Krisen oder Suizidgedanken: Diese Hilfsangebote gibt es in Bremen

Die Zahl der Suizide hat in Bremen einen neuen Höchststand erreicht. Für die Bremer Psychotherapeutenkammer hängt das auch mit der Corona-Pandemie zusammen.

Video vom 17. Februar 2021
Mann lehnt sich an ein Fenster und schaut raus (Symbolbild)
Bild: Imago | Thomas Eisenhuth
Bild: Imago | Thomas Eisenhuth

Die Zahl der Suizide ist in der Stadt Bremen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019 um 28 Fälle angestiegen. Mit 90 vollendeten Suiziden erreicht Bremen damit einen neuen Höchststand. Nach Angaben der Bremer Polizei gab es 2019 in der Stadt Bremen 62 Suizide, 2018 waren es 80. In Bremerhaven waren es 2019 und 2020 jeweils 20 Fälle, 2018 gab es 17 vollendete Suizide. Inwiefern die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie in einem direkten Zusammenhang zu den gestiegen Zahlen stehen, ist laut Bremer Polizei unklar.

Die Bremer Psychotherapeutenkammer kann dagegen Bezüge erkennen. Corona bringe gewisse Faktoren mit sich, wie zum Beispiel Vereinsamung durch Isolation, so Psychotherapeut Christoph Sülz. Einsamkeit sei auch ein wesentlicher Faktor für suizidales Erleben und Suizide. Als zweiten Punkt nennt Sülz chronische Belastungen, die Corona ebenfalls mitbringe. "Das wäre ein zweiter Faktor, der dafür sprechen könnte, dass Corona einen Einfluss auf Suizidraten haben könnte", sagt Sülz.

Wenige Plätze, viele Anfragen

Besonders bedrohlich werde es immer dann, wenn eine Perspektivlosigkeit entstehe und sich diese mit einer Impulsivität verbinde, so der Psychotherapeut. Er sorgt sich besonders um Menschen, die sich bisher in keinem Netzwerk für Hilfe und Beratungen befinden.

Wir sehen jetzt nach fast einem Jahr Corona-Pandemie, dass selbst die Leute, die sehr fit sind, die gut darin waren, sich aufzustellen und die Ressourcen hatten, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen. Das merken wir an den vermehrten Anfragen in unseren Praxen und sehen: Da ist eine Grenze erreicht, was ich aushalten kann.

Christoph Sülz, Psychotherapeut

Eine Umfrage unter Psychotherapeuten hat ergeben, dass sie seit der Corona-Pandemie über 40 Prozent mehr Anfragen in den Praxen erhalten. Auch in Bremen sei der Therapiebedarf seit Oktober 2020 sehr hoch, bestätigt Sülz. Es sei gut, dass sich Menschen Hilfe in der Psychotherapie suchen. "Problematisch wird es dann nur, wenn das System nicht genug Psychotherapie vorhalten kann und das erleben wir gerade", sagt Sülz. Laut der Umfrage unter rund 5.000 deutschen Psychotherapeuten bekommt nur jede vierte Anfrage bei den Praxen auch einen Termin für ein erstes Gespräch.

Anonyme Hilfe per Telefon, E-Mail, Chat oder App

Auch die Bremer Telefonseelsorge kann laut Leiter Peter Brockmann in ihrer Arbeit einen Unterschied zu den Zeiten vor der Corona-Pandemie feststellen: Es gab 22,5 Prozent mehr Anrufe in 2020 im Vergleich zu 2019 und auch die Art der Anfragen habe sich geändert. "Angststörungen und Depressivität bis hin zu Suizidalität erleben die Kolleginnen und Kollegen derzeit in der Tat in einer Intensität, die neu für uns ist", so Brockmann. Mit ihren rund 70 Ehrenamtlern ist die Bremer Telefonseelsorge eine wichtige – aber nicht die einzige – Anlaufstelle für Menschen, die Hilfe benötigen und anonym über ihre Situation, ihre Ängste, Sorgen oder Probleme sprechen möchten.

