Gefährdet Psychotherapie die Verbeamtung von Bremer Lehrkräften?

Symbolbild zeigt eine Therapiesituation. Ein junger Mann wird von einer älteren Frau beraten

Psychotherapie gefährdet die Verbeamtung von Bremer Lehrern

Bild: DPA | Zoonar | Max

Gehen angehende Bremer Lehrerinnen und Lehrer zur Psychotherapie, kann das ihre spätere Verbeamtung offenbar gefährden. Die Bremer Bildungsbehörde will von entsprechenden Fällen nichts gewusst haben.

Das psychologische Gutachten aus dem Klinikum Bremen Ost, welches über die Zukunft von Hanna (Name geändert) entscheidet, ist mehrere Seiten dick. Für dieses Papier hat Hanna sich emotional nackig gemacht, auf Wunsch des Gutachters über ihr Verhältnis zu Alkohol geredet (den trinke sie kaum), darüber, wie sie sich beim Aufstehen fühle (fit) und wie sie sich konzentrieren könne (gut). Zudem ging es um Hannas Psychotherapie, die sie aufgrund einer depressiven Episode während ihres Studiums begonnen hatte. Hanna schloss die Psychotherapie erfolgreich ab, es seien laut ihrem behandelnden Therapeuten auch "keine weiteren Einschränkungen" zu erwarten, weil die Therapie so "konstruktiv" verlaufen sei. Von den vielen Seiten des Gutachtens landen am Ende nur wenige Sätze bei Hanna im Briefkasten, Absender: Das Bildungsressort. Es würden entsprechende Hinweise vorliegen, die gegen eine Verbeamtung sprechen, heißt es. In zwei Jahren würde man erneut auf sie zukommen.

Lehramtsstudierende haben Angst, zur Psychotherapie zu gehen

Dass eine Psychotherapie die spätere Verbeamtung gefährden könne, sei eine Angst, die viele Bremer Lehramtsstudierende umtreibe, berichtet Doris Moormann von der psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerkes Bremen. Manchmal falle das schon auf, wenn die Studierenden zu ihr in die Beratung kommen und anonym bleiben wollen.

Hier gibt es eine große Angst, dass etwas aktenkundig werden könnte, was mit psychischen Erkrankungen zu tun hat.

Doris Moormann, Psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerkes Bremen

Eine Aussage mit Gewicht, wenn man bedenkt, dass psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen, laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) hierzulande jede vierte erwachsene Person betreffen. Erkrankungen der Psyche gehören zum Menschsein dazu. Es grenzt an Absurdität, wenn der Schritt, sich Hilfe zu holen, mit Angst verbunden ist.

Aber ab welchem Schweregrad steht eine psychische Erkrankung der Verbeamtung im Wege?

Einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes aus dem Jahre 2013 zufolge darf eine Verbeamtung aus gesundheitlichen Gründen nur dann abgelehnt werden, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass die Person vor der Rente wegen Krankheit dienstunfähig wird. Eine solche Prognose zu erstellen, mache man sich auch im Gesundheitsamt Bremen nicht leicht, erklärt Kirsten Jestaedt vom amtsärztlichen Dienst Bremen: "Bei wesentlichen seelischen Erkrankungen wird hierzu immer der behandelnde Psychiater oder Psychotherapeut mit der Bitte um Informationen über Diagnose, Therapie und Einschätzung angeschrieben", erklärt sie. Außerdem werde "ein Zusatzgutachten eines sehr erfahrenen psychiatrischen Gutachters eingeholt."

So auch bei Hanna. Sie habe sich sofort gefragt: "Ist ein Extragutachten erforderlich, von jemandem, der mich gar nicht kennt? Und hat das mehr Wert als der Abschlussbericht meines Therapeuten, der mich fünf Jahre begleitet hat?

Offiziell scheitert Verbeamtung in Bremen nicht an Psychotherapie

Der Staatsrat der Senatorin für Kinder und Bildung, Dr. Jan Stöß, vertritt eine klare Position: "Wenn jemand in einer psychisch schwierigen Situation eine Psychotherapie macht, zeigt das eher, dass er oder sie verantwortlich mit seiner Gesundheit umgeht und ist deshalb kein Hinderungsgrund für eine Lebenszeitverbeamtung." Noch bevor Stöß mit den Erlebnissen von Hanna konfrontiert wird, erklärt er: "Wir können genau sagen, in wie vielen Fällen jemand aufgrund von Psychotherapie abgelehnt wurde, das ist tatsächlich Null."

Ist also Hannas Fall, von dem das Bildungsressort nichts gewusst haben will, nur ein unglücklicher Einzelfall? Nein, sagt der Bremer Rechtsanwalt für Beamtenrecht Steffen Speichert. Er habe in den vergangenen Jahren mehrere Fälle, wie den von Hanna, begleitet. "Ich hatte in meiner Beratung schon eine Beamtenanwärterin, die zu jugendlichen Zeiten in therapeutischer Behandlung war, weil die Eltern sich geschieden hatten. Die Gesprächstherapie hat ihr sehr gut getan, und sie hat das dann nicht mehr so häufig, aber regelmäßig, fortgeführt." Grund genug für die Behörde, ihre Verbeamtung auf Eis zu legen. "Ich habe sehr oft einen stumpfen Automatismus erlebt zwischen der Therapiemaßnahme und der Aussortierung als Folge", so Speichert Circa zehn solcher Fälle habe er in den vergangenen fünf Jahren betreut, der Großteil davon angehende Lehrerinnen und Lehrer. "Ich empfinde das als großes Dilemma“, sagt Speichert.

Das ist, glaube ich, sehr frustrierend für die Anwärterinnen und Anwärter. Und auch bitter. Die können das ja nur als Bestrafung empfinden.

Rechtsanwalt Steffen Speichert

Der Staatsrat will von entsprechenden Fällen nichts gewusst haben

Staatsrat Stöß wirkt überrascht. Zu solchen Fällen sei es nicht gekommen. Er könne deswegen auch nicht Stellung beziehen zu einem Problem, das es aus seiner Sicht gar nicht geben sollte. Dass Psychotherapie wichtig und keinesfalls ein Hindernis sei, darauf besteht der Staatsrat. Den Fall von Hanna, den wolle er sich gerne nochmal ansehen, sagt er. "Ich kann natürlich nicht sagen, wie das in dem konkreten Einzelfall gewesen ist. Aber wenn die konkrete Krisensituation bewältigt werden konnte, könnte eine Verbeamtung durchaus in Betracht kommt, erst recht eine Verbeamtung auf Probe."

Hanna setzt auf Fairness

Immer wieder habe Hanna versucht, die Ablehnung der Verbeamtung sachlich nachzuvollziehen – ohne Erfolg: "Ich versuche dann immer zu sehen, dass man einen Bildungsauftrag hat. Man bringt Kindern etwas bei und ist verantwortlich dafür. Und dann stecke ich da meine ganze Energie rein. Und mache das wirklich gerne und gehe jeden Tag gerne zur Schule." Sie habe zudem bisher nicht einen Tag wegen Krankheit gefehlt, sagt sie, bis auf die Coronaimpfung. "Und dann erwarte ich auch, dass fair geurteilt wird."

Keine Verbeamtung wegen Psychotherapie? Eine Bremerin erzählt

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Celine Wegert Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. März 2022, 08:36 Uhr