Vom Pastor missbraucht: Bremerin kämpft gegen sexualisierte Gewalt

Eine Frau zündet in einer Kirche eine Kerze an.

Debatte über sexualisierte Gewalt auf der EKD-Synode

Bild: Imago | Fotostand

Sexualisierte Gewalt gibt es an vielen Orten und mit vielen Betroffenen. Eine ist Nancy Janz – sie sprach auf der EKD-Synode darüber, was die evangelische Kirche aufarbeiten muss.

"Ich wollte ja nur das Beste für dich." – "Ich hab dich immer lieb gehabt, ich wollte dir nie was Böses." – "Dir hat's doch auch gefallen." – "Es war doch schön." Sätze, die Nancy Janz 18 Jahre lang gehört hat. Immer wieder und wieder – im Brustton der Überzeugung. Von dem Täter, der sie sexuell missbrauchte.

Es war lange ein Grenzfall. Ist das eigentlich sexualisierte Gewalt oder nicht? Ich habe den Missbrauch erst circa 20 Jahre nach Stattfinden angezeigt.

Nancy Janz, Inklusionsbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche und Heilpraktikerin für Psychotherapie

Heute lebt Nancy Janz in Bremen. Sie arbeitet als Inklusionsbeauftragte für die Bremische Evangelische Kirche und ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit einer eigenen Praxis. Ihr Missbrauch in der evangelischen Kirche hat angefangen als sie 17 Jahre alt war.

Gewalt und Missbrauch in der Kindheit Alltag

Janz kommt aus einem Haushalt, in dem "Alkoholismus, Gewalt und sexualisierte Gewalt einfach dazugehörten. So bin ich groß geworden", erzählt sie. Mit 16 Jahren zog sie von Zuhause aus und begann ihre Ausbildung. Damals stand sie vor einem Abgrund. "Ich habe mit meiner Familie gebrochen, ich bin in eine neue Stadt gezogen, ich wusste nicht, wie ich mich finanzieren sollte, alles war total schwierig."

Damals sei sie selbstmordgefährdet gewesen und habe sich selbst verletzt. "Eine weitere Thematik war, dass ich das erste Mal mit einer Frau zusammen war, was aber in kirchlichen Gegebenheiten auch noch schwierig war. Und für mich einfach ein großes Thema." Sie suchte Halt in einer Gemeinde der Hannoverschen Landeskirche. Und fand ihn dort auch in dem Jugendpastor, bei dem sie in Seelsorge ging.

Anfangs hatte ich das Gefühl, da kann ich vertrauen. Ich bin sicher.

Nancy Janz, Betroffene

In seiner Familie fand sie Anschluss, nach und nach verbrachten sie mehr Zeit miteinander.

Irgendwann gab es den Übergang und da war es anders. Und für mich war es damals überhaupt nicht begreifbar, was denn jetzt anders war. Ich war es gewohnt: Ich bekomme hier etwas Gutes, also ist es vollkommen selbstverständlich, dass ich es aushalte. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich sexuell missbraucht wurde, weil ich es nicht anders kannte und es eher normal war, auf diese Art zu bezahlen.

Nancy Janz, Betroffene

Erst Jahre später konnte Janz klar benennen, was vorgefallen ist. Vier Jahre lang ging ihr Missbrauch, ihr Täter habe sich ihr Schweigen erkauft und sie an seine Familie gebunden, indem er sie zur Patentante seiner zweiten Tochter gemacht hat. Viele Jahre fühlte Janz sich verantwortlich dafür, den Missbrauch nicht öffentlich zu machen. Der Grund: Sie wollte ihrer Patentochter nicht antun, was sie erlebt hatte. Nämlich in einer Familie groß werden, die nicht funktionierte, nicht stabil war.

Unterstützung für Janz war nur unzureichend

Erst durch einen Antrag von Anerkennungsleistungen und der Anzeige der Tat bei der Hannoverschen Landeskirche erfuhr auch ihr Patenkind von dem Missbrauch und es kam zum Bruch. Die Frau ihres Täters sagte damals, er sei geläutert und habe "es mit Gott ausgemacht."

Auch Unterstützung aus der Hannoverschen Landeskirche hat Janz nur bedingt erhalten. Dort musste sie Juristen erleben, die in einem Telefonat mit ihr anfingen zu weinen und eine Beauftragte für sexualisierte Gewalt, die zugab, überfordert und nicht geschult zu sein.

Das ist ein absolutes No-Go und so kann es auf keinen Fall gehen. Wenn ich da an meine Klienten und Klientinnen denke und an Betroffene, dann kann ich keinem empfehlen, sich zu melden.

Nancy Janz, Betroffene

Damit Betroffene künftig nicht mehr solche Erfahrungen machen müssen wie Nancy Janz, wollte die Evangelische Kirche Deutschland einen Betroffenenbeirat einberufen. Aktuell ist dieser ausgesetzt, weil die Rahmenbedingungen den Betroffenen zufolge nicht gut genug vorgegeben waren.

