Reitbrake in Bremen – der Streit um vergessene Kriegs-Knochen

Ausgrabungsstätte Reitbrake
Seit mehr als einem Jahr gräbt die Landesarchäologie im Bremer Westen. Bild: Radio Bremen | Lisa-Maria Röhling

Die Grabungen nach einem Friedhof für sowjetische Kriegsgefangene gehen zu Ende. Ein Podcast von Bremen Zwei erklärt, weshalb die Diskussion um das Gelände gerade erst beginnt.

Eigentlich sollte hier gar nichts mehr sein. Die Reitbrake im Bremen Oslebshausen ist eine staubige Einöde, im Sommer knallt die Sonne gnadenlos auf Industriehöfe und Bahngleise, viele Menschen sind hier nicht zu sehen. Deshalb wurde hier auch eine Bahnwerkstatt der Firma Alstom geplant, mitten zwischen den Gleisanlagen auf einer Brachfläche.

Nun aber ist die Brachfläche mit einem großen, weißen Zelt überdacht und von hohen Metallgittern umgeben. Hier arbeitet sich seit mehr als einem Jahr die Leiterin der Bremer Landesarchäologie, Uta Halle, zusammen mit ihrem Team Zentimeter für Zentimeter durch den Boden. Ihr Ziel: Längst vergessene Geschichte ans Tageslicht zu holen. Nämlich die eines Friedhofs für sowjetische Kriegsgefangene, die in Bremen Zwangsarbeit leisten mussten. Zwischen 1941 und 1945 hatten die Nazis auf dieser Fläche die Toten begraben, 1948 hatte man die Leichen exhumiert und auf dem Osterholzer Friedhof neu bestattet. Allerdings nicht alle.

"Was wir feststellen mussten, ist, dass der Friedhof nicht vollständig exhumiert worden ist", sagt Uta Halle. Sie steht unter dem weißen Zelt, um sie herum ist der Sandboden aufgewühlt. Uta Halle, eine große Frau mit langen grauen Haaren, weist mit dem Arm einmal über das Gelände. 3.500 Quadratmeter misst die Fläche, die sie und ihr Team akribisch untersuchen.

Wir haben eigentlich noch kein Grab gesehen, wo wir nichts gefunden haben

Uta Halle, Leiterin der Bremer Landesarchäologie

In allen Gräbern könnten noch Knochen liegen

Uta Halle zeigt auf ein Erdloch hinter ihr, eine rechteckige Grube, einige Meter tief, um die allerlei Messwerkzeuge, Schaufeln, aber auch kleine Siebe aufgebaut sind. Anhand der Verfärbungen im Boden, die am Rand der Grube zu sehen sind, erklärt sie, sei für Archäologen deutlich erkennbar, dass dort ehemalige Gräber liegen. "Da könnten im gesamten Grabraum noch Knochen vorhanden sein." 18 Skelette, 14.000 Knochenteile und andere Gegenstände wie Zahnprothesen und Erkennungsmarken haben Uta Halle und ihr Team bisher gefunden.

Dass auf der Reitbrake überhaupt gegraben wird, hat eine Bürgerinitiative erreicht: Sie setzte sich gegen die geplante Bahnwerkstatt von Alstom ein, weil die Anwohner sich vor dem Lärm fürchten. Der Sprecher der Initiative, Dieter Winge, hat sich bei den Recherchen über das Gelände auch mit dessen Geschichte auseinandergesetzt – und dabei eine Karte der Friedhofsfläche aus den 40er-Jahren entdeckt: "Ich habe diese Karte abgeglichen mit der Projektfläche der Bahnwerkstatt und habe festgestellt, dass die Fläche nahezu identisch ist." Danach tat sich die Bürgerinitiative mit dem Bremer Friedensforum zusammen, um die Ausgrabung zu erwirken.

Der Podcast zur Reitbrake von Bremen Zwei zum Hören:

Ein Mann schreibt an einem Tisch, der sich an einer Baustelle befindet.
Mitarbeiter der Bremer Landesarchäologie dokumentieren den Fund von Stacheldraht, auf einem Gelände, das während des Zweiten Weltkriegs als Friedhof für gefangene sowjetische Soldaten diente. Auf der heutigen Industriebrache im Stadtteil Oslebshausen ist eine Bahnwerkstatt zum Ausbau des regionalen Bahnverkehrs für Niedersachsen/Bremen geplant.
Bild: DPA | Sina Schuldt

Sollte die Reitbrake ein Gedenkort werden?

Die jetzigen Funde machen für Dieter Winge und seine Mitstreiter klar: Auf dem Gelände dürfe nicht gebaut werden, dort müsse ein Gedenkort für diese Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft entstehen. Viele Vertreter aus der Politik, aus der Wissenschaft, aber auch von Verbänden wie der Volksbund für die Kriegsgräberfürsorge sind dagegen: Ein Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen müsse es geben. Aber die Reitbrake, diese Industriebrachfläche, sei kein würdiger Gedenkort, meinen sie.

Offen ist aber nicht nur, was mit der Reitbrake passiert, sondern auch wie es mit den gefundenen Überresten weitergeht. Die Opfer waren Bürger der ehemaligen Sowjetunion und stammten aus Gebieten, die heute zu Russland oder der Ukraine gehören. Und genau mit diesen Nationen verhandelt Bremen sein Beginn der Ausgrabungen. "Wir informieren, welche Erkenntnisse wir haben", erklärt Birgitt Rambalski, Protokollchefin des Bremer Rathauses. Die beiden Staaten wurden gebeten, Bremen mit ihren Archiven und auch Wissenschaftlern zu helfen, die Opfer zu identifizieren. Das gelingt mit Erkennungsmarken, die im Boden gefunden wurden: Darauf stehen Nummern, die sich über Listen der Roten Armee mit Personen verbinden lassen. "Wenn das möglich ist, versuchen wir zusammen mit den beiden Staaten gerne auch nach Angehörigen zu forschen", sagt Rambalski.

Den Opfern ihre Identität zurückgeben

An einem Tisch hat Bremen noch nie mit den beiden Staaten verhandelt – auch vor Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine nicht. Bisher sprechen sich nach Angaben der Senatskanzlei Russland und die Ukraine dagegen aus, dass auf der Reitbrake ein Gedenkort oder gar eine Kriegsgräberstätte entsteht – auch, weil die Nazis das Gelände einst ausgesucht hatten, um ihre Opfer zu begraben.

Für Uta Halle und ihr Team gehen die Arbeiten langsam zu Ende, bald haben sie die Fläche, über die sich laut Akten und laut der Bodenuntersuchungen der gesamte Friedhof erstreckte, komplett untersucht. Eine Entscheidung, was mit der Reitbrake passiert, wird noch andauern, bis ihre Ausgrabungen beendet sind. Die haben aber schon jetzt viel verändert. Die Reitbrake ist kein Ort des Vergessens mehr.

Wir können mit unseren Nachforschungen den Toten ein stückweit ihre Identität zurückgeben.

Uta Halle, Leiterin der Bremer Landesarchäologie

Autorin

  • Lisa-Maria Röhling