Infografik

Welche Fraktionen Vielfalt ins Parlament bringen

Bremische Bürgerschaft in Zahlen

Welche Fraktion hat die meisten Frauen in ihren Reihen? Wo sind die meisten Migranten vertreten? Wer sind die Bremer Ur-Gesteine, und welche Fraktion ist besonders religiös? Wir haben uns angeschaut, welche Parteien die Bremische Bürgerschaft bunt und vielfältig machen. Hätten Sie es gewusst?

Wie viel Vielfalt bringen die Fraktionen in die Bürgerschaft?
Quelle: Bremische Bürgerschaft / Bürgerschafts-Fraktionen und Gruppen / Bremisches Amtsblatt Bild: Radio Bremen | Marissa Kimmel

83 Abgeordnete sitzen im Bremer Landtag. Die einen haben fünf Kinder, die anderen sind ewige Singles. Der Jüngste ist 26 Jahre alt, der Älteste 73. Es gibt also Vielfalt in der Bürgerschaft. Aber in zentralen Fragen ist das Parlament von einem Querschnitt noch weit entfernt, wie unser Daten-Check der 83 Bremer Abgeordneten zeigt.

Bürgerschaft ungleich Bürger

Bild: Radio Bremen

Warum sind manche Menschen in der Bürgerschaft nicht repräsentiert? Bekommen Sie keine Chance bei den Parteien? Wir haben nachgefragt:

Elombo Bolayela, kulturpolitischer Sprecher der SPD

Elombo Bolayela, SPD
Elombo Bolayela Bild: SPD-Fraktion Land Bremen

Warum sind in Ihrer Fraktion Migranten unterrepräsentiert?

Wir haben noch nicht genug Menschen mit globaler Geschichte im Parlament. Ein Parlament, die Verwaltung, Schulen, aber auch die Presse sollten repräsentativ sein. Wo jeder das Gefühl hat, auch ich gehöre dazu.

Das hängt natürlich davon ab, wie viele Menschen mit globaler Identität in den Parteien sind und von den Mitgliedern gewählt werden.

Wir sind sieben von 30 Abgeordneten. Das ist im deutschlandweiten Vergleich gut. Aber auch bei uns gibt es Luft nach oben. Nach dem Motto: Alles ist möglich! Natürlich müssen die Menschen Leistungen bringen. Es geht nicht nach Hautfarbe, sondern um Leute, die was wollen und sich einsetzen.

Ich bin in einer Diktatur geboren und habe teils in sehr starker Armut gelebt. In Deutschland habe ich in Unsicherheit gelebt und wusste nicht, ob ich das Land wieder verlassen muss. Solche Erfahrungen kann ich einbringen.

Wir müssen Teilnahme und Teilhabe fördern, das ist gut für die Identifikation. Ich sage sogar manchmal: Ich nutze meine Hautfarbe aus: Man kann mich schneller sehen und schneller hören. Aber es ist nicht einfach. Viele Menschen trauen sich auch einfach nicht, sich zu engagieren. Die möchte ich ermutigen.

Silvia Neumeyer, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU

Silvia Neumeyer, CDU
Silvia Neumeyer Bild: CDU-Bürgerschaftsfraktion

Warum sind in Ihrer Fraktion junge Menschen und Frauen unterrepräsentiert?

Auf unserer Kandidatenliste muss spätestens jeder vierte Platz mit einer Frau besetzt sein. Man kann sagen, es ist zu wenig, aber es gab noch schlechtere Zeiten. Wenn wir mehr gute junge Frauen haben, wird sich das ändern.

Aber ganz ehrlich: Ich mache seit 30 Jahren Politik, und es ist schwierig, Frauen zu begeistern. Ich bin Vorsitzende im Stadtbezirksverband, und sobald ich eine Frau als neues Mitglied bekomme, versuche ich sie einzubinden. Aber leider gibt es da nicht viele. Frauen fehlt manchmal das Selbstbewusstsein oder sie denken: Das schaffe ich eh nicht. Viele Frauen im mittleren Alter haben natürlich auch viel um die Ohren mit Kindern, Familie und Beruf.

Man muss Frauen ansprechen und immer wieder ermutigen und ihnen zum Beispiel hier im Parlament eine Kinderbetreuung anbieten. Wir sitzen hier ja bis abends. Also, da muss man noch viel lernen und umdenken. Ich versuche immer, in meinem Bekanntenkreis bei jungen Frauen zu werben, dass sie in die Politik gehen sollen. Aber so viel Erfolg hat man damit leider nicht.

Ein anderes Problem: Bei uns haben es viele junge Leute nicht über die Personenwahl in die Bürgerschaft geschafft, weil sie noch nicht so bekannt sind. Da muss man wirklich überlegen, ob dieses Kumulieren und Panaschieren so gut ist.

Sülmez Dogan, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen

Sülmez Dogan, Die Grünen
Sülmez Dogan Bild: Bündnis 90/Die Grünen Bremen

Muss man bei Ihnen besonders schlau sein, oder warum sind so viele Akademiker in der Fraktion?

