Interview

Bremer Intensivpflegerin: frustriert über ungeimpfte Härtefälle

Ein Intensivpfleger versorgt einen Covid-Patienten auf der Intensivstation.

Vierte Welle: Pflegekräfte am Limit

Bild: DPA | Jan Woitas

Der pflegerische Aufwand für Covid-Patienten auf Intensivstation ist immens. Eine Bremer Pflegerin erzählt aus ihrem Klinik-Alltag, der sie an ihre Grenzen bringt.

Magdalena Warnat ist Intensivpflegerin. Seit vier Jahren arbeitet sie auf der Intensivstation des Klinikums Bremen Mitte. Ihre Fachweiterbildung hat sie so gut wie abgeschlossen – die letzten zwei Jahre waren hart. Da hätte sie "die volle Breitseite" abbekommen. Uns hat sie aus ihrem Alltag erzählt – und wie es ist, um das Leben von Menschen zu kämpfen, die durch eine falsche Entscheidung in diese Situation gekommen sind.

Wie sah der Arbeitsalltag auf der Intensivstation vor der Corona-Pandemie aus – wenn man denn überhaupt von Alltag sprechen kann?
Wir arbeiten im Dreischicht-System. Nach der Übergabe übernimmt man pro Pflegekraft so zwei bis drei Patienten und überwacht sie am Monitor. Wie ist die Atmung? Wie die Herz-Kreislaufsituation? Wir unterstützen und stabilisieren sie. Schon vor Corona hatten wir viele Patienten, die beatmet werden mussten.

Hier im Klinikum Bremen Mitte ist unsere Intensivstation sehr interdisziplinär aufgestellt. Zwar haben wir überwiegend neurochirurgische Patienten, aber auch welche aus der allgemeinen Chirurgie oder beispielsweise der Gesichtschirurgie.

Auf der Intensivstation muss man als Pflegekraft fast durchgehend an den Patienten dran sein – rund um die Uhr. Die Medikamente müssen durchgängig gegeben werden und lückenlos laufen. Wir müssen auf Alarme reagieren, die organische Funktionen überwachen und natürlich im Blick behalten, wie viele Schmerzen unsere Patienten und Patientinnen haben. Außerdem kommt noch die Körperpflege und die Lagerung hinzu – da der Patient in der Regel nicht mehr viel kontrollieren kann, kümmern wir uns um alles. Oft muss man auf unvorhergesehene Sachen reagieren, zum Beispiel bei Notfällen oder Kreislaufeinbrüchen.
Das Porträt einer Krankenschwester, die einen Mundschutz und Arbeitskleidung trägt.
Magdalena Warnat wünscht sich, dass Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, ihre Beweggründe noch einmal genau überdenken. Bild: Magdalena Warnat
Wie hat sich die Situation auf der Intensivstation seit Beginn der Corona-Pandemie entwickelt?
In der ersten Welle war es noch recht überschaubar – allerdings haben wir uns da wirklich auf den Katastrophenfall vorbereitet: Beatmungsgeräte wurden mobilisiert, Personal aus dem OP und der Anästhesie kam zu uns auf die Station und wurde eingearbeitet für den Fall, dass wir die Betten alle belegen müssen. So ist es zum Glück nicht passiert – aber wir haben schon durchgehend Covid-Patienten. Die einzige Zeitspanne, in der niemand bei uns auf Intensiv lag war von Ende Juli bis August. Die zweite Welle war dann schon etwas doller als die erste: Da haben wir Ecmo-Therapie verwendet (Anmerkung der Redaktion: Eine Ecmo-Therapie kommt zum Einsatz, wenn die Lunge des Patienten schwer geschädigt ist. Dabei wird das Blut außerhalb des Körpers so behandelt, dass der Gasaustausch ersetzt wird, damit der Mensch weiter atmen kann.) Jetzt haben wir vor allem ungeimpfte Menschen mit wirklich sehr, sehr schweren Verläufen. Natürlich kam das auch schon vorher vor, aber gefühlt ist es seit der Delta-Variante noch schlimmer und es gibt häufiger so schwere Verläufe.
Wie fühlt sich die Arbeit mit diesen ungeimpften Patienten und Patientinnen für sie an?
Natürlich wird jeder Patient wertfrei versorgt und wir sind alle höchst bemüht – aber es ist natürlich schon Thema. Man redet darüber und es ist frustrierend. Der Aufwand ist einfach unglaublich hoch.

In der vierten Welle hatten wir bislang eigentlich nur ungeimpfte Intensivpatienten – und davor auch schon überwiegend. Unsere Covid-Patienten sind einfach wahnsinnig schwer krank. Sie müssen intensiv beatmet werden, ihre Situation verbessert sich nicht so richtig und alles dauert sehr, sehr lange. Zum einen ist es alleine deshalb schon sehr frustrierend, zum anderen ist es einfach körperlich ziemlich anstrengend.

