Heißes Eisen: So sieht eine Bremer Soziologin die Rentenpläne im Bund

Eine ältere Frau blickt auf Münzen und ihren Geldbeutel in ihren Händen.
Damit weniger Menschen als heute von einer Erwerbsminderungsrente leben müssen, möchte die Ampelkoalition die Gesundheitsvorsorge am Arbeitsplatz verbessern. Bild: DPA | Bildagentur-online/Joko

Sozialverbände sind bei den Rentenplänen der neuen Ampel-Koalition in Berlin auf der Palme. Die Soziologin Simone Scherger schüttelt den Kopf, sieht aber auch gute Ideen.

Die neue Bundesregierung war noch nicht vereidigt, da stießen die Rentenpläne der Ampelkoalition schon auf Kritik. Laut ARD-Deutschlandtrend bezweifeln 70 Prozent der Deutschen sogar, dass ihnen die Vorhaben der Ampel langfristig eine auskömmliche Rente sichern werden.

Die Sozialverbände SoVD und VdK prangern die Absicht der Koalitionäre an, den sogenannten Nachholfaktor in der Rentenberechnung vor 2022 wieder zu einzuführen. Damit werden aufgrund der Rentengarantie unterbliebene Kürzungen der Renten mit künftigen Erhöhungen verrechnet. SoVD-Präsident Adolf Bauer bezeichnet die Wiedereinführung des Nachholfaktors als "trickreiche Rentenkürzung durch die Hintertür".

VdK-Präsidentin Verena Bentele sagt: "Der Nachholfaktor sorgt für mehr Ungerechtigkeit: Niedrige Rentenanpassungen von heute führen zu niedrigen Renten von morgen." Laut Sozialversicherungsbericht 2021 der Bundesregierung würden die Altersrenten von 2021 bis 2035 um 37 Prozent steigen. Dagegen stiegen die Löhne im gleichen Zeitraum voraussichtlich um 53 Prozent – also deutlich stärker als die Renten. "Dadurch drohen Rentner auch in Zukunft abgehängt zu werden", fürchtet Bentele.

"Prävention vor Reha vor Rente"

Prof. Simone Scherger
Freut sich, dass die Ampel das reguläre Renteneintrittsalter nicht anheben will: Simone Scherger, Professorin für Soziologie am SOCIUM der Uni Bremen. Bild: Universität Bremen | Elisa Meyer

Trotz aller Kritik der Sozialverbände sieht die Soziologin Simone Scherger von der Uni Bremen eine Reihe positiver Aspekte in den Ausführungen der Ampelkoalition zur Rentenpolitik. So finde sie es "richtig", dass die Ampel im Koalitionsvertrag verspricht: "Es wird keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben." Interessant sei, dass die Ampel dies extra betone. ""Das zeigt, was für ein heißes Eisen die Rente in der öffentlichen Diskussion ist, sagt Scherger.

Üblicherweise kündigen neue Regierungen an, was sie machen wollen, nicht, was sie lassen werden.

Simone Scherger, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik

Was sie mit Hinblick auf die Rente machen wollen – das beschreiben die Ampelkoalitionäre einige Zeilen weiter unten im Koalitionsvertrag: Auch ohne das gesetzliche Renteneintrittsalter anzuheben, wollen sie dafür sorgen, dass die Bundesbürgerinnen und Bundesbürger im Durchschnitt länger arbeiten als heute: "Wir machen längeres, gesünderes Arbeiten zu einem Schwerpunkt unserer Alterssicherungspolitik. Hierzu werden wir einen Aktionsplan 'Gesunde Arbeit' ins Leben rufen sowie den Grundsatz 'Prävention vor Reha vor Rente' stärken", schreiben die Koalitionäre.

Simone Scherger findet diese Ankündigung zwar "sehr vage". Die Bremer Soziologin sagt aber auch: "Sollte das gelingen, so wäre es gut sowohl für die Rentenkasse als auch für die individuellen Renten." Auch aus sozialpolitischer Sicht ergebe es Sinn, dafür zu sorgen, dass es möglichst viele Menschen bis zur Altersgrenze schaffen statt das offizielle Renteneintrittsalter für alle immer weiter rauf zu setzen.

"Gute Renten sind Folgen gut bezahlter Erwerbskarrieren"

Zum Hintergrund: Der Statistik der Deutschen Rentenversicherung zufolge lag das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter der Deutschen im Jahr 2020 bei 62,2 Jahren, also deutlich unter dem regulären Renteneintrittsalter. Dieses liegt derzeit bei 65 Jahren und zehn Monaten und wird bis 2031 auf 67 Jahre angehoben.

Scherger erklärt die deutliche Diskrepanz zwischen dem faktischen und dem regulären Renteneintrittsalter insbesondere damit, dass eine Reihe von Bürgerinnen und Bürgern vorzeitig, etwa wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aus dem Erwerbsleben ausscheidet und eine Rente bezieht. Sollte es der Ampelkoalition gelingen, ihren Grundsatz "Prävention vor Reha vor Rente" mit guten Konzepten auszufüllen, so könnten künftig eventuell mehr Beschäftigte als heute bis zu ihrem regulären Renteneintrittsalter arbeiten. Ohnehin findet Scherger: "Man sollte Rente immer zusammen mit arbeitsmarktbezogenen Fragen sehen: Gute Renten sind auch Folgen kontinuierlicher und gut bezahlter Erwerbskarrieren."

Unter diesem Aspekt begrüßt die Soziologin ausdrücklich, dass die Ampel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern will und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen anstrebt. 

"Minijobs schwächen Rentensystem"

"Zum Kopfschütteln" findet Scherger dagegen, dass Minijobs nicht abgeschafft, sondern sogar die entsprechende Verdienstgrenze angehoben wird: "Das schwächt individuelle Renten und das Rentensystem", sagt die Wissenschaftlerin. Grundsätzlich zu bedenken gibt Scherger, dass im Koalitionsvertrag kaum etwas dazu steht, wie die einzelnen Vorhaben finanziert werden sollen. Das gelte für die Abschnitte zur Rente wie für viele andere Passagen auch.

"Insgesamt ist es mit dem Koalitionsvertrag so, als würde man ein Kochrezept beurteilen, bei dem die Mengenangaben fehlen. So richtig kann man’s erst beurteilen, wenn es umgesetzt wird", sagt die Bremer Soziologin.

Das bedeutet der Ampel-Koalitionsvertrag für das Land Bremen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. November 2021, 19:30 Uhr