10 Jahre Krieg: So sieht ein geflüchteter Syrer sein Heimatland

Seit dem Arabischen Frühling herrscht Krieg in Syrien. Shadi Mouassab ist geflüchtet und lebt nun im Bremer Umland. Sein Land, wie er es kannte, gibt es nicht mehr.

Zwei Männer blicken auf aufsteigenden Rauch über der nordsyrischen Provinz Sanliurfa
In Syrien gehört der Krieg seit zehn Jahren zum Alltag der Menschen. (Symbolbild) Bild: DPA | Emrah Gurel

Heute lebt der Syrer Shadi Mouassab mit seiner Frau und ihrem Sohn im gemeinsamen Haus in Verden. Er arbeitet in der Produktion einer Industriechemie-Firma. Moussab hat sich in Deutschland ein Leben aufgebaut - es ist sein zweites. Als die Protestwelle des sogenannten Arabischen Frühlings seine Heimatregion in Syrien erfasste, war Mouassab 24 Jahre alt. Von Tunesien aus hatten sich seit Dezember 2010 die Demonstrationen, Aufstände und Revolutionen durch die arabische Welt verbreitet. Die Beweggründe der Menschen waren vielfältig. Sie wandten sich aber hauptsächlich gegen die autoritären Regime und politischen und sozialen Strukturen der Länder.

In Syrien richteten sich die Proteste gegen die Einparteienherrschaft der nationalistischen Regierungspartei und die Präsidentenfamilie Assad, die das Land seit 1963 durchgängig regiert.

Wir haben niemals gedacht, dass so etwas in Syrien passiert.

Shadi Mouassab, Geflüchteter aus Syrien

Am 15. März 2011 gab es die ersten Demonstrationen in Damaskus. In der Nähe lebte Shadi mit seiner Familie. "Am Anfang wurden keine Menschen verletzt. Dann wurde der Arabische Frühling in Syrien größer und größer und unser Leben war komplett kaputt", sagt Shadi Mouassab.

Straßensperren von einem auf den anderen Tag

Shadi Mouassab vor einem Swimmingpool
Shadi Mouassab in seinem Garten in Verden. Bild: Shadi Mouassab

Er erlebte den Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen in seiner direkten Nachbarschaft: "Das Militär kam in unsere Straße und errichtete Checkpoints. Niemand durfte mehr reisen". Schnell nach Beginn der Proteste setzte Machthaber Baschar al-Assad auch die staatseigene Armee gegen die Demonstrierenden ein. Es gab erste Tote. Durch die Formierung einer militärischen Opposition durch desertierte Armeeangehörige und Zivilisten gehörte der Krieg für viele Menschen bald zum Alltag.

Shadi Mouassab und seine Familie sind Christen – und damit eine religiöse Minderheit im muslimisch geprägten Land. Vom Assad-Regime geduldet und in Ruhe gelassen. Die Revolutionsversuche und daraus folgende islamistische Gruppen sieht er kritisch.

Vor dem Krieg haben wir niemals gefragt, ob du Moslem oder Christ bist. Wir haben so etwas niemals gedacht. Bis der Krieg kam [...]. Sie haben die Kirche verbrannt und Menschen festgenommen und umgebracht.

Shadi Mouassab, lebte vor seiner Flucht in der Nähe von Damaskus

Aus der Hoffnung des Arabischen Frühlings auf Demokratie und Freiheit war ein Bürgerkrieg geworden. Eine bis heute andauernde, hoch komplexe Auseinandersetzung verschiedener Organisationen aus religiösen und ethnischen Gründen.

Der Weg nach Deutschland

Zerstörtes Wohnhaus in Damaskus
Die Terrasse von Shadis Familie in der Nähe von Damaskus. Bild: Shadi Mouassab

Auch in den syrischen Familien gab und gibt es diesen Konflikt, erzählt Mouassab. "Mein Bruder ist gegen die Regierung, mein Papa für die Regierung und ich bin in der Mitte. Ich bin grau". Die gemeinsamen Erlebnisse im Krieg verbinden sie dennoch.

Einmal schlug eine Fliegerbombe bei uns an der Terrasse ein. Auch mein Zimmer war betroffen. Gott sei Dank war ich gerade unten in der Toilette. Sonst könnten wir dieses Interview jetzt nicht machen.

Shadi Mouassab

Shadi Mouassab hat das Land verlassen und sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. Seit 2011 sind laut den Vereinten Nationen 6,7 Millionen Menschen aus Syrien geflohen. Die meisten in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien. Nach Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind bis zum Jahr 2019 rund 790.000 Geflüchtete aus Syrien nach Deutschland gekommen.

Die humanitäre Notlage

Seit gut einem Jahr gibt es in Syrien eine Waffenruhe. Diese sei Russland und der Türkei zu verdanken. Aber die beiden Länder kämpfen in Syrien auch für ihre eigenen Interessen, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Salam Said. Sie kommt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus und hat an der Universität in Bremen promoviert.

Wenn sich so viele Kräfte aus dem Ausland einmischen, wird es schwieriger, einen Kompromiss in Syrien zu finden.

Salam Said, Wirtschaftswissenschaftlerin aus Syrien

Währenddessen liegt die Wirtschaft im Land am Boden. Durch eine Hyperinflation steigen die Preise für Nahrung ins Unermessliche. Laut Zahlen der Vereinten Nationen wisse jeder Zweite im Land nicht, wie er oder sie sich ernähren soll. "Der Status quo ist eine Sackgasse", sagt Salam Said. Ein demokratisches Syrien sei mit Machthaber Assad nicht machbar.

Sie hat die Hoffnung, dass junge Menschen Lösungsansätze finden. Ein wichtiger Faktor seien für sie auch die jungen Geflüchteten, die in ihren Zufluchtsländern auf die Lage in Syrien aufmerksam machen. Es müsse mehr Druck in Richtung Assad geben, sagt Said. Auch Shadi Mouassab aus Verden hofft auf eine Annäherung der Menschen in seinem Heimatland.

Ich wünsche mir, dass wir alle wieder leben, wie wir früher in Syrien gelebt haben. Dass keiner fragt, welche Religion man hat, was man glaubt. Dass wir einfach alle Menschen sind.

Shadi Mouassab, kam aus Syrien nach Bremen

Shadi Mouassab hat Syrien verlassen und in der Nähe von Bremen seine neue Heimat gefunden. Ein Teil seiner Familie erlebt weiterhin, welche Folgen der Arabische Frühling und der anschließende Krieg haben. Die Hoffnungen und Wünsche der ersten Demonstrierenden vor zehn Jahren konnten nicht erfüllt werden. Gerade für junge Leute fehle eine Perspektive, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Salam Said.

10 Jahre Arabischer Frühling: Portrait über den syrischen Geflüchteten Shadi Mouassab

Zerstörtes Wohnhaus in Damaskus
Bild: Shadi Mouassab
Bild: Shadi Mouassab

Autoren

  • Pit Kröger Volontär
  • Orestis Skenderis Volontär

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 15. März 2021, 8:40 Uhr