Wie künstliche Intelligenz kleinen Bremer Betrieben helfen kann

Wie Künstliche Intelligenz auch in Bremer Betrieben Fuß fassen soll

Video vom 30. September 2021
Ein Mann ist mit Gesicht zur Wand er trägt eine Datenbrille, im Vordergrund hält ein Mann einen Tablet.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Bremens kleine und mittlere Betriebe drohen den KI-Trend zu verpassen, fürchtet Fabian Taute. Sein Team und er wollen das ändern – mit kostenloser Beratung.

Fabian Taute (30) hat an der Universität Bremen den Studiengang "Komplexes Entscheiden" absolviert und sich dabei intensiv mit künstlicher Intelligenz befasst. Seit Mai 2021 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater beim Verein "Arbeit und Leben". Die gewerkschaftsnahe Einrichtung will kleinen und mittelgroßen Betrieben und ihren Mitarbeitenden helfen, die Digitalisierung mit KI-Technologien zu nutzen und voranzutreiben – bevor sie den Anschluss verlieren.

Herr Taute, Spracherkennung, Bilderkennung, Datenanalyse und die Roboterfußball-WM – künstliche Intelligenz, also KI, ist heute überall. Freut Sie das oder sind Sie darüber besorgt?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Es gibt KI, die ich für sehr gut halte – zum Beispiel beim Mitarbeiterschutz. Denken wir zum Beispiel an Gesichtserkennungssoftware in Lkws, die detektieren kann, ob der Fahrer oder die Fahrerin müde wird und eine Pause braucht. Andererseits gibt es Beispiele, wo solche Software von autoritär regierten Staaten eingesetzt wird, um im großen Stil das Verhalten von Menschen zu kontrollieren.
Porträt von Fabian Taute
Fabian Taute ist seit Mai 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater bei der gewerkschaftsnahen Bildungseinrichtung "Arbeit und Leben". Bild: Fabian Taute
Bleiben wir mal bei den sinnvollen Anwendungen. Werden diese überhaupt schon von kleinen und mittelgroßen Unternehmen genutzt?
Provokativ gesagt: Nein. Dort ist es bislang eher so, dass 230 Excel-Listen miteinander verknüpft sind, um Sachen zu organisieren und Daten zu speichern. Das läuft noch immer nach dem Aktenordner-Prinzip. Klar ist natürlich, dass die Tischlereiwerkstatt oder der Pflegedienst nicht selbst anfangen werden, KI-Lösungen zu entwickeln. Wir wollen daher Betriebe an die Hand nehmen und mit Unternehmen zusammenbringen, die KI-Software entwickeln. Das hat viel zu tun mit Qualifizierung, mit Aufklärungsarbeit, mit Einbeziehung sowohl der Geschäftsführung wie auch der Mitarbeitenden.
Nennen Sie mal ein Beispiel, wo das so funktioniert hat.
Wir haben in einem unserer ersten Projekte mit dem Büroausstatter BKE Fislage aus Ritterhude zusammengearbeitet. Die sind seit Jahrzehnten Büromöbelausstatter. Das heißt, die Vertriebler sind dann im großen Stil zu den Kunden gefahren, hatten Kataloge dabei, haben Angebote gemacht, sind dann zurück und wieder hingefahren, weil sie nicht den passenden Katalog dabei hatten und so weiter. Vor vier Jahren haben sie dann angefangen und überlegt, wie sie ihr Geschäftsmodell verbessern könnten. Sie haben dann Software entwickelt, die alle Daten aus ihren Katalogen mit einer Hologramm-Brille kombiniert. So kann sich der Kunde inzwischen direkt vor Ort durch die Brille die künftige Ausstattung im halbvirtuellen Raum anschauen.
Die Software hat das Unternehmen aber nicht in Eigenregie entwickelt, oder?
Nein. Man sollte so etwas als kleines oder mittelgroßes Unternehmen nicht selbst machen, sondern Experten mit ins Boot holen. So hat es auch BKE Fislage gemacht. Wichtig ist nur, dass die Betriebe genau wissen, welches Problem sie lösen wollen und welche Daten dazu gesammelt werden müssen. Das kann auch bedeuten, dass man erst einmal damit beginnen muss, überhaupt gezielt Daten zu sammeln. Danach kommt dann die Auswertung und schließlich die Anwendung.