Nein, man muss bei uns kein Akademiker sein. Aber es stimmt, dass wir viele Abgeordnete haben, die studiert oder promoviert haben. Viele unserer Mitglieder sind auch Akademiker. Aber es ist nicht so, dass wir die extra auf die Listen wählen.

Ich bin selber Juristin, und das ist für mich ein Vorteil. Wir haben es hier ständig mit Gesetzestexten zu tun, und das fällt mir leicht.

Für uns ist aber der Einsatz entscheidend, das Interesse und Engagement für politische Themen. Und wenn jemand ohne Schulabschluss so engagiert ist, hat der natürlich Chancen auf die Liste zu kommen. Die Spitzenplätze auf den Kandidatenlisten kriegen bei uns immer Frauen. Das war auch ein Grund, warum ich mich für die Grünen entschieden habe, dass die Frauenrechte hier hochgehalten werden.

Als ich es als erste Migrantin geschafft habe, als Vizepräsidentin der Bürgerschaft gewählt zu werden, hat mich das sehr gefreut. Denn es hat ja auch eine Vorbildfunktion für andere Menschen, die hier im Land wohnen, wenn jemand, der Einwanderungsgeschichte hat und ihre Sprache spricht, so ein hohes Amt besetzt.

Nelson Janßen, Sprecher für Armutspolitik der Linken

Nelson Janßen, Die Linke
Nelson Janßen Bild: Die Linke Bremen | Red Kangaroo Media

Haben Sie was gegen die Ehe? Und warum sind so viele Zugezogene in der Fraktion?

Dass bei uns so wenig Abgeordnete verheiratet sind oder einer Religionsgemeinschaft angehören, ist auch ein Stück Ausdruck unserer politischen Überzeugung.

Und es stimmt, dass wir viele Zugezogene in der Fraktion haben. Ich komme selbst aus Nordrhein-Westfalen. Ich glaube, eine Traditionspartei wie die SPD ist in Bremen ganz anders verankert, hat in jedem Verein wahrscheinlich Mitglieder. Unsere Partei ist vergleichsweise jung. Wir sind seit zehn Jahren im Parlament, unsere Strukturen sind noch etwas offener für Neue, auch Zugezogene.

Ich bin mit 26 Jahren der jüngste Abgeordnete in der Bürgerschaft. Ich glaube, dass sich viele junge Leute von der Politik nicht mehr vertreten fühlen. Es ist ein Problem, dass das Parlament so alt ist. Wir reden ja im Parlament über die Zukunft des Landes. Deshalb brauchen wir da auch junge Leute, die da mitdiskutieren und innovative Ideen haben.

Im Moment repräsentieren wir noch eine Gesellschaftsgruppe, die besonders einflussreich ist: eine ältere, weiße, männlich dominierte Mittelschicht. Den Vorwurf muss man Parteien machen.

Das hängt natürlich von den Parteistrukturen ab. Parteien müssen jungen Menschen eine Chance geben, auch wenn sie noch nicht jahrelange Erfahrung haben und sich noch nicht durch alle Parteiämter durchgekämpft haben. Das liegt in der Hand der Mitglieder. Alle müssen sich da an die eigene Nase fassen.

Lencke Steiner, Fraktionsvorsitzende der FDP

Lencke Steiner
Lencke Steiner Bild: FDP Bremen

Warum ist Ihre Fraktion so sehr anders als Sie: männlich und alt?

Ich bin in meiner Fraktion mit Abstand die Jüngste. Aber wir haben uns damals einfach angeschaut, wer hat Lust sich zu engagieren und wie sind die Kompetenzen im Team gut verteilt. Wir haben schon drauf geachtet, dass ich nicht die einzige Frau bin und dass wir Leute aus unterschiedlichen Bereichen haben. Wir haben dabei gar nicht so auf das Alter geachtet, sondern auf die Person und die Erfahrungen. Ich merke das gar nicht so mit dem Altersunterschied und glaube, dass meine Kollegen sehr jung geblieben sind.

Aber ich würde mir wünschen, dass wir mehr Frauen und junge Leute im Parlament hätten, aber auch mehr Unternehmer zum Beispiel. Jeder Bürger und jede Bürgerin soll sich hier wiederfinden. Ein besserer Mix wäre gut, ich habe das Gefühl, dass hier doch nicht alle Gruppen repräsentiert sind. Und manchmal habe ich auch das Gefühl, dass wir nicht ganz gut mitkriegen, was in der realen Welt draußen abgeht.

Ich bin seit zwei Jahren dabei und finde, dass Politik ein hartes Geschäft ist und man eine gewisse Ellenbogenmentalität braucht. Das ist uns Frauen nicht ganz so in die Wiege gelegt, wir setzen mehr auf Kommunikation, und hier geht es manchmal einfach mit dem Kopf durch die Wand.

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Autorin

  • Grit Thümmel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Juni 2017, 19:30 Uhr

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