Meinungsmelder

Unpünktlich, zu teuer, zu unflexibel: Meinungsmelder schelten die Bahn

Bild: DPA | Bodo Marks

Was ist dran am miesen Image der Bahn? Decken sich Ruf und Realität? Zur anstehenden Tariferhöhung wollten wir wissen: Ist Ihnen die Bahn lieb – oder einfach nur teuer?

Sonntag greift der neue Winterfahrplan der Deutschen Bahn. Dann erhöht sie ihre Preise. In Bremen ist davon vor allem der Fernverkehr betroffen: Hier steigen die Preise um durchschnittlich 1,9 Prozent. Doch auch der Niedersachsentarif wird um durchschnittlich 1,54 Prozent "angepasst", während die Preise im Verkehrsverbund Bremen und Niedersachen (VBN) stabil bleiben.

Als Begründung für die Preiserhöhung werden steigende Betriebskosten, zusätzliche Belastungen durch die Corona-Pandemie und die Inflationsrate von aktuell 4,1 Prozent genannt. Die Interessensvertretung der Fahrgäste ProBahn hält die Erhöhungen für ungerechtfertigt.

Nach den Ticketpreisen der Bahn befragt, empfindet die Mehrheit der Radio Bremen Meinungsmelder diese im Regional- (70 Prozent) und Fernverkehr (62 Prozent) bereits jetzt als unangemessen.

Bahnfahren ist nach wie vor zu teuer. Sowohl im Fern- als auch im Regionalverkehr ist das Auto günstiger. Selbst Fliegen ist häufig günstiger.

56-jährige Meinungsmelderin aus Bremerhaven

Nicht nur die Ticketpreise selbst, sondern auch deren Ausgestaltung wird dabei kritisiert: Gerade in Bremen, Bremerhaven und Niedersachsen ist die Preispolitik auf der Schiene für viele nicht nachvollziehbar.

Ein Zug der Deutschen Bahn fährt in den Hauptbahnhof Bremen ein.
Regional- versus Fernverkehr: David gegen Goliath? Bild: Radio Bremen

Fährt man beispielsweise von Bremen durch Niedersachsen nach Hamburg, durchquert man im Regionalverkehr verschiedene Tarifgebiete. Da ist die Fahrt mit dem Intercity nicht nur schneller und komfortabler, sondern sie kann mit einem Bahncard-Rabatt tatsächlich auch günstiger sein als die Regionalzug-Variante. Gleichzeitig ist das Tagesticket zwischen Bremen und Bremerhaven fast genauso teuer wie das Niedersachsenticket in ganz Niedersachsen.

Die Preisgestaltung transparenter zu machen, ist keine leichte Aufgabe. Diese hängt von vielen Faktoren ab und ist komplex: unternehmerisches Kalkül, Auslastungszahlen, Konkurrenz, Energiepreise, Tarife, staatliche Zuschüsse und vieles mehr. Und: Niemand lasse sich gern in die Karten gucken, fasst Verkehrsexperte Carsten-Wilm Müller von der Hochschule Bremen das Problem zusammen, warum es für den einzelnen Kunden nicht nachvollziehbar ist, für welche Leistung er was genau zahlt.

Bahnfahren muss nicht teuer sein. Planungssicherheit ist der Bahn beispielsweise viel wert: Wer im Fernverkehr weit im Voraus ein Ticket bucht, kann sich teilweise über "fantastische  Angebote" freuen, so eine 35-jährige Meinungsmelderin aus Obervieland. Je näher der Reisetermin heranrückt, je teurer wird dann allerdings das Ticket. Ergebnis: Spontanes Reisen könne man sich im Umkehrschluss kaum leisten.

Diese Verbesserungen beim Zugfahren wünschen sich die Meinungsmelder

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Bild: Meinungsmelder | Radio Bremen

Jeder kennt die Geschichten, in denen der Zug viel zu spät kommt, der Anschlusszug nicht wartet oder der Zug gar ganz ausgefallen ist. Das gibt dem deutschen Regional- und Fernverkehr ein schlechtes Image. Das sehen auch die Meingungsmelder so: Befragt nach ihrer letzten Zufahrt, erinnern viele unpünktliche, überfüllte oder gar ausgefallene Züge.