Magdalena Warnat, Intensivpflegerin Klinikum Bremen Mitte
Man ist mit in der Isolation: Lunge und Kreislauf sind instabil und die Menschen müssen fast durchgehend betreut werden. Medikamente müssen permanent gegeben werden und man kann es sich kaum leisten aus dem Zimmer zu gehen. Da müssen wir Pflegekräfte uns gut organisieren und immer genau überlegen: 'Was brauche ich und muss ich holen, wenn ich jetzt das Zimmer verlasse?'

Wir haben viele der Patienten in Bauchlage. (Anmerkung der Redaktion: Die Bauchlage kann bei Patienten mit Lungenversagen eine bessere Sauerstoffversorgung ermöglichen.) und für die Versorgung braucht man mehr Manpower – da sind drei bis vier Pflegekräfte und ein Arzt gebunden. Wenn man dann drei Patienten hintereinander hat, ist man in einer Schicht quasi schon gut beschäftigt. An anderer Stelle fehlt dann natürlich das Personal.

Das dramatische ist ja, dass dort ein Mensch liegt, der eine falsche Entscheidung getroffen hat. Und jetzt muss er mit seiner Gesundheit – und vielleicht sogar mit seinem Leben bezahlen. Die gesamte Situation ist da schon sehr belastend, auch für die Angehörigen, die den Patienten ja kaum sehen können und wenn dann nur aus der Entfernung.
Patienten der Intensivstation im Klinikum Bremen Mitte werden über den Flur in die neue Intensivstation geschoben.
In Bremen-Mitte ist die Mehrbelastung durch Corona deutlich zu spüren. Bild: Radio Bremen | Jens Otto
Merken Sie denn, dass sich die Einstellung der Patienten ändert, nachdem sie die Corona-Infektion überstanden haben?
Leider bekommen wir das gar nicht mit. Die Patienten, die es überstehen, gehen in Reha und versuchen einigermaßen ins Leben zurückzukommen. Mich würde das auch interessieren – aber das hören wir eigentlich nie. Insgesamt ist die Versorgung nicht sonderlich befriedigend: Wir geben über Wochen alles. Manche schaffen es dann, andere nicht. Natürlich ist es schön, wenn die Menschen es schaffen, aber wir wissen ja auch, dass diese Krankheit Spuren hinterlassen wird, sei es in der Lunge oder auch kognitiv.

An einen positiven Fall kann ich mich erinnern. Das war ein Mann um die Ende 40, der sogar geimpft war und vor der Erkrankung sehr fit, körperlich komplett gesund. Der hatte dann einen schweren Verlauf und ist nach langer Zeit überraschend wieder besser geworden und kam in die Reha. Von dort aus hat er sich mit einem Foto gemeldet. Viele bedanken sich zwar bei uns – oft auch die Angehörigen. Aber die Rückmeldung, wie der Gesundheitszustand ist, bekommen wir seltener. Ich kann das aber auch verstehen: So ein Aufenthalt auf der Intensivstation kann sehr traumarisierend sein. Die Menschen verlieren komplett die Kontrolle und können sich nicht ausdrücken, ihre Wünsche nicht äußern. Wir versuchen einfühlsam und vorsichtig zu sein, aber so eine Beatmungstherapie macht schon was mit den Menschen. Sie möchten dann sicherlich damit abschließen.
Wie sehen Sie die Lage in Bremen aktuell und wie blicken Sie in den Winter?
Aktuell haben wir fünf Covid-Patienten und das schon seit einer Weile. Hier in Bremen ist es noch okay, aber man weiß ja schon, wie die Lage im Osten und in Bayern ist. Da gibt es einige Kliniken, die an ihrer Grenze sind – und wenn wir freie Betten haben, dann werden die Patienten von außerhalb kommen. Ich mache mir da durchaus Sorgen – vor allem, weil die Zahlen ja durchaus auch in Bremen steigen können.

Und die Kräfte schwinden schon – ich kann ja nicht für jeden sprechen, aber ich nehme es schon wahr. Mich strengt es sehr an, Covid-Patienten zu versorgen. Das kann ich ein paar Tage hintereinander machen, aber ich bin nur noch begrenzt leistungsfähig. Und ich mache mir Gedanken, dass die Kollegen hier und da nicht mehr standhalten können.

Wir alle wollen in die Normalität zurückkommen. Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die nicht geimpft sind, einen Schritt zurücktreten können. Sich fragen: Was sind meine Beweggründe und Ängste? Und das dann zu reflektieren und zu hinterfragen.

Magdalena Warnat, Intensivpflegerin Klinikum Bremen Mitte
Die Argumente, es gibt keine Information und es gibt keine Studie, zählen halt einfach nicht mehr. Es ist schade, dass die Leute sich darauf ausruhen. Es gibt einfach einen Teil, den erreicht man nicht. Mein Gefühl ist aber, es geht nicht um die Sache an sich, sondern einfach darum, gegen etwas zu sein. Es widerspricht sich doch so vieles in der Argumentation: Ich möchte meine Freiheit zurück und gehe dafür auf die Straße – versperre mich dann aber der Impfung, die diese Freiheit ermöglicht.

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 18. November 2021, 7:10 Uhr