Beginnt in Bremerhaven die Zukunft der Schifffahrt?

Das Schiff REM Energy fährt zwischen Windkraftanlagen in der Nordsee
Könnte künftig mit Strom aus Windkraft fahren: das Spezialschiff REM Energy.

Spezialschiff soll mit Windenergie und Wasserstoff fahren

Bild: Siemens Gamesa | Ulrich Wirrwa

Die Schifffahrt produziert jedes Jahr mehr CO2-Emissionen als ganz Deutschland. Doch es gibt Bemühungen, das zu ändern. Zum Beispiel in Bremerhaven.

Es ist warm und laut im Maschinenraum, die Dieselgeneratoren dröhnen. Doch die Generatoren werden, wenn es gut läuft, in Zukunft kaum oder gar nicht benötigt. Iliyan Trayanov, ein Mann mit rundlichen Wangen und freundlichem Lächeln, zeigt auf große, weiße Tanks. "Die Batteriepakete werden in diesen Tanks eingebaut", brüllt er gegen den Lärm der Generatoren an. Trayanov ist der Chefingenieur auf der "REM Energy".

Die Zukunft der "REM Energy" soll elektrisch sein. Das 90 Meter lange und 20 Meter breite Spezialschiff gehört einer norwegischen Reederei und ist von "Siemens Gamesa" gechartert worden. Der Windanlagen-Hersteller nutzt es für seine Service-Sparte für Wartungsarbeiten in Offshore-Windparks in der Nordsee. Der Basishafen ist in Bremerhaven.

Schiff soll Strom aus Windenergie tanken

Aktuell sind die Tanks leer, erklärt Trayanov. Sie seien ursprünglich mal für flüssigen Abfall geplant gewesen. Doch der Platz soll anders genutzt werden: für die 10 Megawatt starken Batterien. Für ihren Einbau sei am Schiff technisch alles vorbereitet. "Es müssen nur noch Kabel zur Hauptschalttafel verlegt werden, dann ist alles bereit für die Zukunft", sagt Trayanov.

Die Idee ist: Das Schiff soll Strom aus Nordsee-Wind tanken. Dazu muss aber noch eine Boje installiert werden, sagt Trayanov. Die soll als Ladestation dienen und ermöglichen, dass das Schiff nachts auf dem Wasser Energie aus den Offshore-Windrädern lädt.

Dann führt Iliyan Trayanov ein Deck höher, in den hinteren Teil des Schiffes. Er öffnet die Tür zu einem kleinen Abstellraum, wo Ersatz-Feuerlöscher in Regalen lagern. Dies ist der Bereich, der für die Brennstoffzelle vorgesehen ist, verkündet Trayanov. Die stellt aus Wasserstoff Strom her. Grüner Wasserstoff, so zeigt es ein Video der Reederei, soll in Zukunft in Containern auf dem Oberdeck stehen.

Ingenieur liyan Trayanov steht in einem Raum mit Feuerlöschern.
Abstellkammer mit Potenzial: Ingenieur Iliyan Trayanov zeigt, wo die Wasserstoff-Brennzelle einmal hin soll. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Die Wasserstoff-Brennzelle und Batteriepakete sollen die "REM Energy" eines Tages emissionsfrei machen. Die weltweite Schifffahrt ist für 2,5 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich – das ist mehr, als die gesamte Bundesrepublik Deutschland ausstößt. Bislang gibt es erst wenige Schiffe, die vollelektrisch oder mit anderen alternativen Antrieben wie Ammoniak oder Wasserstoff fahren. In Norwegen etwa gibt es eine elektrische Autofähre und seit dem Frühjahr ist dort das weltweit erste batteriebetriebene Containerschiff im Testbetrieb.