Der subjektive Eindruck ist dabei häufig schlechter als die tatsächliche Leistung der Bahn, hat Verkehrsforscher Carsten-Wilm Müller von der Hochschule Bremen festgestellt. Beispiel: Pünktlichkeit. Die gefühlte Dauer-Unpünktlichkeit lasst sich mit Zahlen kaum erhärten. Bei der deutschen Bahn hält man eine Verspätung unter sechs Minuten für vertretbar. Dort sind laut eigenen Angaben 91,5 Prozent der Züge nach dieser Definition "pünktlich".

Definition von Pünktlichkeit unterscheidet sich

Beim privaten Mitbewerber Metronom sind es nach Selbstauskunft 93 bis 95 Prozent.“Pünktlich“ bedeutet dort, dass die Abweichung zu angegebenen Fahrtzeit unter drei Minuten liegt. Während des ersten Lockdowns lag der Wert nach eigenen Angaben sogar bei 98 Prozent.

Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) wertet jeden Zug als pünktlich, wenn er weniger als fünf Minuten vom Fahrplan abweicht. Während der Wert 2019 noch bei 90,5 Prozent lag, stieg er 2020 auf 92,7 Prozent. Der erklärte Zielwert liegt allerdings bei 95 Prozent, so Falk Fehsenfeld von der LNVG, dem Auftraggeber der Nordwestbahn und des Metronoms.

Züge auf der Hin-Rückfahrt hatten Verspätung: Anschlusszüge jeweils nicht erreicht und damit auch Sitzplatzreservierung weg.

59-jähriger Meinungsmelder aus der Vahr

Ob Pendler oder Gelegenheitsfahrer, in diesem Punkt scheinen sich viele einig zu sein: Sätze wie "Die Unpünktlichkeit der Züge ist unterirdisch!" oder "Wie immer den Anschluss verpasst." dokumentieren ihren Frust. Der noch zunimmt, wenn der Regionalverkehr für Schnellzüge Platz machen muss: "Mein Zug stand in Nienburg längere Zeit fest, weil man einen ICE vorbei lassen musste. Allerdings gleich eine halbe Stunde."

Regionalverkehr leidet unter Schnellzügen

Reisende stehen im Hauptbahnhof vor einem Metronom und warten auf einen anderen Zug.
Metronom übt Kritik am Schienennetz. Bild: DPA | Bodo Marks

"Das Problem ist tatsächlich, dass die Schienen überlastet sind", fasst es Metronom-Sprecher Björn Pamperin zusammen. "Es sind zu viele Züge auf zu wenig Gleisen unterwegs." Und da liegen die Prioritäten nicht bei den regionalen Personenzügen. Jeder Zug müsse mindestens einen Kilometer Abstand zum nächsten halten, das sei Sicherheitsvorschrift.

"Und wenn dann ein Fernverkehrszug zu spät ist, dann müssen wir den vorbei lassen. Dann fahren wir rechts ran und warten", erklärt Pamperin. Üblicherweise ist das schon einkalkuliert und geschehe laut Fahrplan in den Bahnhöfen, unbemerkt von den Fahrgästen. Bei Verspätungen schaukelt sich das System allerdings hoch. Heißt: Bei jeder Störung des Fern- oder Güterverkehrs ist auch der untergeordnete Nahverkehr betroffen.

Im Nahverkehr ist eine Verspätung emotional viel relevanter.

Björn Pamperin, Metronom

Noch schlimmer als Verspätungen sind aber ausgefallene Züge, die Pamperin ebenfalls der überlasteten Infrastruktur zuschiebt. Es fehlten Ausweichstrecken und die Erweiterung des Schienennetzes. Das sieht auch der Fahrgastverband ProBahn so.

Nicht alles ist schlecht am Zugfahren

Unterm Strich erhält die Bahn von vielen Meinungsmelderinnen und Meinungmeldern aber auch gute Noten: So seien "Zugfahrten deutlich entspannter als Autofahrten, insbesondere als Fahrer", meint ein 66-jähriger Meinungsmelder. Und oft wird auch das Personal gelobt.

Genau hier sieht der Bremer Verkehrsexperte Carsten-Wilm Müller eine große Chance für die Bahn: Wenn die Kunden nicht alleingelassen werden, sondern vor Ort Kontakt mit dem Personal aufbauen können, dann gebe es ein positives Gefühl der Sicherheit, dass es braucht, um das Image des Bahnfahrens zu verbessern: "Ein alter oder verspäteter Zug mit freundlichem Personal hat ein besseres Image als neuer Zug", so Müller. Hier liegt das meiste Potenzial Nah- und Fernverkehr.

Was sagt ein Schweizer zum Bremerhavener Nahverkehr?

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Dezember 2021, 19:30 Uhr