Warum der Fall Wilke auch Bremer Lebensmittelexperten besorgt

Im Fall um verunreinigte Wurst der hessischen Fleischfabrik gibt es einen dritten Todesfall. Die Kontrollen sind offenbar nicht ausgereift. Bremer Behörden widersprechen Kritik.

Heruntergelassen sind die Rolltore des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren.
Der Fleischfabrikant Wilke ist inzwischen insolvent. Bild: DPA | Uwe Zucchi

Das Wort von der scheibchenweisen Aufklärung, selten traf es einen Sachverhalt so gut wie im Fall des Wurstfabrikanten Wilke. Denn bevor die Meldungen über bakteriell kontaminierte Produkte aus dem nordhessischen Berndorf auch in Bremen eintrafen, verging viel Zeit.

"Zu viel Zeit", sagt Sonja Pannenbecker, die bei der Verbraucherzentrale Bremen auf die Lebensmittelsicherheit spezialisiert ist. Der Fall Wilke zeige, dass es zu lange dauere, bis die Lieferketten aufgeklärt sind und Verbraucher informiert werden, sagt sie. "Es ist ein Wahnsinn, wie lange das Ministerium in Hessen zugeschaut hat."

Gesundheitsgefahren seit Monaten bekannt

So war bereits im März 2019 ein Listerien-Fall durch Wilke-Ware aus Hamburg gemeldet worden, ein weiterer aus Baden-Württemberg. Ein interner Rückruf und eine Grundreinigung behoben das Problem jedoch nicht. Am 12. August erfuhr Hessens Verbraucherschutzministerium schließlich vom Verdacht auf Listerienbefall in den Wilke-Produkten. Am 18. September wurde der Verdacht, dass 2018 zwei Menschen durch den Verzehr von Wilke-Produkten starben, bestätigt. 37 weitere Erkrankungen wurden zu diesem Zeitpunkt untersucht. Doch erst am 2. Oktober rief die Behörde die Lebensmittel weltweit zurück.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass es einen weiteren Todesfall gibt, der laut dem Robert Koch-Institut "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" durch dieselbe Quelle verursacht wurde.

Selbst der Rückruf verbreitete sich nur zögerlich. So servierte eine Reha-Einrichtung des Universitätsklinikums Köln Patienten auch danach noch betroffene Produkte zum Frühstück.

Selbst vegane und vegetarische Produkte betroffen

Wurstwaren liegen einer Frischetheke aus (Symbolbild)
Wilke belieferte nicht nur Supermärkte, sondern auch Kantinen und Mensen. Bild: DPA | Jens Büttner

"Gerade bei Wilke sehen wir, dass nicht nur Supermärkte beliefert worden sind, sondern auch Weiterverarbeiter, Mensen und Kantinen", sagt Pannenbecker. Sogar vegane und vegetarische Produkte, die inzwischen auf der verlängerten Warnliste stünden, seien unter verschiedenen Marken verkauft worden. "Den einen Schalter, der umgelegt werden müsste, um das Problem zu lösen, gibt es aber nicht", so die Verbraucherschützerin weiter. Das Wichtigste sei, die zuständigen Behörden personell gut auszustatten. Auch die Kommunikation der regionalen Behörden untereinander könne oft verbessert und beschleunigt werden. "Es braucht auch jemanden, der den Rückruf überwacht und kommuniziert", sagt Pannenbecker. Denn das zentrale Meldeportal, Lebensmittelwarnung.de, sei vielen Menschen kaum bekannt.

Vier Fälle in Bremen ohne Zusammenhang mit Lebensmitteln

Auf diese zentrale Website verweist auch das Bremer Gesundheitsressort. Die Behörde selbst unterhält keine eigene Website mit aktuellen Warnhinweisen über kontaminierte Lebensmittel, die Menschen in Bremen und Bremerhaven meiden sollten.

So warnt zwar beispielsweise das Gesundheitsressort auf seiner Website seit Juli vor dem Verzehr von Fischen aus der Ochtum. Die Wilke-Produkte werden jedoch nicht thematisiert. Dafür gibt es laut Gesundheitsressort auch keinen Grund. Denn in Bremen gab es zwar zwischen März und Juni vier Fälle von Listerien. "Für diese wurde aber kein Zusammenhang zu bestimmten Lebensmitteln festgestellt", teilt die Behörde auf Anfrage von butenunbinnen.de mit.

Lückenhafte Dokumentation wird kritisiert

Kritiker der aktuellen Lebensmittelkontrollen prangern immer wieder die lückenhafte Dokumentation der Lieferantenkette an. "Wir sehen, dass die Rückverfolgbarkeit, die eigentlich ein Grundprinzip des Lebensmittelrechts ist, nicht durchgesetzt ist", sagte beispielsweise Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker in einem Tagesthemen-Interview.

Auch die verschiedenen Ziele, die regionale Behörden zum Teil verfolgen müssten, nennt der Foodwatch-Geschäftsführer als mögliche Probleme.

Wenn die lokale Behörde zuständig ist für die Kontrollen, gleichzeitig aber auch für die Wirtschaftsförderung, dann ist das ein Interessenkonflikt.

Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker

"Die Behördenstruktur in Bremen und Ressortverteilung zeigen andere Strukturen", betont hingegen das Bremer Gesundheitsressort. So ist die Lebensmittelüberwachung bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz angesiedelt, die Wirtschaftsförderung hingegen in anderen Ressorts.

7.564 erfasste Lebensmittelunternehmer in Bremen

Und auch einem weiteren Argument widerspricht die Bremer Behörde. So wird immer wieder kritisiert, dass Lebensmittelkontrollen angekündigt werden und somit zahnlos seien. "Kontrollen werden nicht angekündigt", so die Gesundheitsbehörde, die im Land Bremen laut Jahresbericht 7.564 registrierte Lebensmittelunternehmer überwacht.

In welchem Fall eine behördliche Warnung ausgegeben werde, sei dabei stets eine Einzelfallentscheidung nach Prüfung der Fakten. Wobei laut Gesetz zuerst das Lebensmittelunternehmen verantwortlich für die Sicherheit der Produkte sei, ebenso wie für Rückrufe und Rücknahme. Die Entscheidungskriterien der Behörde selbst reichten letztlich von Mitteilungen der Anbieter selbst bis hin zum europäischen Schnellwarnsystem (RASFF).

Zuletzt erwischte es im Übrigen den Bremer Schokoladenfabrikanten Hachez. Anfang Dezember 2018 hatte dieser gemeldet, dass vereinzelt in Weihnachtssternen Schimmelpilze gefunden worden seien.

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  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 11. Oktober 2019, 23:20 Uhr