Betroffenenbeirat der EKD erst einmal ausgesetzt

Nancy Janz, ursprüngliches Mitglied des Betroffenenbeirates, spricht während der EKD-Synode 2021.
Nancy Janz, ursprüngliches Mitglied des Betroffenenbeirates, sprach auf der EKD-Synode darüber, wie die Evangelische Kirche aus der Sicht der Betroffenen künftig mit ihnen zusammenarbeiten sollte. Bild: DPA | Sina Schuldt

In welchem Umfang sollen Betroffene an Entscheidungen beteiligt sein? Wie soll damit umgegangen werden, dass die Evangelische Kirche als Täterorganisation den Betroffenenbeirat ins Leben ruft? Alles Fragen, die noch zu klären seien. Jetzt gibt es eine externe Beraterin, mit der das geschehen soll. Auf der Synode wurde über die Konflikte gesprochen und die Betroffenen machten ihre Kritikpunkte an der Aufklärung deutlich.

Nancy Janz war Teil des Betroffenenbeirats, offiziell ist sie jetzt Teil der Interessengemeinschaft, die weiter an den Themen arbeitet, die die EKD den Betroffenen gegeben hat. Aber was tut die Bremische Evangelische Kirche konkret gegen sexualisierte Gewalt? Und wie geht die katholische Kirche in und um Bremen mit dem Thema um? Wie können Kinder geschützt werden und wie kann Prävention gelingen?

So wird an Aufarbeitung und Prävention gearbeitet

Für die Bremische Evangelische Kirche ist Jutta Schmidt die Ansprechpartnerin für Betroffene von sexualisierter Gewalt. In Bremen gibt es nur wenige bekannte Fälle – es seien zwei, die mit den Betroffenen laut Schmidt individuell aufgearbeitet wurden. Beides seien Fälle, in denen der Missbrauch schon viele Jahre zurückliegt.

Gebe es heute einen konkreten Verdacht, übergebe die Bremische Evangelische Kirche die Fälle an die Staatsanwaltschaft. "Wir ermitteln nicht selbst", so Schmidt.

Oberstes Ziel für Schmidt ist es, sexualisierte Gewalt besprechbar zu machen. Und das nicht nur auf der oberen Leitungsebene der Kirche, sondern vor allem in den Gemeinden. Die Kirche müsse sich fragen, inwieweit sie Strukturen biete, die für Täter begünstigend seien. Besonders die Reformpädagogik, die in der evangelischen Kirche ihrer Meinung nach auch zu Recht so einen wichtigen Stellenwert habe, müsse dabei genau betrachtet werden. Oft seien Täter charismatische und sehr anerkannte Mitglieder ihrer Gemeinde, betonen sowohl Schmidt als auch Janz.

Wo ziehen wir die Grenze? Ist es in Ordnung, wenn der Jugendpastor am Lagerfeuer mit seinen Konfirmanden über seine ersten sexuellen Erfahrungen spricht? Natürlich nicht!

Jutta Schmidt, Beauftragte für sexualisierte Gewalt der Bremischen Evangelischen Kirche

Heute würde die Kirche auf Schulung und Sensibilisieren achten. Wo gibt es Machtgefälle und wo Situationen, die Alarmglocken klingeln lassen? Bei einem Verdacht gelte das Vier-Augen-Prinzip. Menschen, die Situationen beobachten und dabei ein komisches Gefühl bekommen, sollten sich immer Beratung holen und darüber sprechen. Außerdem sei die Dokumentation wichtig, auch wenn es nur ein paar Stichpunkte seien.

Und vor allem müssen wir vertrauen schenken und Betroffenen oder auch Kindern, die Geschichten erzählen, zuhören.

Jutta Schmidt, Beauftragte für sexualisierte Gewalt der Bremischen Evangelischen Kirche

Dem stimmt auch Kathrin Moosdorf zu. Sie ist die Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Bremen, der viele Schulungen zum Thema sexualisierte Gewalt gibt, aber auch direkt mit Betroffenen und Angehörigen arbeitet. "Sexualisierte Gewalt findet in allen gesellschaftlichen Schichten statt, in Sportvereinen, dem familiären Umfeld, Schulen, der Kirche und und und – und dafür müssen wir sensibilisiert sein, um Anzeichen zu erkennen", sagt sie.

Der Erfahrung des Kinderschutzbunds zufolge finden die meisten Taten im nahen Umfeld statt. Doch auch Institutionen müssten sich damit auseinandersetzen, wo ihre Strukturen Missbrauch ermöglichen. Es müsse Schutzpläne und Angebote für Kinder geben, sich zu melden. "Kinder müssen ernst und mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden. Ihnen muss vertraut werden", betont auch Moosdorf.

"Forums-Studie" lässt Hoffnung aufkommen

Einen Schritt, um das mutmaßlich große Dunkelfeld beim Thema sexualisierte Gewalt zu erleuchten, den die Evangelische Kirche und auch die Bremische Evangelische Kirche geht, ist die Studie Forum. Sie ist auf drei Jahre angelegt und Schmidt setzt die Hoffnung darauf, dass sie einige blinde Flecken wird füllen können.

Janz sieht das ganz ähnlich. Teil der Studie sind auch anonymisierte Online-Befragungen und sie hofft, dass es Betroffenen dadurch leichter gemacht wird, sich zu melden. Auch wenn Janz aktuell nicht mehr Mitglied in dem Betroffenenbeirat der EKD ist, wird sie sich weiterhin für Betroffene einsetzen. Sowohl in ihrer Praxis in Bremen, als auch in der Kirche.

Wie ein Bremer einen Ort für Kritik an der katholischen Kirche schafft

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Lina Brunnée Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 8. November 2021, 17:38 Uhr