So viel Zündstoff steckte im buten un binnen-Wahllokal

Hitzig – durchaus auch unterhaltsam: Sieben Spitzenkandidaten lieferten sich einen Schlagabtausch. Wer sich am besten präsentierte? Die Bremer entschieden am Ende knapp.

Spitzenkandidaten

Hitzige Debatten in der buten un binnen-Kneipe: Die Spitzenkandidaten der sieben in der Bürgerschaft vertretenen Parteien zeigten sich rund zwei Wochen vor der Bürgerschaftswahl angriffslustig. "Bier, Buletten, Bremer Spitzenkandidaten" war das Motto der Wahlarena – eine gemütliche Runde sieht aber anders aus. Insbesondere die Seitenhiebe der Bürgermeister-Aspiranten Carsten Sieling (SPD) und Carsten Meyer-Heder (CDU) gegeneinander sorgten für Wahlkampf-Stimmung im Weserhaus.

Beim Thema Privatisierung laufen die Kandidaten warm

In den Ring stiegen neben "dem großen und dem kleinen Carsten" die Grünen-Spitzenkandidatin Maike Schaefer, Kristina Vogt (Die Linke), Lencke Steiner (FDP), Frank Magnitz (AfD) und Hinrich Lührssen (BIW). Unter der Leitung der Moderatoren Lena Oldach und Felix Krömer ließ der erste Schlababtausch nicht lange auf sich warten. Carsten Sieling erklärte die Bürgerschaftswahl am 26. Mai zur Richtungswahl. In seiner Stellungnahme zum SPD-Ergebnis der aktuellen Sonntagsfrage schnitt Sieling das Thema Privatisierung an – Lencke Steiners FDP fordert, das Land Bremen solle Optionen prüfen, Unternehmensbeteiligungen aufzugeben, zum Beispiel an der BLG. Solche Beteiligung stellten "ein großes Haushaltsrisiko dar", so Steiner. Gegenwind kam prompt von SPD und Linken: "Privatisierungen gehen zur Lasten der Menschen", sagte Sieling, Vogt verwies auf hohe Steuereinnahmen, die das Land Bremen durch Beteiligungen erhalte.

Carsten gegen Carsten

Carsten Sieling
Setzt auf seine Erfahrung: Bürgermeister Carsten Sieling (SPD).

Bürgermeister Sieling, der oftmals als eher blass und profillos beschrieben wird, wollte offenbar diesen Eindruck im Wahllokal widerlegen und zeigte sich betont selbstbewusst. "Wir haben Bremen auf einen guten Weg gebracht", sagte er mit Verweis auf einen stabilisierten Haushalt, 20.000 Arbeitsplätze und eine "gute wirtschaftliche Entwicklung". Und er zielte auf die geringe politische Erfahrung seines Kontrahenten ab: "Ich sag' immer: Schuster, bleib' bei deinen Leisten."

Carsten Meyer-Heder im Wahllokal
Setzt auf neue Wege: Carsten Meyer-Heder (CDU).

Das sieht Direktkonkurrent Meyer-Heder naturgemäß anders. Neue Ansätze versus Erfahrung so sein Credo: "Ich will Bürgermeister werden. Wir müssen diese Strukturen aufbrechen", sagte der Software-Unternehmer zu über 70 Jahren SPD in Bremen. Mit einer umstrittenen Angelegenheit räumte er im Wahllokal übrigens dann auf: "Natürlich will ich Berufspolitiker werden", sagt Meyer-Heder. Zuvor hatte er diese Deutlichkeit für viele vermissen lassen.

Bei der aktuellen Wahlumfrage hat allerdings Sieling die Nase vorn: 39 Prozent würden ihn bei einer Direktwahl als Bürgermeister wählen, Meyer-Heder kommt auf 31 Prozent.