Für welche Betriebe eignet sich KI denn überhaupt?
Für viele. In Bremen zum Beispiel gibt es unzählige kleinere Speditionen. Da gibt es Software, die Routenplanung optimieren kann, wenn die Daten der Disposition über Schnittstellen aufeinander abgestimmt werden – also Kontakte zur Verkehrsplanung, zu den Lkw-Fahrern, zur Rampe oder ins Lager. So kann man große Effizienzgewinne erzielen. Oder gucken wir uns kleinere Maschinenbauer an. Bei der Wartung können diese die Effizienz steigern, wenn sie zum Beispiel mit KI hinterlegte Vibrationserkennungs-Robotik an Maschinen anlegen. Anhand von Vibrationsmustern erkennt das System dann mit der Zeit, ob eine Maschine vielleicht kaputt ist oder wann sie das nächste Mal gewartet werden müsste. Und fast jedes Unternehmen, das im Vertrieb tätig ist, kann Chatbots anwenden. So wird der erste Kundenkontakt in geregelte Bahnen gelenkt. Man kann künstliche Intelligenz zudem in der Kundenanalyse nutzen – was auch bei kleineren Unternehmen funktioniert.
Wenn Chatbots die Arbeit des Kundendienstes zum Teil erledigen, ist das nicht aus Sicht einer gewerkschaftsnahen Beratungsstelle wie der Ihren schwer zu vermitteln?
Auf dem Feld der künstlichen Intelligenz stehen viele falsche Vorstellungen im Raum. Feuilleton-Artikel über den Kollegen Roboter, der jetzt bald alle Arbeitsplätze abräumt, sind daran nicht ganz unbeteiligt. Natürlich ist es so, dass bei technologischen Neuerungen auch Arbeitsabläufe nicht mehr erledigt werden müssen. Das sind aber monotone und wiederkehrende Tätigkeiten, die sich in Algorithmen abbilden lassen – wie zum Beispiel bei den Chatbots der Fall. Aber auch hier werden, wie schon bei anderen technologischen Entwicklungen, nicht alle Arbeitsplätze verschwinden. Deshalb laufen wir dagegen auch nicht Sturm.
Aber wie überzeugen Sie denn eine Belegschaft von KI?
Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen informieren und qualifizieren, so dass sie das Thema aktiv mitgestalten können. So lernen sie auch, wie KI oder Robotik sie bei ihrer Arbeit unterstützen kann, sei es im Kundenservice oder in der Fertigung beim Schweißen und Fräsen mit Virtual-Reality-Brille. In der Pflege kann Robotik zum Beispiel dafür eingesetzt werden, schwere Lasten zu tragen und so die Mitarbeitenden entlasten und es ihnen ermöglichen, sich um komplexere Aufgaben zu kümmern.
Aber können die Mitarbeitenden überhaupt mitentscheiden, ob neue Technologien eingeführt werden?
In größeren Unternehmen, die einen Betriebsrat haben, dürfen Beschäftigte inzwischen mitreden und mitbestimmen, wenn KI-Technologien eingeführt werden. Sie haben zum Beispiel auch das Recht, sich einen Sachverständigen dazuzuholen, der ihnen dann erklärt, was da überhaupt passiert. Kleinere und mittlere Unternehmen haben hingegen oft keinen Betriebsrat. Das ist eine besondere Herausforderung. Denn wichtig ist aus unserer Sicht, dass solche Entscheidungen nicht nur top-down vom Management getroffen, sondern dass solche Veränderungsprozesse gemeinsamen richtig umsetzt werden. Das ist das Erfolgsgeheimnis.
Was kostet die Beratung eigentlich?
Sie ist kostenlos. Das gesamte Programm ist kostenlos. Das reicht von der Klärung der aktuellen Lage des Unternehmens bis hin zu einer konkreten technischen Beratung, wo wir dann unsere KI-Partner dazunehmen. Da sind dann ITler und Ingenieurinnen zur konkreten Anwendungsberatung dabei. Auch die Lern- und Lehrkonzepte zur Qualifizierung von Mitarbeitenden sind kostenlos.

Was ist künstliche InteIligenz eigentlich?

Video vom 24. Mai 2021
Befehle in Computersprache auf einem Bildschirm.
Bild: Radio Bremen
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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. September 2021, 19:30 Uhr