Interview

Scherf über Gorbatschow: "Er hat sich pudelwohl in Bremen gefühlt"

Der ehemalige russische Staatspräsident Michail Gorbatschow wird bei einem Besuch in Bremen 1997 von einer Fremdenführerin unter Begleitung von Henning Scherf, durch die Innenstadt geführt. (Archivbild)

"Erst muss die Welt sterben – dann stirbt auch die Perestroika" – Michail Gorbatschow

Bild: DPA | Ulrich Perrey

Dreimal besuchte Gorbatschow Bremen. Ex-Bürgermeister Scherf lernte den letzten Sowjet-Präsidenten näher kennen und sagt, wieso sich Gorbatschow "pudelwohl" in Bremen fühlte.

Er wolle nicht so weit gehen, sich als persönlichen Freund Michail Gorbatschows zu bezeichnen, sagt Bremens einstiger Regierungschef Henning Scherf. Das fände er anmaßend. Aber er freue sich sehr darüber, dass er den letzten Präsidenten der Sowjetunion ein wenig näher habe kennenlernen dürfen. "Wahnsinnig geschätzt und gemocht" habe er den am 30. August verstorbenen Michail Gorbatschow, sagt Scherf – und blickt zurück.

Herr Scherf, an welches gemeinsame persönliche Erlebnis mussten sie zuerst denken, als Sie vom Tod Michail Gorbatschows erfahren haben?
Wir beide haben uns in Münster in der Uni-Klinik getroffen. Dort lag seine Frau Raissa. Sie war todkrank. Ich wollte einen Freund besuchen, der neben Raissa lag. Und da habe ich Michail Gorbatschow auf dem Flur getroffen. Ich habe ihn umarmt. Er hat geweint. Das rührt mich noch immer: diese Nähe damals zu ihm in seinem großen Kummer.
Was war Michail Gorbatschow für ein Mensch?
Er hatte unterschiedliche Seiten. Ich habe immer wieder überlegt: Wie hat er sich da durchgesetzt als Generalsekretär der KPDSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion)? Da muss man ja ziemlich viele Ellenbogen haben, Konkurrenten wegschubsen und sich lange angepasst haben. Uns gegenüber, uns in Deutschland, war er ganz anders. Er war ein Glücksfall für uns! Er war interessiert daran, dass wir ihm dabei helfen, die ökonomisch abgestürzte Sowjetunion wieder aufzubauen, auf Vordermann zu bringen. Das traute er uns zu.

Aus dieser Motivation heraus hat er auch unsere Wiedervereinigung möglich gemacht. Er hoffte: Mit dem wiedervereinigten Deutschland finde ich einen starken Partner, mit dem ich mein eigenes Riesenland wieder aufbauen kann. Dieses Land war ruiniert durch Misswirtschaft und stalinistische Gewaltherrschaft. Er hat uns seinen ganzen Charme und seine Verständigungsbereitschaft gezeigt.
Wie haben Sie Gorbatschow kennengelernt?
Über den Bremer Professor Wolfgang Eichwede. Eichwede kannte Gorbatschow schon vor seiner Generalsekretärszeit, war nah an ihm in Moskau dran, konnte auch russisch mit ihm sprechen. Wolfgang Eichwede hatte Gorbatschow dafür gewonnen, nach Bremen zu kommen. Unterstützt hat ihn dabei der Unternehmer Harms, der eine Automobil-Spedition in Bremen hatte. Harms war begeistert von Gorbatschow und sagte: "Wir müssen ihm ganz viel zurückgeben, weil er uns die Wiedervereinigung geschenkt hat."

Und dann habe ich Gorbatschow in Bremen getroffen: erst im Rathaus, dann in der Handelskammer, dann bei Harms. Wir haben sogar zusammen gesungen! Er hat sich pudelwohl gefühlt, weil er gemerkt hat: Alle Leute, die um ihn herum waren, haben ihn gemocht. Er ist ja wirklich ein hochbeliebter Mann in Deutschland bis heute geblieben. Er hat viele Fans bei uns, weit über Parteigrenzen hinweg. Und das hat er genossen. Und wir Bremer waren Teil dieser wiedervereinigten Euphorie, in der wir ihm zeigen wollten, was wir ihm zu verdanken hatten.
Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und Michael Gorbatschow in Genf 1985. (Archivbild)
Michail Gorbatschow mit US-Präsident Ronald Reagan 1985 in Genf: Im Ausland genoss der Generalsekretär der KPDSU bis zu seinem Tod mehr Anerkennung als in seiner Heimat. Bild: DPA | Imagno
In der russischen Bevölkerung ist Gorbatschow nicht so beliebt gewesen. Glauben Sie, dass er darunter gelitten und sich vielleicht auch deshalb bei uns so wohlgefühlt hat?
Mit Sicherheit hat er darunter gelitten! Da er aber ein sehr disziplinierter Mann war, hat er uns das nicht gezeigt. Später, als er alt und gebrechlich war, da habe ich mehrere Fernsehfilme über ihn und mit ihm gesehen, in denen er seine ganze Enttäuschung und seine Bitterkeit über den Perestroika- und Glasnost-Prozess (der Versuch, die Sowjetunion zu mehr Offenheit umzugestalten, die Redaktion) zum Ausdruck gebracht hat: darüber, was er hat bewirken wollen und was davon leider nicht gelungen ist.

Gorbatschow wollte die Sowjetunion revolutionieren – und nicht abräumen, wie Jelzin (Boris Jelzin, von 1991 bis 1999 erster Präsident Russlands, die Redaktion) das dann als sein Nachfolger gemacht hat. Natürlich merkte Gorbatschow, dass ihm das in die Schuhe geschoben wurde. Er wurde in der russischen Bevölkerung als derjenige missachtet und angegangen, der die Sowjetunion demontiert hat. Das hat ihn schwer getroffen.
Michail Gorbatschow war gleich dreimal in Bremen, kennt die Stadt also ein bisschen. Wie hat er sich Ihnen gegenüber über Bremen geäußert?
Immer sehr, sehr freundlich. Wir werden ja als Handelsstadt in Russland mit der Hanse identifiziert. Und die Hanse hat in Russland – und zwar in der breiten Bevölkerung – einen guten Klang. Die beiden Hansestädte Nowgorod und Pskow waren Partnerstädte. Das hat lange funktioniert. Und Gorbatschow hat das alles gewusst. Wir haben bei ihm viel Anerkennung gefunden.
Wäre es auch ohne Gorbatschow zu einem Ende des Kalten Krieges gekommen und zur Wiedervereinigung?
Ich glaubte nicht daran, dass es einen solchen Prozess geben würde. Ich dachte: Die Teilung Deutschlands und die Teilung der Welt in Ost und West als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs – das ist so festgemauert, das kann keiner beenden. Es hat mich dann total überrascht, dass das auf einmal mit ihm möglich war! Ich glaube auch, dass es nur für ein paar Jahre möglich war. Gerade, wenn man sich heute ansieht, wie Putin seine Macht einsetzt und Krieg führt. Das war damals völlig anders. Es gab eine Stimmung der Verständigung, des Dialogs, der friedlichen Koexistenz – alles, was Willi Brandt mit seiner Ost-Politik begonnen hatte.

Aber: Ohne Gorbatschow wäre das nicht so gewesen! Er war einer der bedeutendsten Politiker, die mir je begegnet sind, einer der ganz großen Politiker des 20. Jahrhunderts. Er hat die Grenzen geöffnet, die der Zweite Weltkrieg bewirkt hatte.

Als Michail Gorbatschow im Bremer Schnoor keinen Kaffee bekam

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 31. August 2022, 18:05 Uhr