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Darum ist der Bau der Bremerhavener Columbuskaje für Wale gefährlich

Ein Schweinswal schwimmt im Wasser.

Darum ist der Bau der Bremerhavener Columbuskaje für Wale gefährlich

Bild: DPA | blickwinkel/McPHOTO/W. Rolfes

Der Lärm der Bauarbeiten kann für Schweinswale lebensgefährlich sein. Das Teil, das sie retten soll, ist klein, gelb und kann die Melodie von "Tom und Jerry" spielen.

Mit einer Schlagkraft von bis zu 28 Tonnen rammt ein riesiger Hydraulikhammer Pfähle in den Boden – und das bis zu dreieinhalb Stunden pro Tag. Hier am Columbus-Cruise-Center in Bremerhaven entsteht die neue Columbuskaje, an der bald noch größere Kreuzfahrtschiffe liegen können. Nicht nur die Bremerhavenerinnen und Bremerhavener hören die dröhnenden Rammgeräusche, auch für die Tiere unter Wasser wird es laut. Für die ohnehin bedrohten Schweinswale ist der Lärm besonders gefährlich.

Warum sind die Schweinswale in Bremerhaven in Gefahr?
Ähnlich wie Fledermäuse nutzen Schweinswale ein spezielles Biosonar, um sich über diese Echoortung ein akustisches Bild von ihrer Umgebung zu machen. Laut dem Naturschutzbund (NABU) produzieren sie mit ihren sogenannten "phonischen Lippen" Klicklaute und geben diese als Schallwellen ins Wasser ab. Die reflektierenden Wellen nehmen die Tiere über den Unterkiefer auf, im Innenohr werden die Wellen registriert und schließlich im Gehirn verarbeitet.

Unterwasserlärm beeinträchtigt ihr Hörvermögen massiv. Die Tiere können dann schlechter Nahrung finden, untereinander kommunizieren und eben auch Gefahren wie der Baustelle an der Columbuskaje ausweichen.
Auf einem Tisch liegt ein gelbes, längliches Gerät mit einer schwarzen Spitze. Darauf ist ein Bild eines Wales zu erkennen.
Pinger heißen die Geräte, die Wale abhalten sollen. Bild: Radio Bremen | Sina Derezynski
Wie werden die Schweinswale vor der Gefahr geschützt?
Um sie von den gefährlichen Rammarbeiten fernzuhalten, werden kleine akustische Vergrämungsgeräte, sogenannte Pinger, installiert, die schon vor Beginn der Arbeiten ein Störsignal senden, damit die Wale erst gar nicht in die Nähe der Baustelle kommen. Normalerweise werden diese Geräte in der Fischerei benutzt, um zum Beispiel Delfine oder andere Meeressäuger von den Netzen fernzuhalten. In Bremerhaven sind die Pinger, die extra in Italien bestellt wurden, zum ersten Mal im Einsatz. Die rund 25 Zentimeter großen Geräte haben laut Hafengesellschaft Bremenports eine Reichweite von rund 300 Metern.

"Akustische Vergrämungsmaßnahmen" sind im Planfeststellungsbeschluss für die Erneuerung der Columbuskaje in Bremerhaven festgehalten worden: 30 Minuten vor dem jeweiligen Rammbeginn muss ein Pinger oder ein ähnliches Gerät in Betrieb genommen werden und durchgehend bis zum Ende der jeweiligen Rammmaßnahme eingeschaltet bleiben.
Ein Mann mit Schutzkleidung und Helm steht an einem Bauzaun.
Bauleiter Philip Diekmann testet die Funktion der Pinger regelmäßig an Land. Bild: Radio Bremen | Sina Derezynski
Nachdem Bauleiter Philip Diekmann das Gerät auf Funktionstüchtigkeit überprüft hat, werden die Pinger an den Pontons im Wasser angebracht. Fun Fact: Wird die Funktion der Pinger an Land getestet, wird bei Funktionstüchtigkeit das Lied "The Entertainer" von Scott Joplin abgespielt, das vielen wohl aus der Zeichentrick-Serie "Tom und Jerry" bekannt sein dürfte.

Zehn Minuten vor dem Start muss außerdem mit einem langsamen "Anrammen" begonnen werden, um nicht vergrämte Schweinswale, aber auch andere Tiere wie Seehunde, Fische oder Vögel, sanft zu vertreiben.

Wir haben unten zwei Pole. Sobald die das Wasser berühren, entsteht ein elektrischer Impuls und dann weiß das Gerät, es ist im Wasser und kann anfangen, diese Wellen abzugeben, die die Tiere dann abhalten.

Philip Diekmann, Bauleiter
Ist es normal, dass Schweinswale in der Weser schwimmen?
Der natürliche Lebensraum der Schweinswale ist das Meer, sagt Denise Wenger, Biologin beim Schweinswale e.V.. Dauerhaft in der Weser leben könnten Schweinswale nicht, denn es gebe zu wenig Fisch, außerdem sei die Wasserqualität zu schlecht. Aber es sei normal, dass hier immer wieder Schweinswale auftauchen. Sie folgen laut der Biologin ihren Beutetieren wie etwa dem Stint. Sie verirren sich also nicht in die Weser, sondern schwimmen gezielt hinein. Gesichtet werden sie allerdings selten, sagt Sönke Hofmann vom Bremer NABU. Viele Wale würden sich nur kurz in der Weser aufhalten, zudem seien sie im trüben Wasser nur schwer zu erkennen.
Blick auf eine braune Wand, die am Ufer steht. Ringsherum stehen mehrere Kräne.
Hier entsteht die neue Columbuskaje. Bild: Radio Bremen | Sina Derezynski
Wie viele Wale kommen in der Weser vor?
Der Schweinswal ist der einzige in deutschen Gewässern heimische Wal. Wie viele Schweinswale momentan in der Weser vor Bremerhaven leben, ist laut Bremenports-Projektleiterin Sabrina Müller schwer zu sagen: "Genaue Werte gibt es nicht. Man schätzt, dass es etwa 500 Exemplare sind", sagt sie. Aber die Zahl variiere.
In der deutschen Nordsee sinkt der Bestand der Schweinswale kontinuierlich. Zwischen 2002 und 2019 ging er im Durchschnitt um etwa 1,8 Prozent pro Jahr zurück. Das ergab eine Studie, an der die Tierärztliche Hochschule Hannover und die Universität Hamburg beteiligt waren. 2019 lebten in der deutschen Nordsee demnach nur noch rund 23.000 Schweinswale.
Ist Lärm die einzige Gefahr für die Schweinswale?
Gefährlich werden können den Tieren auch große Containerschiffe, die viel Wasser verdrängen. So kann es passieren, dass ein Wal ans Ufer geschwemmt wird. Außerdem ist die Wasserqualität in der Weser laut Wenger schlecht. Bei Regen würden mit Bakterien und Viren belastete Gülle sowie Pestizide ins Wasser gelangen. Dadurch könne es zu Hautkrankheiten bei den Walen kommen. Lärm sei aber die größte Gefahrenquelle. So komme es auch immer wieder dazu, dass Schweinswale bei Lärm auftauchen, um sich zu orientieren, und dann von Schiffsschrauben verletzt oder sogar getötet werden.

Darum schwimmen jetzt wieder Schweinswale in der Weser

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 10. Februar 2022, 10:40 Uhr