Frauengeschichte(n) aus unserer Region

Entgegen aller Moral: Diese Frauen waren Bremens erste Radfahrerinnen

Die Radpionierinnen Ricarda Huch und Aline von Kapff (Montage)

Frauengeschichte(n): Aline von Kapff und Ricarda Huch auf dem Rad

Bild: DPA/Akg-images/Staatsarchiv Bremen

In keiner anderen deutschen Stadt mit mehr als einer halben Million Menschen nutzen so viele das Rad wie in Bremen. Frauen war das früher verboten. Diese beiden haben darauf gepfiffen.

Wer sich Ende des 19. Jahrhunderts auf ein Hochrad schwingt, der muss schwindelfrei sein. Bis zu zwei Meter hoch ist das große Vorderrad. Auf dem sind Sattel und Pedale montiert. Ein deutlich kleineres Hinterrad stabilisiert das Vorderrad und macht es möglich zu lenken.

Beatrix Wuppermann hat sich viele Jahre mit Fahrradpolitik und -Geschichte beschäftigt. Sie weiß, warum Frauen lange Zeit nicht Rad gefahren sind: "Das Fahrrad war ein männliches Fortbewegungsmittel. Wenn Frauen denn arbeiteten, verdienten sie auch viel weniger Geld, sodass sie sich gar nicht eines hätten leisten können."

Neben dem Kostenfaktor gibt es für Frauen noch weitere Hürden: bis Anfang des 20. Jahrhunderts schickt es sich nicht für eine Frau auf ein Rad zu steigen, sagt Beatrix Wuppermann. Frauen tragen Korsette. Damit Sport zu treiben oder sich ein bisschen mehr körperlich zu bewegen, als nur von der Küche ins Wohnzimmer, ist kaum vorstellbar.

Selbstbewusst aufs Hochrad

Eine, der das nichts ausmacht, ist Aline von Kapff. Sie kommt 1842 in Bremen zur Welt und wächst in einer wohlhabenden Weinhändlerfamilie auf. Ihre Eltern sind liberal, Aline studiert Kunst in Paris und München. Sie ist die erste Frau, die in Bremen öffentlich Hochrad fährt.

Und auch abseits des Rads ist Aline von Kapff engagiert und mutig. Sie ist mit Paula Modersohn-Becker und der Autorin Marga Berck befreundet und hat Kontakte in die Kunstszene. Aline setzt sich für den Leiter der Bremer Kunsthalle, Gustav Pauli, ein. Der will Werke von Impressionisten kaufen, die damals noch verpönt sind – unter anderem das Mohnfeld von Vincent van Gogh.

Das Niederrad setzt sich durch

Weil das Hochrad aber teuer und gefährlich ist, setzt sich mehr und mehr das Niederrad durch. Es ähnelt dem heutigen Fahrrad. Eine, die das Radfahren mit dem Niederrad in Bremen bekannt gemacht hat, ist die Schriftstellerin Ricarda Huch. Sie lebt nur ein Jahr in Bremen, entdeckt hier aber das Radeln für sich, sagt Wuppermann. In einem Brief von 1896 schrieb sie mal, wie schön doch das Fahrradfahren, trotz der ganzen blauen Flecke, sei.

Den Vorurteilen trotzen

Damals entstehen in Bremen auch die ersten Fahrradwege – sie sind die ersten in Deutschland überhaupt. Dafür werden zum Beispiel in der Hollerallee ein Streifen besonders ebener Steine in die Mitte der Fahrbahn verlegt. Doch auch in dieser Zeit ist es noch ungewöhnlich, dass Frauen Radfahren. Es heißt, es schade der Fruchtbarkeit. In einem Brief aber schwärmt Ricarda Huch jedoch, wie gut ihr das Radfahren bekommt:

"Das ist mir so beruhigend, weil man oft sagt, es wäre namentlich für Frauen so ungesund […]. Die Gildemeisters nämlich finden Radfahren plebejisch [unfein, Anm. d. Red.] und ärgern sich schändlich, dass ich es thue, und da muss ich immer so was hören, was mich dann doch natürlich ängstigt. Es muss aber doch gesund sein, weil die augenblickliche Wirkung so wahrhaft und reinigend ist."

Ich glaube, wenn alle Deutschen Rad führen, würden sie ihre dumpfe Sinnlichkeit verlieren und schöner und glücklicher werden.

Ricarda Huch in einem Brief an ihren Schwager

Die Gildemeisters sind in dieser Zeit eine einflussreiche Familie in Bremen. Wenige Jahre bevor Ricarda Huch nach Bremen kommt, promoviert die Braunschweigerin in Geschichte – als erste Frau in Deutschland. Nach einem Jahr zieht Ricarda Huch weiter nach Wien. Als sie im Mai 1897 Bremen verlässt, schreibt sie ihrem Schwager: "Ich glaube, wenn alle Deutschen Rad führen, würden sie ihre dumpfe Sinnlichkeit verlieren und schöner und glücklicher werden."

Autorin

  • Jana Wagner Redakteurin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. September 2022, 13:40 Uhr