Interview

Großübung in Bremen: Wie Schwerverletzte im Schockraum überleben

Bild: DPA | Markus Scholz

Das Rotes-Kreuz-Krankenhaus in Bremen führt eine Übung im Schockraum durch. Was ist das überhaupt für ein Raum – und kann man den Ernstfall wirklich trainieren?

Bei einem medizinischen Notfall geht es oft um Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Solchen Situationen sind Ärzte in Krankenhäusern täglich ausgesetzt. Und das muss auch immer wieder geübt werden. Wir haben mit dem Chefarzt der Unfallchirurgie Dr. Dirk Hadler gesprochen. Er organisiert die Workshops für Assistenzärzte am Roten Kreuz Krankenhaus Bremen – unter anderem die Übung im Schockraum.

Herr Hadler, bei dem Wort Schockraum denkt man vielleicht an ein Horrorkabinett oder etwas anderes Schockierendes. Was ist das denn überhaupt?
So nennen wir bestimmte Räume in Krankenhäusern für Schwerverletzte. Unfallverletzte werden ja außerhalb des Krankenhauses schon triagiert, also eingeteilt nach der vermuteten Schwere der Verletzung. Notarzt oder Rettungssanitäter schätzen das ein und geben die Information weiter, um zu sehen, wo ein freies Bett oder eben ein Schockraum ist. Hier kommen die Patienten mit besonders schweren Verletzungen hin. Denn in diesen Räumen sind dann die notwendigen Fachärzte vor Ort und können innerhalb von Minuten eine Diagnose stellen und die ersten lebensrettenden Maßnahmen durchführen.
Und wieso heißt es "Schockraum"?
Bei dem Wort "Schock" handelt es sich um einen medizinischen Begriff. Wenn Patienten eine massive Blutung haben, kommen sie mit ihrem Kreislauf in einen "Schock". Der Körper führt nur noch die minimalen Lebensfunktionen aus und durchblutet nur noch die Bereiche, die besonders wichtig sind, wie Hirn oder Herz.
Was für Verletzungen wären das?
Das können beispielsweise schwere Extremitätenverletzungen sein, also Oberschenkelbrüche oder Beckenfrakturen, aber auch Blutungen innerhalb des Bauchraumes, Messerstichverletzungen, Schussverletzungen, Querschnittslähmungen – alles Lebensbedrohliche also. Im Jahr haben wir wohl ungefähr zwischen 50 und 70 Schockraumeinsätze. Manchmal wird auch auf Grund des Unfalls entschieden, dass der Patient erstmal in einen Schockraum kommt. Also zum Beispiel bei einem Sturz aus über drei Meter Höhe oder bei einem Autounfall, bei dem die Autos massiv demoliert sind. Denn oft ist am Unfallort selbst noch nicht klar, was überhaupt für Verletzungen vorliegen. Wir nutzen im Krankenhaus den Schockraum aber nicht nur für Unfallopfer. Sondern auch bei einem Herzinfarkt zum Beispiel. Und generell bei lebensbedrohlichen Situationen, bei denen im besten Fall mehrere Fachdisziplinen zusammenarbeiten.
Und was ist in so einem Schockraum vorhanden, um solchen Patienten schnell helfen zu können?
Von der Ausstattung her gibt es natürlich eine Trage und Material zur Erstversorgung, aber auch ein Beatmungsgerät oder ein Durchleuchtungsgerät, um grobe Fehlstellungen zum Beispiel bei Brüchen erkennen zu können. Außerdem sind verschiedene Fachrichtungen vor Ort. In der Regel immer Unfallchirurgen, dann sind da die Narkoseärzte, also Anästhesisten, verschiedenes Pflegepersonal Anästhesieschwestern und je nach Schwere der Verletzung kommen dann zum Beispiel Bauchchirurgen oder Gefäßschiurgen dazu.
Die Rettung der Patienten muss ja innerhalb weniger Minuten geschehen, wie übt man denn sowas überhaupt?
Das sind bestimmte Abläufe, die trainiert werden müssen. Es gibt festgelegte Schemata, wie man mit solchen Schockraumpatienten umgeht. Denn das sind Patienten, bei denen man nicht viel Zeit hat. Da kann man nicht lange rumreden. Man muss in kurzer Zeit die wichtigsten Verletzungen erkennen und die wichtigsten Maßnahmen einleiten. Da müssen alle Hand in Hand arbeiten und jeder muss wissen, was er zu tun hat. Normalerweise machen wir so ein Training mit Assistenzärzten einmal im Jahr. So ein Workshop dauert dann circa eine Stunde. In der Zeit kommen drei geschminkte Statisten als Patienten rein. Mit einigen Infos, die normalerweise vom Unfallort kämen, müssen die Teilnehmer dann innerhalb von zehn bis 15 Minuten die wesentlichen Sachen erkennen und die richtigen Therapien einleiten. Danach besprechen wir das Ganze.
Das heißt, auch der Stress der Situationen wird simuliert.
Ja, man muss unter Stress als Team gut funktionieren können. Das ist ja das, was bei echten Unfallverletzen auch zählt. Wenn man in so einer Situation selber hektisch wird, nützt das keinem was. Der Spielleiter wird in den zehn oder 15 Minuten auch immer wieder weitere Infos einwerfen, zum Beispiel, dass sich die Situation verschlechtert, dass die Atmung schlechter wird und so weiter. Es wird also sehr realitätsnah nachgespielt und man fühlt sich deshalb danach wirklich gut vorbereitet. So geht man dann deutlich sicherer in solche Situationen rein. Die Übungstage machen aber den meisten auch Spaß, weil man gut als Team zusammenfindet.
Wie hat sich denn die Medizin im Bereich Schockraum entwickelt?
Es hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren vieles deutlich verbessert. Ich arbeite jetzt 35 Jahre. Früher gab es zwar auch Schockräume, aber das lief viel unkoordinierter ab. Mittlerweile läuft es eben nach diesen festgelegten Schemata ab, die alle vor Ort kennen und das hat schon sehr vielen Patienten das Leben gerettet. Wichtig ist aber eben die Übung, gerade wenn man nicht, wie in anderen Krankenhäusern, täglich mit Schwerverletzten zu tun hat.

Mehr zum Thema:

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Mai 2022, 19:30