Vier Fragen zur Zukunft der Windkraft in Bremerhaven

Bremerhaven hat durch die Stellenstreichungen bei Adwen erneut einen Rückschlag erlitten. Was dies für die Zukunft des Windkraftstandorts bedeutet, erklären wir hier.

Das Fabrikgelände von der Firma Adwen, im Vordergrund Teile von Windkrafträdern.
Das Fabrikgelände von Adwen in Bremerhaven erinnert an bessere Zeiten. Bild: Radio Bremen

1 Wie viele Jobs gingen bislang verloren?

Die Seestadt galt einst als Leuchtturm der Offshore-Windkraft, also dem Bau von Windkraftanlagen auf hoher See. In Spitzenzeiten hingen der Bremerhavener Wirtschaftsförderung zufolge bis zu 4.000 Jobs von der Boombranche ab. Von künftig 8.000 Jobs träumte die Politik damals. Das Gegenteil passierte. In den vergangenen Jahren hat die Krise von in Bremerhaven ansässigen Herstellern wie Senvion und Adwen diese Zahl auf rund 1.500 geschmolzen. Die jetzt bei Adwen geplanten Stellenstreichung von 480 Mitarbeitern auf 220 Mitarbeiter noch nicht eingerechnet.

Der Bremerhavener Standort des letzten in der Seestadt produzierenden Windkraftherstellers Senvion ist zwar bis Ende 2019 durch eine Vereinbarung zwischen Mitarbeitern und Konzernleitung gesichert. Offen bleibt jedoch, wie es dann mit dem auf On- und Offshore-Gondeln spezialisierten Werk des Hamburger Konzerns weitergeht.

2 Was bleibt vom einstigen Windkraftboom in Bremerhaven?

Rotorblatt-Produktion in Bremerhaven (Archivbild)
Rotorblätter werden seit 2017 nicht mehr in Bremerhaven produziert. Bild: Imago | Wolterfoto

Was Bremerhaven bislang bleibt, sind vor allem kleinere Zulieferer und Dienstleister wie Ingenieurbüros. Darüber hinaus scheint in den kommenden Jahren zumindest die Erforschung und Entwicklung neuer Turbinen und Windkrafttechnologien in Bremerhaven gesichert zu sein. Dafür steht vor allem das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES), das mit mehr als 200 Mitarbeitern in der Seestadt einen der weltweit seltenen Prüfstände für neu entwickelte Windturbinen unterhält, der noch auf Jahre von Herstellern ausgebucht ist.

Auch der vom Branchenverband Windenergieagentur (WAB) ausgerichtete Kongress "Windforce", der zuletzt im Mai rund 230 Experten und Know-how nach Bremerhaven lockte, wird der Stadt erhalten bleiben. Andreas Wellbrock, Geschäftsführer des WAB, ist dennoch skeptisch, dass langfristig ohne weitere Hersteller vor Ort zusätzliche Arbeitsplätze entstehen werden. "Ohne Industriearbeitsplätze wird es schwer", sagt er.

3 Wie geht es mit der Produktion in Bremerhaven weiter?

Prinzipiell gilt Bremerhaven – neben Cuxhaven – noch als bedeutendster deutscher Offshore-Windkraftstandort, an dem die für die Produktion der Anlagen benötigte Infrastruktur vorhanden ist. Das neue Konzerne in einer Branche auftreten, die weltweit durch Fusionen, Schließung und Zusammenlegung von Standorten geprägt ist, dürfte indes unwahrscheinlich sein. Auch von den bisherigen Herstellern sind absehbar kaum Impulse für Bremerhaven zu erwarten.

