Niels Stolbergs Aufstieg und Absturz: Gefängnis statt Millionenumsatz

Es war die perfekte Aufsteiger-Geschichte. Doch die einst führende Bremer Schwergut-Reederei Beluga ging pleite. Vor genau 10 Jahren wurde Niels Stolberg als Chef suspendiert.

Audio vom 3. März 2021
Der ehemalige Beluga-Geschäftsführer, Niels Stolberg, schaut nachdenklich (Archivbild)
Bild: DPA | Ingo Wagner

Die Beluga Shipping gehörte einst zu den international führenden Schwergut-Reedereien. Millionenumsätze im dreistelligen Bereich, mehr als 100 Schiffe und ein imposanter Firmensitz auf dem Teerhof mitten in Bremen. Doch am 1. März 2011 wird der Chef Niels Stolberg von Bodyguards der amerikanischen Investmentgesellschaft Oaktree aus seinem neuen Bürokomplex am Bremer Weserufer "entfernt". Der Beluga-Konzern wird zerschlagen, es folgen Insolvenzen und einer der größten deutschen Gerichtsprozesse in der Schifffahrtsbranche – ein Wirtschaftskrimi. Am Ende wird der Unternehmer des Jahres 2006 zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Es bleiben 2,2 Milliarden Euro unbezahlte Forderungen. Dabei kannte Niels Stolbergs Unternehmen 15 Jahre lang nur einen Kurs: Erfolg.

Mit großen Visionen begann sein steiler Aufstieg

Niels Stolberg auf einer Brücke eines Schiffs
Niels Stolberg sah sich gern als Kapitän auf der Brücke, so wie hier am Anfang seiner Zeit als Reeder. Bild: Beluga Shipping | Axel Martens

Als er 1995 die Beluga-Reederei gründete, begann er zunächst mit einem gebrauchten Mehrzweckfrachter. Er vermittelte Schwerguttransporte und beackerte damit eine wachsende Marktnische in der Seefahrt. Es dauerte nicht lange, bis der erste Schiffsneubau an die Beluga Shipping übergeben wurde. Der Name des zweiten Frachters war "Werder Bremen". Sein Unternehmen wuchs so schnell, dass er bereits 2003 eine Niederlassung in Peking eröffnete und 2006 die Umsatzmarke von 100 Millionen Euro erreichte. Innerhalb von zehn Jahren stieg Stolbergs Reederei zum Marktführer für internationale Projekt- und Schwerguttransporte auf.

Renommiert und engagiert wuchs die Beluga immer weiter

Drei Jahre später waren schon 66 Frachter im Einsatz. Alle ein bis zwei Monate gab Stolberg einen Schiffsneubau in Auftrag. Die nötigen Kredite waren dabei kein Problem, denn Beluga machte nach eigenen Angaben inzwischen 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Im gleichen Jahr passieren zwei seiner Frachtschiffe erstmals die ansonsten vereiste Nordostpassage vorbei an Sibirien. Stolberg schnallt einen Zugdrachen vor eines seiner Schiffe, um so die Windenergie zu nutzen. Als Mäzen baute er unter anderem in Thailand eine Schule für Kinder, die durch den Tsunami 2004 zu Waisen wurden. Noch während der Finanzkrise beschäftigt er weltweit rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Trotz Schifffahrts- und Bankenkrise weiter investiert

Hochhäuser in Los Angeles
Die Machtzentrale des Investors "Oaktree" sitzt in Los Angeles. Bild: Radio Bremen | Rainer Kahrs

Auch auf dem Höhepunkt der Bankenkrise war es für Stolberg kein Problem, vier weitere Schwergutschiffe zu bestellen. Was die Banken zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Die Bilanzen für 2009 und 2010 sind trickreich gefälscht. In Wirklichkeit fehlt Kapital in dreistelliger Millionenhöhe. Und Beluga will weiter wachsen. Deshalb lässt Stolberg 2010 den Investmentfond "Oaktree" mit knapp 200 Millionen Euro ins Unternehmen einsteigen. Es braucht ein knappes halbes Jahr, bis die Finanzexperten aus Los Angeles den frisierten Zahlen auf die Schliche kommen. Ein Mitarbeiter Stolbergs gibt den entscheidenden Hinweis.

Dann hatte er nur noch zehn Minuten Zeit, um seine Sachen zu nehmen und sei wie in Trance in sein Büro gegangen und habe seine Tasche gepackt. In dem Buch "Unsinkbar" beschreibt er seine Aufstieg und Fall als Beluga-Chef.

Ich habe eine märchenhafte Karriere gemacht, vom Decksjungen zum Kapitän und weiter zum Reeder und Multimillionär; dann bin ich abgestürzt nach ganz, ganz unten.

Niels Stolberg

Am 3. März macht es Oaktree offiziell: Stolberg ist suspendiert, der US-Finanzinvestor übernimmt die alleinige Kontrolle der Beluga-Reederei. Der Kapitän musste sein Schiff verlassen.

Autor

  • Jens Schellhass

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 3. März 2021, 6:40 Uhr