Immer wieder beharkten sich die beiden Carstens im Laufe der Sendung, insbesondere beim Thema Bildung. Hier mischten aber auch die anderen Kandidaten kräftig mit: Die Bandbreite der Ansätze reichte von "wir haben in Bremen kein flächendeckendes Bildungsproblem, sondern mit Ungleichheit zu kämpfen" (Vogt) bis "kognitive Fähigkeiten sind nun mal ungleich verteilt" (Magnitz).

Lehrermangel? "Wir hatten anderthalb Monate kein Mathe"

Einig waren sich alle Kandidaten, dass die Arbeitsbedigungen für Bremer Lehrer besser werden müssen. Den Praxisbeweis lieferte Stefanie Drieling, stellvertretende Schulleiterin des Alten Gymnasiums, aus dem Publikum. "Wenn Bewerber ein Angebot in Niedersachsen bekommen, dann nehmen sie das", sagte Drieling. "Die Lehrkräfte in Bremen arbeiten sich doof und dämlich. Die Bildungsmisere liegt nicht daran, dass die Lehrer nichts tun." Ein anschauliches Beispiel dieser Misere lieferte Schüler Marcel Eichels. In seinem Schwerpunkt müsse er Mathe als Prüfungsfach belegen. Anfang des Jahres sei eine Lehrerin länger ausgefallen: "Wir hatten anderthalb Monate keinen Mathe-Unterricht", sagte Eichels.

Es ist wesentlich frustrierender, in Mathe zu sitzen und nichts zu verstehen, als es nicht zu haben.

Merit Göring, Schülerin

Auch die Lösung, den Personalmangel durch Quereinsteiger auszugleichen, stößt bei Schülern auf Kritik. "Viele sind nicht in der Lage, konsequent Schüler zu unterrichten", sagte Schülerin Merit Göring. "Es ist wesentlich frustrierender, in Mathe zu sitzen und nichts zu verstehen, als es nicht zu haben."

Koalitionsoptionen: Wer mit wem?

Nicht nur der Dauerbrenner Bildung sorgte für lebhafte Wortgefechte im Wahllokal. Das gegenseitige ins-Wort-fallen fand bei den Redebeiträgen von AfD-Kandidat Magnitz regelmäßig seinen Höhepunkt, begleitet von schweren Atmern und Augenrollen. Ob Magnitz sich über den Umgang mit seiner Partei beklagte oder Themen von Bildung bis Verkehr unter dem Begriff "Heimat" zusammenfasste – die Reaktionen blieben gleich. Keine Rolle spielte die AfD dann im Gespräch über mögliche Koalitionen. Zu wirklich klaren und/oder überraschenden Aussagen ließen sich die Kandidaten nicht hinreißen. Sieling bekräftigte, seine SPD würde nicht als Juniorpartner in eine Große Koalition mit der CDU gehen, während Schaefer betonte, ihre Grünen seien keinesfalls der "Steigbügelhalter" für andere Parteien.

Aber wer geht als Sieger aus dem Wahllokal? Die buten un binnen Meinungsmelder konnten parallel zur Sendung abstimmen. Ihr Favorit: Carsten Meyer-Heder, dicht gefolgt von Carsten Sieling. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen wie in der Sonntagsfrage, könnte man meinen. Allerdings: Betrug Meyer-Heders Vorsprung nach den ersten Sendungsminuten noch rund vier Prozent, war er am Ende hauchdünn. Die "Bronzemedaille holte Kristina Vogt. Die Spitzenkandidatin der Linke konnte ihre Werte im Laufe der Sendung kontinuierlich steigern. Dahinter landete Maike Schaefer, die mit ihren Grünen in der aktuellen Wahlumfrage drittstärkste Kraft in Bremen ist. Das Rennen ums Rathaus bleibt spannend.

Hier seht ihr das ganze buten un binnen-Wahllokal:

Wahllokal mit Spitzenkandidaten

Das Wahllokal in deutscher Gebärdensprache

Dolmetscherin übersetzt live eine Talk-Sendung in Gebärdensprache

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Autorin

  • Greta Block

Dieses Thema im Programm: buten un binnen Wahllokal, 8. Mai 2019, 20:15 Uhr