Interview

Deshalb landet norddeutsche Wolle oft auf dem Müll

Warum norddeutsche Schafswolle heute fast nichts mehr wert ist

Bild: Nina Sieverding

Schafe am Deich. Norddeutscher geht's kaum. Doch deren Wolle wird häufig weggeschmissen. Eine Bremer Design-Studentin räumt auf mit dem schlechten, "kratzigen" Image.

Die Wolle der norddeutschen Schafe findet nur noch wenige Abnehmer. Sie ist ein Abfallprodukt geworden. Woran liegt das?
Der Hauptgrund ist, dass inzwischen Merinowolle aus Australien und Neuseeland viel mehr nachgefragt wird, weil sie sehr weich ist. Die Wolle unserer norddeutschen Deichschafe ist dagegen grob und rau, weil sie ganz anderen klimatischen Bedingungen standhalten muss.
Was bedeutet das für den Marktwert der Wolle?
Sie lässt sich oft nicht gut verspinnen und man kann daraus nicht so feine Kleidung herstellen. An kuschelweiche Wollpullover haben wir uns aber inzwischen gewöhnt. Meist wird dem Garn noch Acryl beigemischt. Wolle darf für den Verbraucher einfach nicht mehr kratzen.
Die deutschen Schäfer bekommen daher heute für ihre Wolle nur noch einen Bruchteil dessen, was die Wolle noch vor einigen Jahren wert war. Braune Wolle landet daher oft einfach im Müll, was den Schafhaltern selbst sehr leidtut. Und die Kosten für den Schafscherer müssen sie natürlich trotzdem tragen, weil die Wolle stetig wächst und die Schafe mindestens einmal im Jahr geschoren werden müssen.
Gibt es denn Firmen, die mit der Wolle noch etwas anfangen können?
Ja, aber wenige. Die Infrastruktur für die Wollverarbeitung ist inzwischen auch gar nicht mehr vorhanden. Wer aus norddeutscher Wolle Kleidung machen möchte, muss gute Ideen haben. Es gibt tolle Labels, die Schuhe oder Outdoorkleidung daraus herstellen. Aber die große Bekleidungsindustrie interessiert sich leider nicht mehr für unsere Wolle.
In einer Halle sieht man Wolle, die auf Tischen liegt und begutachtet wird. Im Vordergrund die Schafschererin Stefanie Kauschus
Deutsche Wolle steht in Konkurrenz mit Wolle aus der ganzen Welt. Bild: Jörg Ibsen
Wie sehen Sie diesen Umgang mit dem Naturprodukt Wolle?
Es ist traurig, dass ein so wertvoller Rohstoff, der in unserer Region entsteht, zum großen Teil nicht mehr wertgeschätzt wird. Dabei ist es ein super Material, das wir Menschen seit Jahrtausenden nutzen. Es wärmt und kühlt, ist atmungsaktiv, wasserabweisend durch das Wollfett Lanolin, muss selten gewaschen werden – Wolle hat ganz tolle Eigenschaften.
Sie schreiben in Ihrem Buch von einem Strukturwandel, mit dem die Schäfer klarkommen müssen. Was gehört zu diesem Wandel noch?
Die Schäferinnen und Schäfer werden immer älter, und nur wenige junge Menschen möchten in den Beruf einsteigen. Es ist ein harter Job, von einer 40 Stunden-Woche sind Schäfer weit entfernt. Sie haben eine hohe Arbeitsbelastung und bekommen dafür am Ende wenig Wertschätzung.
Welche Menschen braucht es, um die Schafhaltung und die Wollproduktion in Deutschland zu bewahren?
Meine Co-Autorin Anne Huntemann und ich haben bei unserer Recherche viele Menschen kennengelernt – Schäfer, Züchter, Spinner, Schlachter, eine Schafschererin. Und wir haben festgestellt: Sie alle lieben die Tiere, gehen gut mit ihnen um und sind mit viel Leidenschaft bei der Sache.
Auch innerhalb der Landwirtschaft ist die Schafhaltung eine Nische. Mit den Produkten anderer Tiere könnte man mehr Geld verdienen. Diesen engagierten, §schafverrückten§ Menschen ist es zu verdanken, dass wir in Norddeutschland noch Schafe auf Weiden und Deichen sehen.
Wer heute regionale Produkte vom Schaf vermarkten will, muss aber auch modern denken und sich zum Beispiel auf Social Media einlassen, um seine Sache sichtbar zu machen. Die Außendarstellung ist heute wichtiger als früher.
Muss mehr für das Image der deutschen Wolle getan werden?
Ich finde es wichtig, auf die deutsche Wolle hinzuweisen, denn ich glaube, dass es im Hinblick auf Wollprodukte noch viele Irrtümer gibt. Viele Menschen haben kratzige, selbstgestrickte Pullis aus ihrer Kindheit im Kopf und wissen nicht, dass es auch andere Erzeugnisse aus regionaler Wolle gibt, von Bettdecken bis zu Jacken aus Wollwalk.

Autorinnen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. November 2021, 19:30 Uhr