1 Allgemeine Telefonseelsorge

Die bundesweite Telefonseelsorge ist unter 0800 1110111 erreichbar – rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr. Unter 0800 1110222 erreicht man die katholische Seelsorge. Die Beratung ist kostenlos und anonym. Für alle, die sich besser in Worten ausdrücken können gibt es die Option einer E-Mail-Beratung oder per Direktnachricht in einem Chat unter Kontakt aufzunehmen. Wichtig sind hierfür lediglich eine funktionierende E-Mail-Adresse und eine anonyme Anmeldung für die Online-Seelsorge.

2 Hilfe per App: Der Krisenkompass

Die App "Krisenkompass" ist ein weitere Angebot der Allgemeinen Telefonseelsorge. Auf dem Tablet oder Smartphone hat man so die Hilfe immer griffbereit. Dieser sogenannte Notfallkoffer für die Hosentasche richtet sich an Menschen in einer suizidalen Krise oder deren Angehörige, Kolleginnen und Kollegen oder Freunde, die unterstützen möchten. Die App bietet auch Hilfe für Angehörige, die eine Person durch Suizid verloren haben oder Menschen, die sich in Notfallsituationen befinden. Im Krisenkompass gibt es diverse Funktionen, die über schlechte Momente hinweghelfen, zum Beispiel persönliche Archive, in denen bestimmte Fotos oder Lieder gespeichert sind oder eine Tagebuchfunktion.

3 Sozialpsychiatrischer Dienst

Die Sozialpsychiatrischen Dienste der Gesundheitsämter in Bremen und Bremerhaven beraten bei psychischen Krisen oder psychiatrischen Erkrankungen. Die Beratungsstellen des Sozialpsychatrischen Dienstes in Bremen sind in Süd, Mitte, West, Ost und Nord aufgeteilt. Online finden Sie alle Informationen zu den jeweiligen Telefonnummern und Sprechzeiten.Die Beratungen richten sich an Erwachsene, die sind vertraulich, unterliegen der Schweigepflicht und können auch anonym geführt werden. Betroffene finden hier auch Informationen zu anderen Hilfesystemen und weiteren möglichen Anlaufstellen. Der Sozialpsychatrische Dienst in Bremerhaven ist unter der Telefonnummer 0471 590 2655 erreichbar.

4 Kriseninterventionsdienst (KID)

Hilfe bei akuten Krisen und Notfällen bekommen Betroffene beim Kriseninterventionsdienst unter der Telefonnummer 0421 80058233. Der Kriseninterventionsdienst ist außerhalb der Sprechzeiten des Sozialpsychiatrischen Dienstes erreichbar.

5 Bremische Evangelische Kirche

Die Bremer Telefonseelsorge ist unter der allgemeinen Telefonnummer 0800 1110111 erreichbar. Sorgen oder Probleme können Hilfesuchende außerdem hier per E-Mail oder per Chat mitteilen.

6 Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien

Die Erziehungsberatungsstellen des Amtes für Soziale Dienste bietet in verschiedenen Bremer Stadtteilen Beratungen zu Themen wie Eltern-Kind-Konflikten, traumatischen Erlebnissen, Krankheiten, Tod, Trauer, Gewalt und vielen anderen.

7 Hilfe für Kinder und Jugendliche

KIPSY ist die Kinder- und Jugendpsychiatrische Beratungsstelle und Institutsambulanz und bietet Hilfe bei Krisen und Beratung und Unterstützung an bei allen kinder- und jugendpsychiatrischen Krankheitsbildern.

8 Hilfe – auch mitten in der Nacht

Bei Nachtwerk-Bremen finden Betroffene ab 21 Uhr unter der Telefonnummer 0421 95700310 Hilfe. Alle Informationen zu Krisenberatung, Seelsorge oder der Organisation eines sogenannten Krisenbettes gibt es online oder telefonisch.

9 Nummer gegen Kummer: Für Groß und Klein

Auch die "Nummer gegen Kummer" hilft in akuten Krisen. Das Elterntelefon ist unter der Telefonnummer 0800 1110550 erreichbar, Kinder und Jugendliche können die 0800 116 111 wählen.

Diese Hilfen gibt es bei akuten Krisen und Suizid-Gedanken

Video vom 17. Februar 2021
Martin Lison, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Februar 2021, 19:30 Uhr