Das Maschinenhaus einer Windkraftanlage
Ende Juni 2018 wurde das Ende der Produktion bei Adwen bestätigt. Bild: Adwen Offshore | P. Béglez

Beispiel Siemens: Der deutsche Weltkonzern hatte sich 2016 für gut eine Milliarde Euro mit 59 Prozent am spanischen Windanlagenbauer Gamesa beteiligt. Allerdings vor allem, um sich Know-how im Onshore-Geschäft zu sichern. Denn bei Offshore-Winanlagen war Siemens schon zuvor weltweiter Marktführer. Die auf Offshore-Anlagen spezialisierte Gamesa-Tochter Adwen wollte Siemens daher eigentlich nicht übernehmen. Da ein Verkauf scheiterte, wurde die Produktion der Adwen-Turbinen eingestellt. Siemens setzt künftig auf die eigene Technik. Wohl nur, wenn der Standort Cuxhaven seine Produktionskapazitäten erreicht, könnte Bremerhaven wieder als dann zusätzlicher Produktionsstandort für Siemens-Windturbinen eine Rolle spielen.

Beispiel Senvion: Das Unternehmen hat seine Produktion von On- und Offshore-Gondeln zwar am Standort Bremerhaven konzentriert. Doch die Zukunft der rund 250 in Bremerhaven Beschäftigten ist offen. Es gibt zwar eine Vereinbarung zwischen den Mitarbeitern und der Hamburger Konzernleitung für eine Standortsicherung bis Ende 2019. Wie es darüber hinaus weitergehen könnte, dazu äußert sich das Unternehmen bislang nicht. Im ersten Quartal 2018 stürzte der Umsatz von Senvion um fast 35 Prozent von 392 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr auf 256 Millionen Euro ab.

4 Welche Rolle spielen die Offshore-Ausbaupläne der Bundesregierung?

Für den Absturz machen Branchenverbände und Unternehmen vor allem die Politik verantwortlich. Nach der Fukushima-Katastrophe und der in diesem Zuge eingeleiteten Energiewende hatte die Bundesregierung noch 2012 die Ausbaupläne in der Offshore-Windenergie bis 2030 auf 25 Gigabyte beziffert. Die Unternehmen der Branche schufen daraufhin die entsprechenden Produktionskapazitäten.

Offshore-Windpark in der Nordsee
Der Ausbau der Nordsee-Windparks stockt und lähmt die deutschen Standorte. Bild: Imago | Joker

Die Ziele sind jedoch 2014 auf 15 Gigawatt bis 2030 reduziert und gedeckelt worden. Zunächst aus Kostengründen, also um Subventionen einzusparen. Später dann aufgrund der Befürchtung, dass der Netzausbau nicht mit der Stromproduktion auf hoher See mithalten könnte. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass die bereits vorhandenen Produktionskapazitäten nicht ausgelastet werden können. Gleichzeitig hat der Übergang zu einem marktwirtschaftlicheren Ausschreibungssystem bei Windparks, bei dem das günstigste Angebot den Zuschlag erhält, zu hohem Preisdruck geführt.

Während weltweit jährlich Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 50 bis 60 Gigawatt gebaut werden, hat sich der Ausbau in Deutschland auf jenen Pfad zurückbegeben, der vor 2011 der offizielle war. Die damaligen Ausbauziele, bis 2020 auf See Windräder mit einer Leistung von 7.600 Megawatt (7,6 GW) aufzustellen, was der Leistung von vier bis fünf modernen Kernkraftwerken entspräche, wird derzeit grob erfüllt.

Branchenvertreter, aber auch Bremer und niedersächsische Politiker fordern allerdings ein Vielfaches. Die Branche und auch die fünf Küstenländer wollen 20 Gigawatt bis 2030 und 30 Gigawatt bis 2035 durchsetzen. "Wenn wir da heute nichts tun, dann werden wir das nicht erreichen", sagt WAB-Geschäftsführer Wellbrock. "Wir brauchen den deutschen Markt auch als Schaufenster für die heimischen Hersteller." Denn dass die Windkraft weltweit boomt, stehe außer Frage. Es gebe viele, vor allem kleine und mittelständische deutsche Unternehmen, die jetzt in Taiwan Geschäfte machten. "Dort wird praktisch kopiert, was wir 2012 vorgemacht haben. Nur das die Ziele dort auch umgesetzt werden."

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Bremen Zwei, 28. Juni 2018, 15:40 Uhr

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