Schiff bringt Techniker zu Windrädern

Die "REM Energy", die im Dezember 2021 in den Dienst gestellt wurde, wird von "Siemens Gamesa" in den Offshore-Windparks Trianel Borkum I und Global Tech I in der Nordsee eingesetzt. "Dieses Schiff ist dafür gedacht, Trouble Shooting zu machen, also wann immer eine Turbine außerplanmäßig ausfällt, wir so schnell wie möglich hinfahren können und sie wieder in Betrieb setzen können", sagt Stefan Sablowski, der als Operations Manager bei "Siemens Gamesa" in Bremerhaven arbeitet, also die Arbeiten vom Land aus koordiniert. "Und das Zweite, was wir machen, ist eine jährliche Wartung."

Eine Karte von Nord- und Ostsee zeigt die Lage der Offshore-Windenergieparks
In den Windparks Trianel Borkum I und Global Tech I ist das Schiff "REM Energy" unterwegs. Bild: Stiftung Offshore-Windenergie

Die Offshore-Techniker prüfen zum Beispiel Schraubverbindungen oder schmieren sämtliche, sich drehende Teile, sagt Sablowski. Auch müssten die Turbinen saubergemacht und Kühlflüssigkeiten überprüft werden. Bei den aktuellen Sommertemperaturen komme es auch mal zu Überhitzungen, berichtet David Friedrich, der an Bord die Einsätze der Techniker plant. Ein grober Richtwert sei, dass eine Anlage wegen einer Panne nicht länger als 48 Stunden stillstehen soll.

Das Schiff ist für die Techniker Hotel und Taxi in einem. Es bringt sie zu den Windkraftanlagen hin und holt sie nach ihrer Schicht wieder ab. Über eine Gangway können sie 20 Meter oberhalb des Wasserspiegels auf die Anlage gehen. Ein Kran hebt notwendiges Material oder Werkzeuge hinauf.

Die Gangway des Schiffes ist an der Windkraftanlage angelegt.
Ohne Klettern: Die REM Energy fährt mit ihrer Gangway an die Anlage heran. Bild: Siemens Gamesa | Ulrich Wirrwa

Leben an Bord ist beengt, aber modern

Bis zu 10 Anlagen fährt das Schiff pro Tag an. David Friedrich tüftelt den Einsatzplan genau aus, auf einem Whiteboard stehen die Abholzeiten aller Teams. Das Schiff muss binnen 30 Minuten bei jeder Windkraftanlage sein, aus Sicherheitsgründen, sagt Friedrich.

Eine Doppelkabine mit einem Doppelstockbett und braunem Ledersofa
Fast zu klein, um sie richtig fotografieren zu können: eine Doppelkabine, in der die Offshore-Techniker wohnen. Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

Auf dem Schiff gibt es Büros, Besprechungsräume, eine Krankenstation und auch einen Fitnessraum. Die Doppelkabinen sind beengt, aber modern. Friedrich arbeitet gerne hier, auch, weil das Team sich seit Jahren kennt. "Hier ist es einfach so, dass ich 14 Tage Zeit mit Menschen verbringe, mit denen ich das tatsächlich gerne mache", sagt der 36-Jährige. Und: Nach einem Einsatz hat er zwei Wochen frei und Zeit für die Familie.

Auch Chefingenieur Iliyan Trayanov ist stolz, auf der "REM Energy" zu arbeiten, sagt er. Selbst, wenn es mit dem vollelektrischen Betrieb noch dauern könnte: Schon jetzt hat das Schiff einen Hybridantrieb. Es nutzt elektrische Energie, die beim Bremsen entsteht. Das funktioniert wie bei einem Hybridauto, erklärt er. Der Dieselverbrauch beträgt Schiffskapitän Kristian Stavset zufolge nur etwa halb so viel wie bei vergleichbaren Schiffen.

Doch wann erfolgt der Umstieg? "Siemens Gamesa" wagt keine genaue Prognose. Operations Manager Stefan Sablowski rechnet fest damit, dass die Lade-Boje bis Ende 2025 errichtet ist und somit die 10-Megawatt-Batterien im Einsatz sind. Chefingenieur Iliyan Trayanov ist zurückhaltender. Er sagt: "In der Zukunft, hoffentlich bald."

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Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 24. Juli 2022, 10:40 Uhr