es für den großen Coup.

Skat hilft bei der Entspannung

Online funktioniert das Spiel jedoch anders als am Kneipen- oder Küchentisch. Gestik oder Mimik der Mitspieler können nicht gelesen werden, denn die Kamera bleibt aus. Dafür können zuvor sämtliche Statistiken aller Spieler studiert werden. "Vor der Partie", erzählt Dreyer, "kann also geschaut werden, wer wie agiert und wer welche Karten zuerst ausspielt." Somit kann sich auf die kommenden Gegner vorbereitet werden.

Noch viel lieber also online spielt Dreyer jedoch, wenn er tatsächlich Karten in der Hand hält. Jeden Donnerstagabend treffen sich "Die Hanseaten" im Kegel-Center in Bremen. Das Spielen in Gesellschaft hilft ihm, sich zu entspannen. "Skat hält zudem jung", erzählt Dreyer. "Die Leute, die Skat spielen, sind geistig deutlich fitter, weil der Kopf trainiert wird." Doch ohne neuen Nachwuchs könnte das Spiel eines Tages von der Bremer Landkarte verschwinden.

Wie diese Bremerin dank ihrer Bridge-Kenntnisse um die Welt reiste

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Juni 2022, 19:30 Uhr