Interview

Über Bremerhaven in die Ostsee gegen Geisternetze und Überfischung

Neues Sea Shepherd-Schiff in Bremerhaven zu Wasser gelassen

Bild: DPA | MAXPPP | Thomas Bregardis

Seit Jahrzehnten kämpft Sea Shepherd für die Meere. Die Umweltschützer haben für die nächste Mission ein neues Schiff. Das will Sea-Shepherd-Chef Abraas erst mal kennenlernen.

Mit großer Aufregung haben Manuel Abraas und sein Team der Ankunft des neuen Kampagnen-Schiffs in Bremerhaven entgegengefiebert. In dieser Woche war es dann soweit: Das ehemalige Polizeiboot aus Gibraltar wurde von einem Transportschiff ins Hafenbecken gehoben. Das neue Schiff hat zwar noch keinen Namen, soll aber ein entscheidender Baustein für die kommende Sea-Shepherd-Mission in der Ostsee sein. Von Mai bis Ende September 2022 wollen die Umweltschützer entlang der Küste auf Missstände aufmerksam machen – und stellen sich auf Konflikte und Konfrontationen ein.

Herr Abraas, wie sehnsüchtig haben Sie ihr neues Schiff in Bremerhaven erwartet?
Das Schiff war insgesamt neun Tage unterwegs. Als es in Bremerhaven ankam, war ich wirklich sehr, sehr nervös. Es war aber eine positive Anspannung, dass das, woran wir so lange gearbeitet haben, nun wirklich wahr wird. Das war einfach toll.
Warum brauchten Sie ein neues Schiff und woher kommt es?
Wir haben bei unserer letzten Kampagne gemerkt, dass wir für künftige Aktionen einfach etwas Größeres brauchen. Wir haben uns dann verschiedene Schiffe angeschaut, zum Beispiel in den Niederlanden oder in der Nähe von Rostock. Fündig geworden sind wir letztlich in Gibraltar und haben dort das ehemalige Polizei-Schiff gekauft.
Derzeit liegt das neue Schiff in Bremerhaven. Aus welchem Grund und wie lange bleibt es dort?
Wir müssen das Schiff jetzt erstmal kennenlernen. Es bleibt solange in Bremerhaven, bis sich unsere Mannschaft darauf sicher fühlt. Ich habe die Hoffnung, in den nächsten zehn bis 14 Tagen nach Bremen zu fahren, um dort die letzten Arbeiten durchzuführen. Ende Mai, beziehungsweise Anfang Juni wollen wir dann in der Ostsee aktiv werden.
Das neue Schiff der Flotte Sea-Shepherd Deutschland wird zu Wasser gelassen
Einen Namen hat das neue Schiff noch nicht und auch der für Sea Shepherd typische graue Anstrich fehlt noch. Bild: Sea-Shepherd Deutschland
Worum geht es bei der Kampagne in der Ostsee genau?
Die Ostsee ist eines der bedrohtesten Meere der Welt. Das wissen die meisten Menschen nicht. Gerade in Deutschland nehmen viele die Ostsee rein als "Sonne, Strand, Meer" wahr. Wenn man aber genauer hinschaut, stellt man fest, dass jedes Jahr bis zu 10.000 Netze sowie Teile davon verloren gehen. Als sogenannte Geisternetze bleiben sie an Riffen oder Schiffswracks hängen, Seevögel und Fische verenden darin. Es gibt viele Schutzgebiete in der Ostsee, die aber im Grunde ihren Namen nicht wert sind. Obwohl es Schutzgebiete sind, findet dort Berufsfischerei statt oder es wird Sand abgebaut. Ein weiteres Problem: Durch intensive Landwirtschaft gibt es einen sehr hohen Eintrag von Giftstoffen. Die Ostsee hat nur einen sehr geringen Austausch mit der Nordsee und kann das deswegen nur sehr schwer verkraften. Um all das in den Fokus und die Öffentlichkeit zu bringen, um auch Druck auf die Landes- und Bundesregierung auszuüben, damit sich diese Zustände ändern, darum sind wir da und darum geht es in der Kampagne.
Wo genau in der Ostsee wollen Sie auf Missstände hinweisen?
Wir wollen möglichst die gesamte deutsche Ostseeküste abdecken. Wir haben insgesamt vier Standorte, zwischen denen wir uns während der Kampagne bewegen. Wir recherchieren, wo genau sich Geisternetze befinden. Hier helfen uns andere Organisationen aber wir kenne auch die genauen Positionen von Wracks, an denen sich Netze oft verhängen. Gleichzeitig kontrollieren wir die verschiedenen Schutzgebiete um zu sehen, was dort wirklich stattfindet. Wie sieht die Fischerei aus? Wird sich an Gesetze gehalten?
Finden solche Kontrollen denn nicht schon längst statt?
