Der virtuelle Schrei 2021: Jetzt singen Bremens Shanty-Chöre Wellerman

Bild: Radio Bremen

Das kann sich keiner ausdenken: Seemannslieder wurden 2021 so oft gegoogelt wie nie. Und in China ist Achim Reichel auf Platz eins. Bremer Chöre passen sich an.

Was ist das erste, woran Sie denken, wenn Sie das Wort "Shanty" hören? Richtig, eingängige Hymnen über das Bezwingen der wilden See. Ein bärbeißiger Seemann manifestiert sich womöglich vor dem inneren Auge und zieht die Kapitänsmütze tiefer ins von dutzenden Reisen gezeichnete Gesicht. All das untermalt von kehligen, wuchtigen Stimmen, insgesamt alles sehr männlich. Gut, womöglich eine etwas zugespitzte Szenerie. Wer einen Ohrwurm riskieren will, denkt vielleicht auch an die schleswig-holsteinische Band Santiano. Was einem aber wohl nicht in den Sinn kommt: munter tanzende und musizierende Jugendliche, die die Seemannslieder millionenfach in die weite digitale Welt hinauskatapultieren.

"Wellerman"-Song wird zum viralen Hit

Genau das ist mit den Shantys in diesem Jahr passiert. Wirft man einen Blick in den Google-Jahresrückblick, der die meistgesuchten Begriffe der vergangenen zwölf Monate aufzählt, präsentiert sich dort neben den Schlagworten unserer Zeit – wie "Suezkanal", "Daft Punk" und "Harry-and-Meghan Interview" – eine Suchanfrage, die stutzig macht: "Sea Shantys" – Seemannslieder. Danach googelten Userinnen und User im Jahr 2021 weltweit so oft wie noch nie zuvor in der Geschichte der Suchmaschine.

Und das dürfte der Grund dafür sein: Im Dezember 2020 postete der Schotte Nathan Evans eine Acapella-Version des "Wellerman-Songs" auf der Social-Media-App TikTok. Wenige Wochen später hatten den Clip weltweit Millionen Menschen gesehen. Mehr noch: Durch die Funktion der App, Videos von anderen Nutzern zu nehmen und sie wiederum durch ein selber aufgenommenes Video zu ergänzen, entsprangen aus der Melodie eines einzigen Sängers quasi riesige digitale Chöre.

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Geweckte Hoffnungen bei Shanty-Chören

Das schlug Wellen. Und zwar so hohe, das auch Bremer Shanty-Chöre auf das skurrile Phänomen aufmerksam wurden. Hier im Norden kennt man sich schließlich aus mit Seemannsliedern, schon im frühen 19. Jahrhundert wurden sie auf den Handelsschiffen geträllert, die in die bremischen Häfen zurückkehrten. Die Handelsschiffe sind mittlerweile weg, aber der Geschäftssinn ist geblieben – könnte man zumindest beim Neustädter Shanty-Chor mutmaßen, der nicht lange gefackelt hat, kurzerhand eigenhändig eine deutsche Version des Wellerman-Songs aufzusetzen und in die Proben einzubauen.

Wir haben uns gedacht, wie toll es wäre, dieses bekannte Lied künftig auf unseren Auftritten zum Besten geben zu können – und damit womöglich auch wieder mehr jüngere Leute in die Shanty-Chöre zu holen.

Manfred Kercher, Neustädter Shanty-Chor

Der Neustädter Shanty-Chor singt "The Wellerman"

Bild: Radio Bremen

Das habe in Pandemiezeiten zwar noch nicht so ganz funktioniert, aber man sei trotzdem vorsichtig optimistisch. Weniger Vorsicht lassen die Herren hingegen beim Schmettern ihrer norddeutschen Wellermann-Variante walten. Die ist so kräftig, dass man kaum den Notenständer hört, der kurz nach dem zweiten Refrain zu Boden geht. "Die Akkorde oder die Mehrstimmigkeit, aus denen zum Beispiel der "Wellerman" besteht, sind nicht viel anders als die meiste Popmusik, die man jetzt im Radio hört", sagt Coco Joura, musikalische Leiterin des Neustädter Shanty-Chors.

Liegen mag das an der jungen Frau, die vor Kopf der bis zu 84 Jahre alten Shanty-Sänger steht und ihnen unter vollem Einsatz von Gestik und Mimik einheizt. Coco Joura ist nicht nur musikalische Leiterin des Neustädter Chors sondern auch ausgebildete Mezzo-Sopranistin. Genug musikalisches Know-How für einen Erklärungsversuch des plötzlichen Shanty-Booms: "Als Musikerin kann ich sagen, dass diese Akkorde oder auch die Mehrstimmigkeit, aus denen zum Beispiel der Wellerman besteht, nicht viel anders sind als die meiste Popmusik, die man jetzt im Radio hört", so die 34-Jährige. Und dem Ohr gefalle nunmal, was es wiedererkennt. So ein Shanty sei sogar noch ein bisschen interessanter dadurch, "dass eben mehrstimmiger Gesang vorhanden ist, dass es ein oder zwei mehr Akkorde gibt als bei so manchen modernen Arrangements."

Achim Reichel-Gassenhauer macht den Sprung in die Neuzeit

Vielleicht eine mögliche Erklärung für eine weitere musikalische Skurrilität, die sich in den vergangenen Wochen ergeben hat: "Aloha heja he", seines Zeichens deutscher Gassenhauer-Klassiker von Achim Reichel, erlebt 30 Jahre nach Release seinen zweiten Frühling – in China.

Und wieder mal ist TikTok Treiber. Dort spielt es im Hintergrund eines Videos des Users "Klassenkamerad Zhang", der nun mal stolze 1,6 Millionen Follower sein Eigen nennt – die Eigendynamik tut ihren Rest. Wohinter man eine ausgetüftelte Marketing-Strategie vermuten könnte, steckt schlicht und ergreifend die wundersame Willkür sozialer Medien – von der auch der Künstler selbst völlig überrumpelt wurde. Dass in China in den vergangenen Wochen nach keinem Song so oft gesucht wurde wie nach seinem, sei laut Achim Reichel aber vor allem eines: "Fast zu schön, um wahr zu sein."

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Autor

  • Jochen Duwe Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Dezember 2021, 19:30 Uhr