Kommentar

Hilferuf: Bremerhaven, der große Verlierer

Der Wahlkampf ist in vollem Gange. Viel zu wenig ist dabei von der sozialen Spaltung des Bundeslandes die Rede. Dabei ist es geradezu dramatisch, wie die Schere zwischen Bremen und Bremerhaven auseinander geht.

Der Bremer Marktplatz mit dem Rathaus und dem Bremer Dom auf der linken Seite, rechts das Columbusscenter und das Klimahaus in Bremerhaven
Die Selbstwahrnehmung von Bremern und Bremerhavenern fällt sehr unterschiedlich aus.

Die Schere zwischen Bremen und Bremerhaven ist dramatisch: 63 Prozent sehen sich in der Stadt Bremen als Gewinner der gesellschaftlichen Entwicklung, in Bremerhaven gerade einmal knapp die Hälfte. Rund 30 Prozent sehen sich dort sogar ausdrücklich als Verlierer (Bremen: 17 Prozent).

Diese Selbstwahrnehmung der Menschen macht etwas mit der Stadt. Nur noch 40 Prozent der Wahlberechtigten sind beim letzten Mal in Bremerhaven zur Wahl gegangen. Und wer nun erwarten würde, dass sich hier großartig Protest oder Denkzettel Bahn brechen würde, der sieht sich getäuscht.

Es herrscht eher so etwas wie resignierte Gleichgültigkeit. Man verabschiedet sich aus der immer gleichen Diskurs-Routine, man spielt das Spiel nicht mehr mit, man schafft sich eigene Realitäten jenseits dessen, wie Politik sich das vorstellt. Die schön herausgeputzten Fassaden der Havenwelten und des Neuen Hafens sind etwas für die Touristen, die Zugereisten, aber nicht für einen großen Teil der Einheimischen. Viele fragen offenbar erst gar nicht mehr: Und wir?

Die Bremerhavener sehen ihre Themen nicht mehr vertreten. Ein Beispiel: In Bremen nennen die Menschen in der Vorwahl-Umfrage von Radio Bremen "Verkehr" und "Wohnen" als wichtigste Probleme. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass diese Themen im Wahlkampf prominent vorkommen. In Bremerhaven aber liegt mit weitem Abstand das Thema "Arbeitslosigkeit/Arbeitsmarkt" vorne – sogar noch vor "Bildung", auf das sich die Bewohner beider Städte als Top-Thema einigen können.

Ich kann nicht ansatzweise erkennen, dass die Arbeitsmarktpolitik in diesem Wahlkampf eine große Rolle spielen würde. Wie kann man so sehr ein Thema ignorieren, das einem großen Teil der Bevölkerung dermaßen unter den Nägeln brennt? Wenig verwunderlich, wenn sich ein nicht eben geringer Anteil von Leuten eher zu den Verlierern zählt, in die politisches Invest nicht mehr lohnt.

Bremerhaven ist eine überschaubare Kommune in einem überschaubaren Bundesland. Hier könnte man völlig Neues wagen und ausprobieren in der Arbeits- und Sozialpolitik. Wie in einem Labor. Tabus sollte es keine geben. In ihrem eigenen und im gesellschaftlichen Interesse sollte eine neue Regierung einige mutige Signale in Bremerhaven setzen. Besser spät als nie.

CDU laut Sonntagsfrage stärkste Kraft in Bremen

Zu sehen ist eine Grafik mit den Ergebnissen der Sonntagsumfrage zur Bürgerschaftswahl.
  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Mai 2019, 19:30 Uhr