Man muss wissen: Die zuständigen Behörden haben nur die Möglichkeit, stichprobenartig zu kontrollieren, weil sie nicht entsprechend ausgerüstet sind. Die Fischer, egal ob deutsche, polnische oder dänische Fischer, ziehen da einfach durch, ohne eine Konsequenz fürchten zu müssen. Die Politik setzt gerne auf Freiwilligkeit, ist mit dem Fischereiverband im Gespräch oder mit den einzelnen Fischern. Aber das funktioniert nicht. Es wird Gesetzte, Richtlinien und entsprechende Strafen brauchen. Wenn nicht, werden wir irgendwann das Dilemma haben, dass gewisse Arten ausgestorben sind.
Welche Tierarten sind in der Ostsee denn besonders gefährdet?
In der zentralen Ostsee ist es zum Beispiel der Schweinswal. Dort gibt es nur noch eine Population von ungefähr 460 Tieren. Es waren mal 5.500 Tiere. Experten sagen, dass von dieser Population pro Jahr maximal zwei Tiere als Beifang verenden dürfen. Ansonsten wird die Population nicht überleben. Doch all diese Zahlen sind einige Jahre alt. Man verpasst hier wirklich einzuschreiten.
Was ist bei einer solchen Kampagne für sie zu beachten – auch rein rechtlich?
Wir versuchen immer zu kooperieren. Wir wollen natürlich keine Konkurrenz für die Behörden sein, wir sehen uns als Ergänzung. Wenn wir Dinge sehen, die so nicht in Ordnung sind, melden wir sie der örtlichen Wasserschutzpolizei. Wenn wir zum Beispiel Netze finden, die an einer bestimmten Stelle nicht sein dürfen, entfernen wir sie in Absprache mit der Wasserschutzpolizei. Zusätzlich braucht man vom Wasserschifffahrtsamt eine Erlaubnis, in der Ostsee arbeiten zu dürfen. Außerdem sind wir mit dem Denkmalschutz im Gespräch, denn manche Wracks sind tatsächlich geschützt. Aus diesem Grund dürfen wir nicht an allen Wracks tauchen.
Auf welche Konflikte und Konfrontationen stellen Sie sich ein?
Natürlich gibt es Menschen, die uns nicht mögen. Oftmals findet man diese auf der Seite der Fischer, die das Gefühl haben, dass wir ihr Business zerstören. Wir aber wollen ja langfristig für Erhalt sorgen. Wenn wir auf der Ostsee Fischer treffen und sehen, dass sie dort etwas Illegales tun, dokumentieren wir das und informieren die zuständigen Behörden. Wir versuchen auch, ins Gespräch zu kommen. Das ist manchmal erfolgreich, manchmal auch nicht. Wir werden aber ganz sicher nicht auf eigene Faust einen Fischer blockieren oder an seiner Arbeit hindern.
Das war bei vergangen Kampagnen anders. Es existieren Aufnahmen, die zeigen, wie Sea-Shepherd-Schiffe Fischerei-Boote gezielt rammen.
Das stimmt. Wir haben eine Vergangenheit, zu der stehen wir auch. Das ist aber lange her und unsere Strategie hat sich mittlerweile verändert.
Findet die kommende Ostsee-Kampagne ausschließlich auf dem Wasser statt?
Nein. Es gibt auch eine Land-Crew, die in Wohnwagen entlang der Küste von Camp zu Camp zieht. Sie organisieren zum Beispiel Müllsammel-Aktionen am Strand oder kümmern sich um Einkäufe. Auch bei der Kieler Woche wollen wir Präsenz zeigen.
Wie sehr glauben Sie daran, dass die Aktion wirklich etwas bewirken kann?
Ich bin optimistisch. Das Thema Umweltschutz geht uns alle an und birgt ein riesiges Gefahrenpotenzial, wenn wir uns nicht kümmern. Das muss man den Leuten klar machen. Inwieweit wir die Politik erreichen können, wird sich zeigen. Im Grunde wäre es gar nicht so schwer, das Geisternetz-Problem zu beheben, zum Beispiel per GPS-Tracker. Ein Fischer, der mit fünf Netzen an Bord rausfährt und abends mit nur vier Netzen zurückkommt, könnte feststellen lassen, wo genau sich das fünfte Netz befindet. Man könnte es einfach orten und wieder herausholen. Oftmals ist man aber nicht gewillt, Geld dafür auszugeben.
Manche Kritiker könnten die Aktion auch als reine PR-Kampagne und "Tropfen auf den heißen Stein" bewerten. Welche Argumente entgegnen Sie dem?
Sea Shepherd gibt es jetzt seit 45 Jahren. Seitdem halten wir den Finger in die Wunde, damit die Leute aufhorchen. Wir sind davon abhängig, dass es den Meeren gut geht. Ohne sie könnten wir Menschen nicht überleben. Jeder zweite Atemzug wird von den Meeren produziert. Sie sind für unser Klima und unser Wetter zuständig und sie speichern große Mengen an CO2. Natürlich kann uns jemand sagen: Das, was ihr macht, reicht nicht aus. Dann sage ich: Klar, es könnte auch zehn Mal mehr Sea Shepherds auf der Welt geben. Ich denke, jeder einzelne kann für eine Veränderung sorgen.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. April 2022, 19:30 Uhr