Und plötzlich hält man im Bremer Marcks-Haus einen Rodin in den Händen

Mitarbeiter blättern sich durch Tausende Bücher aus dem Nachlass von Gerhard Marcks – und machen einen Fund. "Wow", denkt Museumsleiter Arie Hartog, er weiß mehr.

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Was für ein Fund: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gerhard-Marcks-Haus machten Inventur und hatten zuvor einen "grausigen" Auftrag von ihrem Museumsleiter Arie Hartog bekommen, wie dieser selbst einräumt. Sie sollten jedes Buch Seite für Seite durchblättern.

Jedes Buch, wo vorne drinsteht: "Hat Marcks gehört" Blatt für Blatt durchgucken. Was eigentlich eine absolut grausige Arbeit ist – jede Seite wieder. Und irgendwann sind sie zu mir gekommen und haben gesagt: "Wir haben was gefunden".

Arie Hartog, Leiter Gerhard Marcks-Haus Bremen

Das Bild, das sie dabei finden, ist eine hauchdünne Bleistiftskizze. Beim genauen Hinsehen entdeckt der Leiter des Museums zwei Frauen, die miteinander verbunden sind. Dabei fällt Hartog allerdings noch eine weitere Besonderheit ins Auge: Bei der Skizze handelt es sich keineswegs um eine Skizze von Gerhard Marcks. Die feinen Bleistiftstriche wurden von dem berühmten französischen Künstler Auguste Rodin angefertigt.

Genie ohne Ausbildung

Wiederentdeckte Zeichnung Rodins im Gerhard-Marcks-Haus
Die Skizze von Rodin ist kaum zu sehen, so schwach sind die Bleistiftlinien. Sie zeigt zwei Frauen, die miteinander verbunden sind. Bild: Radio Bremen

Die Skizze hat Marcks vermutlich als Inspiration in seinem Atelier gedient. Marcks war zudem ein großer Bewunderer von Rodin. Mehrfach war er von Berlin nach Paris gereist, um dessen Werke anzusehen. Zu ihnen zählt zum Beispiel der "Denker" oder der "Kuss".

Rodin war allgemein als Genie anerkannt, da er nie eine akademische künstlerische Ausbildung abschloss: Drei Mal bewarb er sich an der Kunsthochschule, drei Mal wurde er abgelehnt, erzählt Hartog.

Das imponierte wohl auch Marcks, der schon früh Geschichten über Indianer illustrierte und Tiere aus dem Zoo malte. Später begann er sich für Bildhauerei zu interessieren. Ähnlich wie sein Vorbild besuchte auch Marcks nie eine Kunsthochschule. "Rodin sagt, es geht nicht darum, ob du Talent hast, es geht darum, dass du arbeitest. Arbeitest, arbeitest, arbeitest! Und nur wenn du ständig an deiner Kunst arbeitest, wird es vielleicht irgendwann besser. Und Marcks sagt sich: 'jo, das muss ich ab jetzt tun'." Persönlich begegnet sind sich Gerhard Marcks und Auguste Rodin übrigens nie.

Zurück ins Buch

Direktor Arie Hartog
Arie Hartog freute sich über den Fund im Buch. Bild: Radio Bremen

Und so zeichnete, malte und werkelte Marcks und wurde sichtlich besser, wie Mueseumsleiter Arie Hartog sagt: "1928 sieht man noch eine gewisse Vorsicht. Und 1938 sieht man, da hat er zwei Jahre jeden Tag gezeichnet, es wird immer besser." Dabei kam einiges an Werken zusammen: Alleine im Museum in Bremen lagern mehr als 13.000 Skizzen des Künstlers. Viele von ihnen ähneln der Zeichnung von Rodin: Frauen in verschiedenen Posen.

Der Wert des Fundes wird auf etwa 10.000 Euro geschätzt. Nun soll er jedoch erst einmal dahin zurück, wo er gefunden wurde: in das Buch. "Das ist der historische Zusammenhang", findet der Museumsleiter. Arie Hartog hat allerdings noch mehr zu erzählen. Deshalb wartet er darauf, dass die Museen bald wieder öffnen.

Autorin

  • Marianne Strauch

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Januar 2021, 19:30 Uhr